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Zocken für alle: Womit Gamer mit Handicap zu kämpfen haben | BR.de

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Es ist ein sommerlicher Abend. Die Jalousien in Patricks Zimmer sind heruntergelassen. Dünne Sonnenstrahlen dringen durch die Lamellen. Gleichmäßig surrt der Ventilator im Gaming PC. "Ich hab' aktuell 160 Spiele: Slenderman, ARK - das ist so ein Dinosaurier Survival Spiel, XCOM, die alten Dark Souls-Spiele hab ich alle."Patrick sitzt im Rollstuhl. Er wird künstlich beatmet, hat Probleme beim Sprechen, von seiner linken Hand kann er nur Daumen und Zeigefinger bewegen. Auch seine rechte Hand wird zunehmend unbeweglicher. Schuld daran ist Muskeldystrophie Duchenne - eine Krankheit, an der Patrick seit seiner Geburt leidet und die dazu führt, dass Patricks Muskeln nach und nach verschwinden. Eine Heilung gibt es nicht.

Vom Zocken lässt Patrick sich dadurch nicht abhalten: "Früher habe ich noch ganz normal mit dem Gamepad gespielt. Vor zehn Jahren war dann der Tag gekommen, wo ich massiv Probleme hatte. Dann habe ich gesagt: Ich setze mich jetzt ran und lerne alles über PC-Zeug. Du findest schon Wege, wie du spielen kannst, ohne dass du große Abstriche machen musst."


Der Kampf mit anderen

In der Facebook-Gruppe "Zocken für Alle" tauschen sich Gamer mit Behinderung darüber aus, welche Spiele und Steuergeräte sie empfehlen können, und welche Erfahrungen sie mit anderen Spielern gemacht haben - und die sind nicht nur positiv.

Vor einigen Jahren hat Patrick das Online-Rollenspiel "World of Warcraft" gespielt und sich dabei via Headset mit anderen Spielern unterhalten. Einige Mitspieler haben dadurch seine Beatmungsmaschine gehört, die 24 Stunden am Tag läuft, und Patrick gefragt, was es damit auf sich hat. Da musste er sich outen und erntete dafür nicht nur Verständnis, sondern auch zahlreiche Beleidigungen. Immerhin hat der Spieleentwickler Blizzard das mitbekommen und reagiert: Die entsprechenden Spieler wurden blockiert.


Zocken nach Maß

Auch sonst ist Zocken für Patrick anders als für die meisten. Wenn er ein neues Spiel auf seinem PC installiert, muss er die dafür erforderlichen Tasten neu belegen. Das Keyboard kann er nicht bedienen. Große Bewegungen mit der Maus kann er auch nicht machen. Dafür ist sie ein spezielles Modell mit besonders vielen Tasten. Außerdem hat Patrick einen Sensor, der seine Augenbewegungen verfolgt und so den Mauszeiger am Bildschirm steuert. Wohin er blickt, dorthin bewegt sich der Cursor oder auch die Kamera.

Für viele Spiele funktioniert das. Ego-Shooter ausgenommen. Da hat Patrick keine Chance. Der Augensensor ist nicht exakt genug. Zockt er ein Rennspiel, dann benutzt Patrick ein zusätzliches Gadget, einen selbstgebauten Joystick, den er von einem Bastler geschenkt bekommen hat. Den befestigt er so, dass er die linke Hand einsetzen kann, um die Tasten links und rechts zu steuern. Alles ziemlich aufwändig und anstrengend. Patrick nimmt das aber in Kauf: "Das ist gewissermaßen Leistungssport, wenn das der Körper eigentlich gar nicht mehr mitmachen will. Aber wenn ich zocken will, dann zock ich - und das versaut mir auch keine Behinderung."


Hilfe von der Industrie?

In Zukunft müssen sich Gamer mit Einschränkungen nicht mehr jedes Feature selbst zusammenbasteln oder teuer kaufen. Denn mittlerweile mischt auch die Industrie mit. Noch dieses Jahr soll ein System von Microsoft erscheinen, der Adaptive Controller. Er passt sich nach dem Baukastenprinzip an den jeweiligen Spieler an. Man kann zum Beispiel mit einem Fuß und dem Kinn steuern oder mit dem Knie und der Schulter - je nachdem, welche Körperteile man bewegen kann. Eigentlich ganz cool.

Der Adaptive Controller hätte aber auch vor zehn Jahren schon entwickelt werden können. Der wäre sowieso nur eine Platine mit Anschlussmöglichkeiten, sagt Patrick. Was übersetzt so viel heißt wie: Technisch ist das nun echt kein großer Aufwand.

Es ist aber nicht nur Hardware, die Menschen mit Handicap hilft. Auch auf Software-Seite, also bei den Games selber, könnten Entwickler noch einiges leisten. "Warum sollen denn nur gesunde Leute spielen dürfen? Es gibt ja Entwickler, die kümmern sich um bessere Kontraste, um die Lesbarkeit, die Schriftgröße. Früher war das nie denkbar, aber das kommt alles. Deswegen schau' ich positiv in die Zukunft", schätzt Patrick die Entwicklung in der Gamingindustrie ein. Doch noch ist Patrick auf sein Equipment angewiesen, wenn es um Videospiele geht.


Held mit Handicap

Ein Ritter streift durch das Grasland. Die Sonne ist am diffusen Himmel nicht auszumachen. Mit Schwert und Schild kämpft er sich durch eine Horde von Untoten, er pariert und rollt sich unter Angriffen davon. Patrick schlägt sich durch die Landschaft von Dark Souls 3, einem Spiel, das für seinen hohen Schwierigkeitsgrad berüchtigt ist. Er hat es schon mehrmals durchgespielt. Der Bossgegner ist ein Ritter in schwarzer Rüstung mit Speer. Ein paar Minuten später hat Patrick gesiegt und geht aus dem Kampf als strahlender Held hervor.

Was in Videospielen bisher selten vorkommt: Hauptfiguren mit Handicap, die nicht durch irgendeine technische Errungenschaft, wie einen bionischen Arm oder ähnliches, übermenschliche Stärke gewinnen. Dabei wäre genau das wichtig, findet Patrick: "Ich glaube, das würde den Leuten das Thema Behinderung näherbringen. Es gibt nun einmal Berührungsängste. Das istzwar besser geworden, meiner Meinung nach, aber warum macht man denn nicht ein Spiel, bei dem man nicht durch die Gegend läuft, sondern mit dem Rollstuhl fährt?"

Darauf müssen wir wohl noch eine Weile warten. Aber das neue Controller-System und die aktuellen Ansätze bei den Spieleentwicklern sind für Patrick eine große und wichtige Sache. Sie zeigen, dass Menschen mit Behinderung von der Gamingindustrie wahrgenommen werden, auch wenn es vermeintlich "nur" um Games geht: "Jeder hat das Recht irgendwas zu spielen, egal ob das jetzt Brettspiele sind oder irgendwelche PC-Spiele." Denn auch das ist Inklusion.

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