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"Extremismus" in Schulbüchern

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Eine neue Studie hat untersucht, wie politischer Extremismus in Schulbüchern dargestellt wird. Defizite zeigen sich den Autoren zufolge vor allem in der Begriffsbestimmung und einem verengten Blickwinkel.


Wer die bestehende Ordnung gewaltsam umstürzen und die fundamentalen Verfassungswerte der Bundesrepublik Deutschland abschaffen will, gilt als Extremist. 66.450 davon zählt der Bundesverfassungsschutz. Laut seinem jüngsten Bericht wurden im vergangenen Jahr insgesamt 29.855 extremistisch motivierte Straftaten begangen. Ein Thema, das auch die Schule als Sozialisationsraum nicht ignorieren kann. Denn dort sollen Kinder und Jugendliche nicht bloß Lesen und Schreiben, Rechnen und Gesellschaftslehre lernen sowie verschiedene Kompetenzen erwerben. Die Schule soll auch eine Legitimationsfunktion erfüllen. Sie soll Heranwachsenden Loyalität gegenüber dem politischen und gesellschaftlichen System vermitteln, sie zu guten Staatsbürgern und Verfechtern der freiheitlich-demokratischen Grundordnung erziehen. Die Relevanz einer kritischen Auseinandersetzung haben sich einige Länder wie Nordrhein-Westfalen gar in die Lehrpläne geschrieben.


Das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung (GEI) hat sich der Frage angenommen, ob Schulen sich dieser Aufgabe gewachsen zeigen und wie intensiv deutsche Schüler für politischen Extremismus sensibilisiert werden. In einer qualitativen Studie analysierte es neben Kernlehrplänen insgesamt 137 Schulbücher, die zwischen 2003 und 2018 für den Unterricht in Sozialwissenschaften und Geschichte in der Sekundarstufe I verwendet wurden. Das Ergebnis: Die Lehrwerke greifen Rechts- und Linksextremismus zwar ebenso wie islamistischen Extremismus auf - die Gewichtung allerdings ist ungleich.

„Sowohl die Lehrpläne als auch die Schulbücher befassen sich sehr stark mit den Gefahren des Rechtsextremismus. Diese Form des Extremismus wird deutlich häufiger thematisiert als die des Linksextremismus", sagt Eleni Christodoulou, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin für das GEI arbeitet. Ein Beispiel: Das Buch „Politik & Co." für den Politik- und Wirtschaftsunterricht in neunten Gymnasialklassen Nordrhein-Westfalens widmet sich in einem kompletten Kapitel dem politischen Extremismus in Deutschland. Wie in den meisten deutschen Schulbüchern liegt auch hier der Fokus klar auf dem Rechtsextremismus. Zu allen Formen extremistischer Ideologie liefert das Buch kurze Informationstexte und zeigt auch beispielhaft die islamistische Scharia-Polizei, die in Wuppertal versuchte, Anhänger zu rekrutieren, sowie Anarchisten bei der Sachbeschädigung. Eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den beiden letztgenannten Formen bleibt allerdings aus. Der Schwerpunkt liegt auf einer Auseinandersetzung mit der Verfassungskompatibilität der NPD.


Das Gesicht des linken Extremismus

Grund zur Beunruhigung, dass diese überproportionale Berücksichtigung zu einer unkontroversen Darstellung des Extremismus führt, bestünde allerdings nicht, sagt Eleni Christodoulou. Das festzustellende Ungleichgewicht deute nicht unbedingt auf ein absichtliches oder unreflektiertes Verharmlosen hin. Dass der Rechtsextremismus eine dominantere Behandlung erfahre, lasse sich wohl vor allem auf den historischen Kontext zurückführen. Vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Faschismus habe die Prävention rechter Gewalt hierzulande einen deutlich höheren Stellenwert.

Politischer Extremismus wird an deutschen Schulen zumeist im Rahmen einer Unterrichtsreihe behandelt, die Gefahren für die Demokratie thematisiert. Dabei gehen die Schulbücher zumeist induktiv vor. Vom konkreten Fall - beispielsweise einer politische Gruppe oder Partei - werden die Schüler zum Abstrakten - den grundlegenden Strukturen der jeweiligen extremistischen Ideologie - geführt. Als Beispiel für die rechtsextremistische Ideologie fungiert in Politikbüchern zumeist die NPD, anhand derer über die Möglichkeit und Sinnhaftigkeit eines Parteienverbots debattiert werden soll. In neueren Schulbüchern findet auch der Nationalsozialistische Untergrund Erwähnung.


„Das Gesicht des linken Extremismus ist eindeutig die Rote Armee Fraktion", resümiert Christodoulou. Dabei zeichnet sich gerade die linke Szene durch eine besondere ideologische Bandbreite aus, vom Marxismus-Leninismus über den Anarchosyndikalismus bis zur Autonomen Szene. In neueren Lehrwerken fände zwar auch eine Organisation wie die Blockupy-Bewegung Erwähnung. Doch dies bliebe eine Ausnahme. Geht es in Schulbüchern um Linksextremismus, werde er meist am Beispiel der Terrorgruppe um Andreas Baader und Ulrike Meinhof exemplifiziert.


Keine Gleichmacherei

Fast durchweg ist beim Rechts- und Linksextremismus eine Verengung auf deutsche Phänomene festzustellen. Inwiefern beide auch ein europäisches oder globales Problem darstellen, bleibt meist unerwähnt. Anders verhält es sich nur mit dem islamistischen Extremismus. So legt das 2017 erschienene Buch „Politik & Co." zum Beispiel einen Kapitelschwerpunkt auf den sogenannten Islamischen Staat und die internationale Sicherheitspolitik.


Ein ernüchterndes Fazit zieht das GEI hinsichtlich der Erörterung von Ursachen. Darüber, wie Extremismus entsteht und was ihn begünstigt, lernen Schüler in den Büchern kaum etwas. Hier sieht die Studie Handlungsbedarf, um zielgerichtete Präventionsarbeit bei den Heranwachsenden leisten zu können. Ein weiteres Defizit macht die Studie bei der Definition einzelner Termini aus. „Wir empfehlen Verlagen, verschiedene Arten von gewalttätigem Extremismus nicht so zu behandeln, als wären sie im Kern identisch", sagt Christodoulou und knüpft damit an eine kontroverse Debatte an. Eine Darstellung der Differenzen unterschiedlicher Extremismusformen könne zu einem tiefergreifenden Verständnis der Schüler führen, argumentiert die Studie. Wirkungsmechanismen - wie beispielsweise eine zwischen den Extrempolen aufkeimende Gewaltspirale - könnten so bewusster wahrgenommen werden.

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