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NSU-Prozess in München: Verschworene "Familie"

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NSU-Prozess in München

Verschworene "Familie" Eine Kernfrage des NSU-Prozesses ist, ob und in welcher Form die Angeklagte Beate Zschäpe von der Mordserie wusste und daran beteiligt war. Zeugen haben beschrieben, wie familiär das Beziehungsgeflecht zwischen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe war.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Besonders deutlich wird die enge Bindung zwischen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, wenn man aktuelle Zeugenaussagen vor dem Oberlandesgericht München nachverfolgt. In dieser Woche bezeichnete eine Zeugin das Trio als "verschworene Gemeinschaft". Diesen Eindruck habe sie von den drei mutmaßlichen Terroristen schon vor deren Untertauchen gehabt, sagte Jana J. vor dem Münchner Oberlandesgericht. Es sei eine Gemeinschaft gewesen, "aus der nichts nach draußen gedrungen ist". Die Zeugin will sich außerdem daran erinnert haben, Zschäpe mit einer Waffe gesehen zu haben.

Ein Vernehmungsbeamter hatte am 2. April 2014 bereits ausgesagt, der ehemalige V-Mann Thomas S. habe ihm berichtet, ein mehrmonatiges "Techtelmechtel" mit Zschäpe gehabt zu haben. Er hätte die Beziehung gerne vertieft, sie habe jedoch nur die beiden Uwes und Politik im Kopf gehabt.

Bemerkenswert auch die Aussagen der Eltern von Uwe Böhnhardt. Demnach habe für Zschäpe und Mundlos prinzipiell gar keine unbedingte Veranlassung bestanden, in den Untergrund zu gehen. Zwar hätte zumindest Zschäpe nach dem Fund von Sprengstoff in einer von ihr angemieteten Garage mit Ermittlungen oder einer Anklage rechnen müssen, doch angesichts des nicht gerade überzogenen Eifers bei der Strafverfolgung von Neonazis im Thüringen der 1990er Jahre wäre eine Verurteilung alles andere als sicher gewesen. Zudem stellte sich nun heraus, dass die gefundenen Rohrbomben gar nicht funktionsfähig waren.

Nur Böhnhardt war damals bereits rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe verurteilt - allerdings zu einer Jugendstrafe. Alle drei gaben dennoch ihre bürgerliche Existenz auf. Die Neonazis waren von nun an voneinander abhängig. Jede/r hätten die jeweils anderen verraten können. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe verbrachten zudem Urlaube gemeinsam, unter anderem in Krakow am See in Mecklenburg-Vorpommern. Kontakte zu Neonazis in mehreren Bundesländern waren offenkundig eine Voraussetzung, um das Leben im Untergrund organisieren zu können - und wohl auch, die späteren Morde und Anschläge planen und durchzuführen zu können.

Aus mehreren Zeugenvernehmungen ergibt sich außerdem, dass sich das Trio über Jahre bewusst von seiner Umgebung abgrenzte. Selbst bei den wenigen "Freundschaften", die Zschäpe pflegte, hatten die weiblichen Bekannten weder eine Adresse oder Telefonnummer von ihr oder Kenntnisse über ihr Privatleben.

Exklusiv und familiär

Beim Prozess berichteten Zeuginnen zudem über ihren Eindruck des persönlichen Umgangs des Trios untereinander. Während eine Zeugin am 13. März 2014 die Beziehung zwischen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt als "sehr exklusiv" bezeichnete, benutzte eine andere Zeugin den Begriff "Familie". Die drei Neonazis hatten sich von ihrem Elternhaus abgekoppelt und eine neue "Familie" gegründet, so wie es junge Erwachsene eben tun. Das Besondere an dieser "Familie" war, dass sie nicht nur auf Freundschaft oder Liebe, sondern offenkundig auch auf ideologischer Verbundenheit basierte.

Vor diesem Hintergrund ist es unwahrscheinlich, dass Zschäpe innerhalb der Gruppe eine so weitgehende Abschottung von den anderen Gruppenmitgliedern überhaupt hätte vornehmen können, so dass sie weder von deren Zielen ("Taten statt Worte") noch von deren konkreten Plänen gewusst hatte. Es erscheint höchst unwahrscheinlich, dass Mundlos und Böhnhardt durch Deutschland fuhren, Banken überfielen und Anschläge verübten, ohne das Zschäpe etwas davon wusste. Dies gilt ebenso für die Planung und Vorbereitung von Anschlägen, Morden und Überfällen. Vielmehr deckte sie offenbar ihre mutmaßlichen Komplizen, indem sie eine bürgerliche Legende aufbaute und pflegte.

Zudem benutzte Zschäpe das Geld, das aus den Banküberfällen geraubt wurde. Die Einnahmen waren auch für sie von elementarer Bedeutung - das Gelingen der Banküberfälle dürfte also auch in ihrem Sinne gewesen sein. Auf zwei Zeitungsartikeln, die über NSU-Anschläge berichtet hatten und in der ausgebrannten Wohnung in Zwickau gefunden worden waren, wurden Zschäpes Fingerabdrücke gefunden. Ihre Verteidiger verweisen allerdings darauf, dass auf den vielen anderen Ausschnitten nicht ihre Spuren nachweisbar waren. Zudem soll Zschäpe die Bekenner-DVDs verschickt haben und setzte laut Anklage die Zwickauer Wohnung nach dem gescheiterten Banküberfall in Eisenach in Brand.

Gemeinsame Ideologie

Es erscheint insgesamt eher abwegig, dass sich eine in einer abgeschlossen Gruppe, die gemeinsame ideologische Ziele verfolgte, gleichberechtigte Person weitestgehend von ihren Bezugspersonen abgrenzen und nichts von ihrem Denken und Handeln wissen könnte.

Ebenfalls kann man praktisch ausschließen, dass Mundlos und Böhnhardt die langjährige Freundin, Vertraute und Weggefährtin sowie Mitbewohnerin und Ex-Geliebte von ganz wesentlichen Aktivitäten ausgeschlossen hätten. Und diese wesentlichen Aktivitäten der Zelle waren eben die Planung und Durchführung von Raubüberfällen, Anschlägen und Morden. Kurzum: politischer Terrorismus.

Stand: 18.04.2014 11:38 Uhr

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