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Ein Schweineleben für die Intelligenzforschung

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Unsere Kune-Kune-Schweine sind zutraulich und lassen sich gern kraulen, weil wir täglich mit ihnen arbeiten", sagt Marianne Wondrak. Aber Schweine anderer Rassen wären auch so, wenn sie unter solchen Bedingungen lebten: Acht Hektar Wiese und ein kleines Wäldchen sind das Forschungslabor für 41 Tiere der neuseeländischen Rasse. Heimische Mastschweine wären fürs Freiland nicht robust genug. Wondrak ist Tierärztin und setzt sich für ihr Dissertationsprojekt auf dem Haidlhof mit Sozialverhalten und Intelligenz der Kune-Kune-Schweine auseinander.

Das Projekt „Die sozio-kognitiven Fähigkeiten des Hausschweins, ethische Implikationen und medizinische Indikatoren des Wohlbefindens" ist das erste seiner interdisziplinären Art: Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung lassen sich z. B. mit dem Stresspegel der Schweine in Beziehung setzen. Die Resultate helfen, die Mensch-Tier-Beziehung weiter zu erkunden: Inwieweit wirkt sich die Erforschung der kognitiven Fähigkeiten der Schweine auf ihr Ansehen aus? Der Kognitionsbegriff meint dabei etwa das rationale Verständnis der Tiere, etwa ihre Abstraktionsfähigkeit.

Beim Besuch der „Presse" grasen viele Schweine auf der Weide. Diese war zu Projektbeginn 2014 noch „brauner Stoppelacker und verfilzter Wald", erzählt Wondrak. Je höher die Sonne steht, umso weiter ziehen sie sich in den Schatten zurück oder kühlen sich in der selbst gegrabenen Suhle ab. Von Menschen - auch von fremden - lässt sich kein Schwein beirren. Nur wenn Wondrak einen Namen ruft, „Zafira!", kommt jemand gelaufen, „damit wir sie einzeln ins Trainingscompartment führen können", eine Hütte neben der Weide, in der sie am senkrecht montierten Touchscreen Aufgaben gestellt bekommen. „Sie gehen bei Fuß mit wie ein Hund - auch ein Weg, ihre Motivation zu erkennen." Reagiert das Tier nicht auf Zuruf, wird es in Ruhe gelassen und später wieder aufgerufen.

Die Zusammenarbeit basiert auf dem Grundsatz: Unerwünschtes Verhalten wird ignoriert, erwünschtes belohnt. Ähnlich den Hunden im Wiener Clever Dog Lab finden die Schweine - per Versuch und Irrtum - heraus, dass man den Bildschirm an der richtigen Stelle berühren muss, um eine Belohnung zu erhalten. Dann bekommen sie die erste Aufgabe gestellt.

Zur Belohnung Apfelstücke

Zwei Bilder erscheinen nebeneinander: ein menschlicher Kopf von vorn, einer von hinten fotografiert. Zafira etwa ist auf Gesichter konditioniert und bekommt Apfelstücke, wenn sie die Vorderansicht anstupst. Wondrak: „Es geht ums Generalisieren. Finden sie die Gemeinsamkeit verschiedener Gesichter und bilden daraus eine Klasse?"

Die Schweineherde besteht aus drei Muttersäuen und deren Würfen aus 2014 und 2015. „Wir haben sie darauf trainiert, uns mit einem Wattestäbchen Speichelproben nehmen zu lassen", so Wondrak. So wird das Stresshormon Cortisol gemessen. In der konventionellen Schweineproduktion werden Ferkel nach circa vier Wochen von der Muttersau getrennt und haben dann erhöhte Cortisolwerte. Auf dem Haidlhof wurde bis zur 16. Lebenswoche gesäugt. Die Datenauswertung läuft. „Wir sehen derzeit einen minimalen Anstieg zum Zeitpunkt des Absetzens", so Wondrak. Ursache dafür könnte aber selbst das Wetter sein.

Die Freilandbedingungen haben dabei auch Vorteile. „Kognitionsforschung an Schweinen wird sonst mit zehn Wochen alten Ferkeln im Stall begonnen, mit denen man während der Mastdauer von fünf Monaten arbeiten kann, bis sie geschlechtsreif sind", sagt Wondrak. Will man danach weitermachen, sind die Tiere schon in der Wurst. Wondrak: „Das ist unser Vorteil: Wir können die Schweine ein Leben lang begleiten, etwa um nach einem generellen Intelligenzfaktor zu suchen." Das heißt: Ist ein Tier, das am Touchscreen schnell lernt, auch pfiffig beim sozialen Lernen mit Artgenossen?

In einem solchen Experiment haben die Forscher die Muttersäue trainiert, eine Box nach links oder rechts aufzuschieben. Die Ferkel durften zusehen und sollten dann selbst probieren. Auch sozialer Umgang müsse geübt werden, und das funktioniere nur „in einem festen Gefüge, in einigermaßen naturnaher Umgebung", so Wondrak. „Die anerkannte Meinung ist, dass ein Tier nur dann soziale Skills entwickelt, wenn es die Möglichkeit dazu hat." Auch diese Ergebnisse seien noch in der Auswertung, aber „die Ferkel haben sich sehr wohl nach den Strategien der Muttertiere gerichtet", verrät sie.

Kindergarten selbst organisiert

Das Team hat auch ein soziales Netzwerk der Schweine erstellt. „Welche Tiere sind gemeinsam unterwegs? Wer berührt wen beim Schlafen?" Die Forscher haben herausgefunden, dass die jeweils jüngsten Tiere sich in einer Art Kindergarten organisieren. Wondrak: „Sie sind bis zur Geschlechtsreife unter sich geblieben." Auch die leisen Grunzgeräusche, die die Tiere laufend als Kontaktlaute von sich geben, sind relevant.

Laut kann es werden, wenn die Sau rauscht, also paarungsbereit ist. „Unsere Eber sind nicht kastriert, sondern vasektomiert und nehmen ihre natürliche Rolle in der Gruppe ein. Manchmal kommt es zu Auseinandersetzungen, die aufgrund der festen Rangordnung aber in der Regel glimpflich ausgehen." Wichtig ist in diesen Fällen, dass die Tiere einander ausweichen können. In konventionellen Haltungen werden solche sozialen Bedürfnisse bei Schweinen derzeit kaum berücksichtigt - im Gegensatz etwa zu Kühen, zu denen mehr geforscht werde, sagt Wondrak.

Am Institut will man in Zukunft auch das Wildschwein, direkten Vorfahr des Hausschweins, in die Untersuchungen einbeziehen. Von Versuchen aus den 1980ern weiß man, dass Zuchtsauen sich im Wald rasch wieder allein zurechtfinden und etwa Wurfkessel bauen. „Der Domestikationseffekt interessiert uns - wie bei Hund und Wolf - sehr." Ein vergleichendes Forschungsprojekt ist, jedenfalls auch im Freiland, schon geplant.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2016)

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