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Feature

Chemnitz: Eine Stadt entpuppt sich

Stadt der Möglichkeiten

von Robert B. Fishman

Chemnitz. In Sachsens drittgrößter Stadt prallen die Gegensätze aufeinander: Neubauten aus Glas und Beton, DDR-Plattenklötze, weite Brachflächen und Perlen der klassischen Moderne. In den zahlreichen Industrieruinen und leerstehenden Gründerzeitbauten arbeiten junge Leute an der Zukunft ihrer Stadt, die andere zu früh aufgegeben haben.

Zu sphärischen Klängen wabern künstliche Nebelschwaden durch ein Birkenwäldchen. Am Tresen des aus rohem Holz gezimmerten „Raskolnikov“ warten ein paar junge Leute auf ihr Getränk. Die anderen haben sich mit einem Bier oder einem Wodka-Mix auf den Holzsofas ausgebreitet. Ein junger Mann steigt tropfend aus dem hellblau leuchtenden Schwimmbecken. „Baden auf eigene Gefahr“ hat jemand mit schwarzem Lack auf ein Brett gepinselt, das an einem Baumstamm neben dem Pool hängt.
Während sich der Himmel über der Stadt langsam violett färbt, leuchten gelbe, grüne und blaue Scheinwerfer die Nacht über Chemnitz ein. Rissige, grau-braune Fassaden verfallender Fabrikbauten reflektieren das bunte Licht. Jahrzehnte des Stillstands haben den Putz von den Mauern gefressen.

Gründer-Zeit

„Es ist Zeit hier her zu ziehen“ sagt Eva, die junge Künstlerin mit den kurzen blonden Haaren. Verträumt blickt die 29jährige ins Leere, während sie von ihrem Kunststudium in Weimar und ihrer Jugend in Dresden erzählt. „Dort ist alles fertig, die Menschen sind satt. Jedes Angebot kostet Geld.“ Kultur werde den Besuchern in der nahen Landeshauptstadt nach dem Motto „Friss oder Stirb“ vor die Nase gesetzt. Und hier? - „schauen die Leute, wo sie sich einbringen und helfen können.“
In Dresden wollte sie eine Ateliergemeinschaft gründen. Die meisten Interessenten seien ihr als möglicher Konkurrentin skeptisch begegnet. Anders hier. „Ich habe einen Toaster, Du eine Kaffeemaschine. Da können wir schon zusammen frühstücken“, habe ihr ein Chemnitzer geantwortet.

„Ordnung ist das halbe Leben, Schaukeln die andere“, hat Eva ihr Kunstwerk genannt, das in einer Fabrikhalle hinter dem Einwanderungsbüro von Wolkenkuckucksheim hängt: Acht in einem Oktagon angeordnete Schaukeln die zusammenstoßen, wenn die Nutzer nicht aufeinander achten. Zwei Wochen musste sie zeichnen und rechnen, bis sie die Anordnung genau so hinbekommen habe. Seit Tagen beobachtet Eva die Besucher der Kunstausstellung „Begehungen“. Sie ist „ begeistert von der Achtsamkeit“ der meisten. Einige setzen sich und beobachten, andere schaukeln drauf los. Ihr Werk versteht sie als Modell einer utopischen Gesellschaft, in der Menschen ihr Zusammenleben rücksichtsvoll miteinander aushandeln.
„Eine Macherstadt, urteilt nicht nur Eva über Chemnitz. „Die Leute drehen sich nicht weg, wenn Du ein Problem hast. Sie schauen in ihren Rucksack oder in ihr Telefonbuch, um Hilfe zu suchen.“

Nebenan hat Jan Glöckner das Einwanderungsbüro von Wolkenkuckucksheim eröffnet. „Wir nehmen jeden, wir sind doch nicht Deutschland“, verkündet er während er einem Besucher nach einem satirischen Test seine „Einbürgerungsurkunde“ überreicht. Er spüre, dass Chemnitz einst eine Großstadt gewesen sei. Der Kasseler Aktionskünstler freut sich über die interessierten Besucher seiner Performance und über die vielen Möglichkeiten, die diese kaum bekannte Stadt biete.

Die zerrissene Stadt

30.000 Wohnungen standen in Chemnitz zu Beginn dieses Jahrhunderts leer. Das einst wegen seiner Maschinenbau-, Motoren- und Textilindustrie „Sächsisches Manchester“ genannte Wirtschaftszentrum drohte zu verfallen. 1945 hatten Bomber das Stadtzentrum in Schutt und Asche gelegt. Bis dato eine der reichsten Städte Deutschlands hatte Chemnitz damit, wie Stadtführerin Veronika Leonhardt sagt, „seine Seele verloren“.
Sie selbst ist in Karl-Marx-Stadt geboren. Anfang der 50er Jahre erkor die Regierung in Ost-Berlin die zerbombte Arbeiter- und Industriemetropole zur sozialistischen Musterstadt: breite Alleen, sieben- acht- und zehngeschossige Plattenbauten, weite, gepflasterte Plätze und ein neues Wahrzeichen: das Karl-Marx-Denkmal. Der 40 Tonnen schwere und sieben Meter hohe Kopf schaut heute jungen Skatern und Bikern zu, die auf den Betonplatten unter seinem bärtigen Kinn ihre halsbrecherischen Runden drehen. „Nischel“, sächsisch für Kopf, tauften die Einheimischen ihren neuen finster dreinblickenden schwarzen Mitbewohner - einst Symbol der roten Berliner Fremdherrschaft, inzwischen als Wahrzeichen geschätzt und als Motiv auf Schnapsflaschen, Schlüsselanhängern und sonstigem Nippes vermarktet.

Ein Spiegel der Zeitenwenden

Industrialisierung, Gründerzeit, Jugendstil, Bauhaus, realsozialistischer Plattenbau und Postmoderne: Alle Epochen der vergangenen 200 Jahre haben in Chemnitz ihre Spuren hinterlassen. So entstand ein wilder Mix aus emblematischen Bauten der Moderne wie das heutige Museum Gunzenhauser von 1930, das ehemalige Kaufhaus Schocken im Stil der Neuen Sachlichkeit, DDR-Architektur wie die Stadthalle aus den 70ern, weitläufige Industrieareale aus dem 19. Jahrhundert und Nachwende-Bauten, wie der Glaspalast des Kaufhof, dessen Fassade sich das Neue Rathaus von 1911 und das wieder aufgebaute alte aus der Renaissance reflektiert.
Aus dem Fritz-Heckert-Gebiet, eine Plattenbausiedlungen mit einst fast 90.000 Bewohnern, ist ein Quartier für 35.000 Menschen geworden. Rückbau nennen ostdeutsche Städte und Gemeinden den Abriss leerstehender Wohnblocks.
Die Menschen wollen wieder in der Stadt leben. Auf dem Kaßberg erstrahlt zum Beispiel eines der größten Jugendstil-Viertel Mitteleuropas in neuem Glanz: Fast alle Villen und Stadthäuser sind inzwischen renoviert. Derweil verfallen hinter dem Hauptbahnhof Mietskasernen aus der Kaiserzeit, die an Berlins Prenzlauer Berg der Vorwendezeit erinnern.
Zerstörung, Wiederaufbau und Verfall haben neue Möglichkeiten geschaffen: Leerstehende Fabrikgebäude aus dem 19. und frühen 20. Inzwischen übernehmen Kultur, Dienstleistung und Handel die Überreste der einst blühenden Industrie. Europas größte Webstuhl-Werke, die Schönherr-Fabrik auf 83.000 Quadratmeter Grund, wandelte sich zu einem Gewerbepark mit Restaurants, Kleinunternehmen und Künstlerateliers.

Kunst und Kultur blühen in Industrieruinen wie dem ehemaligen Druckerei- und Verlagsgebäude auf einer weiten Brachfläche am Ufer des Flüsschens Chemnitz, das die Stadt gerade renaturieren lässt. Das weltecho bietet Konzerte, Lesungen, Filmabende, Ausstellungen und Performances für ein hier eher kleines Publikum.
Sachsens drittgrößte Stadt gilt als Metropole der Arbeit. „In Leipzig wird gehandelt, in Dresden das Geld ausgegeben und hier gearbeitet“, zitiert Maler, Bildhauer und weltecho-Mitgründer Frank Maibier ein sächsisches Sprichwort. Mit einigen Kollegen sitzt er nach der Finissage einer Ausstellung auf einer Biergartenbank im Innenhof zwischen fünf Etagen hohen, gekachelten Mauern aus dem 19. Jahrhundert. Chemnitz sei „eine proletarische Stadt der Arbeit“, die viele Freigeister hervorgebracht habe. Weil es keine Kunsthochschule gibt hätten sich die heimischen Künstler das Metier selbst erschlossen. Maibier lobt den Zusammenhalt der Menschen. Ein Kollege im Westen müsse Hilfe bezahlen. Hier sei es selbstverständlich, dass Freunde und Bekannte mit anpacken, wenn etwa ein großes Kunstwerk transportiert werden muss. Die anderthalb Tonnen Ton für die aktuelle Ausstellung habe zum Beispiel ein befreundeter Keramiker kostenlos vorbei gebracht. Nach dem Abbau holt er das Material wieder ab.
Auf dem Gelände eines Berufsbildungswerks für Blinde und Sehbehinderte hat Maibier mit einem Kollegen ein berührend schlichtes Mahnmal für die Opfer der Nazi-Euthanasie errichtet. Eine Stahlkugel in einem künstlichen Krater erinnert an einen Meteoriteneinschlag - ähnlich dem Schock, den Eltern erlitten, als sie erfuhren, dass die Nazis ihre behinderten Kinder deportiert haben. Niemand sagte ihnen, was mit den Opfern passiert war. „Kunst“, sagt Maiwald, „muss in Dir sein und aus Dir selbst heraus kommen, sonst funktioniert sie nicht“.

Mehr als 300.000 Einwohner zählte Karl-Marx-Stadt als Industriemetropole der DDR. 60.000 weniger sind es heute. „Ich dachte, die ganze Stadt sei leer“, erinnert sich der spanische Künstler Agustin Garcia an seinen ersten Eindruck von Chemnitz. „Die Schließung der vielen Großbetriebe muss die Menschen tief getroffen haben“, vermutet der 29jährige. Dann entdeckte er mit seiner Partnerin Nina Langwehn „die vielen freien Flächen und Möglichkeiten wie die ehemalige Spinnerei im Stadtteil Altchemnitz. Die beiden jungen Künstler bauten im Rahmen des jährlichen Festivals „Begehungen“ ihre Installation Happy Loosers neben Eva Oliviens Schaukeln auf.
Hier gibt es keinen Kurator, der uns Vorschriften macht“, freut sich Kunststudentin Nina. „Wir haben hier alle Freiheiten.“ Jeden Sommer bespielen die „Begehungen“ leerstehende Häuser, Läden und Fabrikgebäude mit Kunstinstallationen und Performances.

Ein festes Team von 5-8 Leuten organisiert die „Begehungen“ und andere Kulturveranstaltungen. Dazu kommen viele Helfer. Die Stadt und die Kulturstiftung des Freistaats Sachsen unterstützen das Programm mit gut 40.000 Euro. Damit finanziert die Initiative unter anderem Gastaufenthalte auswärtiger Künstlerinnen und Künstler.

Die Malerin Cornelia Zerbinski entdeckt Chemnitz neu. Aufgewachsen in Karl-Marx-Stadt war sie nach dem Ende der DDR 15 Jahre lang im Westen und kam nun zurück: „Ich habe in den vielen Industrieruinen fotografiert wie eine Wilde“. Sie lobt die vielen „direkten und weltoffenen Menschen und den Platz für alle Lebensformen.“

Der Häuserretter

Wo der fehlt hilft Lars Fassmann. An die 30 leerstehende Häuser rund Fabrikgebäude hat der stille, kräftige Mann zusammen mit seiner Partnerin, einer Designerin, gekauft. Die meisten waren schon zum Abriss freigegeben: undichte Dächer, brüchige Zwischendecken, zerschlagene Fenster. Fassmann kaufte sie zum Grundstückspreis und ließ nur das Nötige wie Dach und Leitungen reparieren oder ersetzen. Statt Laminat zu verlegen und neue Türen einzubauen renovierte er wo möglich die alten. „Das ist auf die Dauer kostengünstiger“. Die preiswert sanierten Gebäude vermietet er zu moderaten Preisen gerne an Künstler und andere Kreative.
Die Nutzer des Lokomov zahlen nur die Nebenkosten. So kann der gleichnamige Club im Erdgeschoss kostengünstige Ausstellungen, Filmabende und Konzerte organisieren. Im Haus wohnen Künstler, Musiker und andere Kreative. Auch ein ehemaliges Sparkassengebäude hat Fassmann übernommen. Dort ziehen Wohngemeinschaften, junge Unternehmen und ein Coworking-Space ein: Büros, die Menschen gemeinsam nutzen um Kosten zu sparen, sich auszutauschen und miteinander zu vernetzen.

Als Wohltäter versteht sich der 38jährige Unternehmer nicht- eher als jemand, der langfristig rechnet. „Das erste Haus haben wir für uns selbst gekauft und saniert. Da haben wir eine Menge gelernt.
„Künstler“, überlegt Fassmann, „sind Leute die Ideen haben. Sie bringen die Stadt weiter.“ So entstehe eine Dynamik, die neue Interessenten anlocke. „Wir investieren in unsere eigene Lebensqualität“, ergänzt Fassmanns Partnerin - und in den Wert der Immobilien.
Auf die Prognosen der Bevölkerungsforscher geben die beiden Investoren Fassmann nicht viel. Lange galt Chemnitz als sterbende Stadt. Inzwischen ist die Abwanderung gestoppt. Neue Unternehmen wie Fassmanns IT-Firma Chemmedia brauchen Fachkräfte. Die Arbeitslosigkeit ist unter die Zehn-Prozent-Marke gesunken.
An einer Bushaltestelle im Stadtteil Brühl hängt ein buntes Plakat: „Ein Fahrrad für 300 Euro“ verspricht ein Immobilienunternehmen neuen Mietern. Auf der Internetseite des Unternehmens sind es immerhin noch 100 Euro. Wer schon mal in Berlin oder in westdeutschen Großstädten eine Wohnung gesucht hat, glaubt zu träumen. Vermieter zahlen dafür, dass sie leerstehende Wohnungen an Mann oder Frau bringen.

Die unfertige Stadt

„Brühl Boulevard“ steht in verblassenden schwarzen Buchstaben über der einst beliebtesten Einkaufsstraße der Region. Im Biergarten des Sächsischen Hofs sitzen ein paar Mittagsgäste. Die meisten Plätze sind frei. In einem Straßenbeet blüht eine einsame Sonnenblume. Der Laden an der nächsten Ecke steht leer. Die Schaufenster sind mit weißer Folie überklebt. Nach dem Ende der DDR verfiel das Viertel, bis Leute wie Guido Günther und Laura Tzschätzsch kamen. Die Studienplatzlotterie hat die junge Berlinerin nach Chemnitz verschlagen. „Eigentlich wollte ich nach Aachen, wegen der Grenznähe und den vielen verschiedenen Kulturen, die sich dort begegnen“, erzählt sie lachend. Inzwischen hat die 28jährige auf dem Brühl zwischen leerstehenden Gründerzeit-Häusern und Sanierungsbaustellen das erste Café eröffnet. Im „Brühlaffen“ serviert sie selbstgebackenen Kuchen, Suppen und andere hausgemachte Leckereien, „alles bio und vegan“, wie sie versichert. An Chemnitz schätzt sie „das Unfertige, die vielen Brachen und Freiräume“ wie den Brühl. „Man kann sich einbringen.“

Aufgestanden in Ruinen

An einem der Tische, die Laura vor ihrem Cafe auf die Straße gestellt hat, rührt Guido Günther in seinem Kaffee. Der junge Mann mit den langen Haaren und dem Vollbart hat mit ein paar Freunden „Rebel Art“ gegründet. Im Auftrag von Firmen, Hausbesitzern und Kommunen bemalen sie Fassaden mit bunten Graffities. „Anfangs konnten die Leute damit gar nichts anfangen“, erinnert sich Günther. „Inzwischen läuft es gut.“ Als „Brühlpioniere“ bewohnen die Freunde über ihren Geschäftsräumen und Ateliers eines der frisch sanierten Häuser am Boulevard.
Die Gebäude im Stadtteil gehörten bis zum Ende der DDR der Kommunalen Wohnungsverwaltung KWV. Dann übernahm sie die städtischen Wohnungsbaugesellschaft GGG. Inzwischen sind die meisten Gebäude an einzelne Eigentümer verkauft, die sie nach und nach sanieren. Sechs Häuser hat die GGG für „Projekte“ wie die Brühlpioniere reserviert: Künstlerateliers, Wohngemeinschaften, kleine, kreative Unternehmen. Günther gründete mit seinen neuen Nachbarn und Mitbewohnern eine Genossenschaft, die das 1400 Quadratmeter große Eckhaus für 125.000 Euro gekauft hat. Gemeinsam sanieren die Brühlpioniere ihr neues Domizil. Unten soll eine Galerie einziehen, außerdem Gastateliers für auswärtige Künstler und im Dachboden Arbeitsräume für die Gemeinschaft.

Auf dem Boulevard pflanzen Guido Günther und seine Mitstreiter Blumenbeete und Bäume. Hinter einem der Häuser haben sie ein Hochbeet angelegt, in dem frisches Gemüse gedeiht.

In eine ehemalige Schule ist das Musikkombinat eingezogen, das jungen Bands Proberäume und Bühnen zur Verfügung stellt. Das nicht-kommerzielle Lokalradio T baut gerade sein Studio auf.

„Herzen berühren, Menschen bewegen, den Brühl beleben“, nennt Ulrich Täuber das Motto seines Begegnungszentrums Inspire gegenüber dem Brühlaffen. Der Mathematiker kam in den 90er Jahren im Auftrag einer christlichen Organisation von Erlangen nach Chemnitz. Mit Musiknächten, Begegnungen mit Flüchtlingen, Lesungen und einem regelmäßigen Nachbarschaftsfrühstück fördert das Inspire Austausch und Zusammenhalt im Viertel. „Die meisten Chemnitzer seien nur schwer für neues zu begeistern“, bilanziert Täuber nach einigem Zögern. Die Bevölkerung sei älter als in anderen deutschen Städten. Von den 11.000 Studierenden der Technischen Universität sehe man wenig. Ändern werde sich das hoffentlich, wenn die Bibliothek demnächst in die ehemalige Aktienspinnerei zwischen Brühl und Hauptbahnhof einzieht.
Dennoch lobt er das Engagement der Nachbarn, der Kommunalpolitiker und der Verwaltung für den Brühl. Mit jährlich 20.000 Euro unterstützt die Stadt Bürgerinitiativen in der Gegend.
Für die Entwicklung des innenstadtnahen Viertels hat das Rathaus einen Quartiersmanager eingesetzt. Der Architekt und Stadtplaner Urs Luczak kam 2002 nach Chemnitz. Offiziell firmiert er als „Referent der Oberbürgermeisterin für besondere Projekte“. Seiner Chefin sei „der Brühl als Quartier der Möglichkeiten ein ernsthaftes Anliegen“. Das Konzept kommt an. Inzwischen übersteige die Nachfrage nach Häusern und Wohnungen am Brühl das Angebot. Aufwändig sanierte Wohnungen mit neuen Balkonen kosten inzwischen bis zu 6,70 Euro je Quadratmeter, deutlich mehr als in anderen Stadtteilen.
Um die verschiedenen Interessen im Viertel auszugleichen organisiert Luczak Eigentümer- und Nachbarschafts-Stammtische. Zu Themenforen, auf denen Anwohner jeweils aktuelle Anliegen diskutieren, kommen immerhin „durchschnittlich 30 Leute“. Sie reden über Lärm, die geplanten Parkplätze, denen so mancher Innenhof-Garten zum Opfer fallen wird und die Verkehrsführung. Weil die Grundstücke nach der Privatisierung verschiedenen Eigentümern gehören, muss der Brühl-Boulevard für den Autoverkehr geöffnet werden. Anders sei nicht jedes Haus wie vorgeschrieben mit dem Auto erreichbar.
Auch für den Raumsoziologen Luczak ist die „geplante Entwicklung eines Kreativquartiers unter den Bedingungen der Marktwirtschaft“ etwas Neues. In Chemnitz, wo so viele Kreative an der Zukunft ihrer Stadt arbeiten, stehen die Chancen besonders gut.