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Vom Scheitern lernen

Erfolg ist gut - Misserfolg ist schlecht. Mit einem Unternehmen oder Projekt zu scheitern, gilt in Deutschland immer noch als Makel, den man nicht so einfach wieder loswird. Dabei ist es der Regelfall und nicht die Ausnahme. Die Hälfte aller Neugründungen scheitert in den ersten fünf Jahren.

Dass man auch aus einer Niederlage erstarkt hervorgehen kann, haben vier Menschen am Dienstag in der Schwankhalle bei der zweiten Bremer Fuck-Up-Night bewiesen. In freien Vorträgen erzählten die Unternehmer die Geschichte ihres ganz persönlichen Fuck-ups.


Der Kreative

Jan van Hasselt ist Dokumentarfilmer. Oder vielmehr war er das. 2007 sollte van Hasselt den Bau eines neuen Thyssen-Krupp-Stahlwerks in Brasilien mit einer Dokumentation begleiten. „Es war wahnsinnig spannend, bei so einem Großprojekt dabei zu sein", erinnert er sich. Doch der Bau stellte sich als Desaster heraus, kostete statt der geplanten 1,9 mehr als acht Milliarden Euro und den damaligen Thyssen-Krupp-Chef den Job. Van Hasselt stellte den Film trotzdem fertig und bekam viel Lob für seine Arbeit.

Die Hiobsbotschaft kam per Fax: Der Film dürfe niemals öffentlich gezeigt werden, da er den Börsenkurs beeinträchtigen könne. Die jahrelange Arbeit von van Hasselt war umsonst. „Ich habe sehr viel gedreht, aber nur sehr wenig zeigen können", sagt van Hasselt. Seine Erfahrungen verarbeitet er mittlerweile auf der Bühne in sogenannten Lecture-Performances. Darin zeigt er Material aus dem nicht freigegebenen Film und verbindet dies mit Dreh- und Reisetagebuchtexten, Essays sowie Bildern von verlassenen Sportstätten in Rio de Janeiro, wie etwa dem Maracanã-Stadion.


Die Designerin

2009 schwebte die Bremerin Ina Hacheney auf Wolke sieben. Ihr Unternehmen Nails 4 Nature betrieb deutschlandweit neun Filialen für Nageldesign und machte mehrere Millionen Euro Umsatz. Ein Steuerberater empfahl ihr, alle Niederlassungen in eigene Gesellschaften umzuwandeln. Ein Fehler: Hacheney verlor irgendwann den Überblick. Hinzu kam ein Streit mit ihrem Partner und Miteigentümer der Firmen. „Irgendwann brach der Rückhalt bei den Mitarbeitern weg", sagt Hacheney.

Als dann noch eine Steuernachzahlung von 60 000 Euro fällig wurde, „kamen die Einschläge immer näher". Innerhalb eines halben Jahres mussten alle Filialen geschlossen werden. „2012 habe ich dann verspätet Insolvenz angemeldet", sagt sie. Die zweifache Mutter stand plötzlich vor dem Nichts. „Ich wollte nur noch raus aus Bremen und zog nach Cuxhaven." Nach einer Auszeit schöpfte sie neuen Mut und gab ihre Erfahrungen weiter, indem sie einen Gesprächskreis der Anonymen Insolvenzler leitete. Ihr Traum der Selbständigkeit ging am Ende doch noch in Erfüllung. Ina Hacheney betreut mittlerweile freiberuflich Menschen in Krisensituationen.


Der Ingenieur

„Ich habe es geschafft ein Unternehmen, das 30 Jahre am Markt bestand, innerhalb von zwei Jahren an die Wand zu fahren", sagt Sebastian Schmitz. Der Maschinenbauingenieur war vorher in mehreren Unternehmen in leitenden Positionen tätig. „Ich wollte aber schon immer mein eigener Chef sein." Auf einer Unternehmerbörse im Internet fand er 2014 schließlich einen Firmenchef, der einen Nachfolger für seinen Schweißbetrieb suchte. Die Euphorie war groß, Schmitz konnte neue Kunden gewinnen und weitere Geschäftsfelder erschließen. „Wir hatten Aufträge ohne Ende." Zu spät bemerkte er, dass mit den Bilanzen irgendwas nicht stimmte. „Ich habe das Unternehmen quasi insolvenzreif übernommen", sagt Schmitz. Zusammen mit einem Anwalt hat er schließlich eine Exit-Strategie ausgearbeitet. Heute ist Schmitz wieder Angestellter in einem Ingenieursbetrieb und berät Unternehmen, die sich in Schieflage befinden. „Scheitern ist nicht das Gegenteil von Erfolg - es ist ein Teil davon", sagt Schmitz.


Der Berater

„Scheitern klingt für mich so entgültig, ich spreche lieber von misslingen", sagt Attila von Unruh. 2000 wollte er seine Eventmarketing-Firma an einen befreundeten Geschäftspartner verkaufen. Von Unruh war mit dem Preis zufrieden, der Deal stand. Kurz nach Abschluss des Vertrages ging jedoch der Käufer pleite. Eine Klausel in der Vereinbarung wurde von Unruh schließlich zum Verhängnis: Die Bürgschaften liefen noch auf seinen Namen - er musste also für alles aufkommen.

„Ich habe dann den Fehler begangen, die Situation alleine lösen zu wollen", sagt von Unruh. Fünf Jahre verhandelte er mit den Gläubigern, ehe er sich entschloss Privatinsolvenz anzumelden. Später gründete er die Anonymen Insolvenzler, die es mittlerweile in jeder größeren Stadt gibt. Die Erfahrung mit den Gesprächkreisen bewog ihn dazu, 2013 die Beratungsfirma Team U zu gründen. „Bei den Treffen sitzen gestandene Unternehmer, Juristen oder App-Entwickler - also jede Menge Potenzial. Wir wollen ihnen eine zweite Chance verschaffen", sagt von Unruh.

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