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Wie unbedenklich sind E-Zigaretten wirklich?

Erleben Sie das Gefühl, vom Raucher zum Nichtraucher zu werden, ohne auf etwas verzichten zu müssen." Mit solchen Verheißungen werben Anbieter für E-Zigaretten. Offenbar ist die Sehnsucht nach vermeintlich schadlosem Genuss groß: Von 2010 bis 2016 stieg hierzulande der E-Zigaretten-Umsatz. Nach Angaben des Verbands des E-Zigarettenhandels erhöhte er sich von 5 Millionen auf 420 Millionen Euro. Dampfer gehören mittlerweile zum Straßenbild.

Ob E-Zigaretten jedoch unbedenkliche Alternativen zu klassischen Zigaretten sind, ist umstritten. Manche betrachten sie als Lebensretter, andere als Gefahr. Der Unterschied: Bei klassischen Zigaretten wird Tabak verbrannt. Dabei entstehen etwa 250 giftige oder krebserregende Substanzen. E-Zigaretten enthalten in der Regel ein flüssiges Gemisch aus Propylenglykol, Glyzerin, Aromen und Nikotin, Liquid genannt. Es wird verdampft. In den weißen Schwaden finden sich deutlich weniger Schadstoffe als in Zigarettenrauch.

Krebsgefahr im Dampf?

Doch auch beim Verdampfen entstünden unter anderem Formaldehyd und Acetaldehyd, die im Ruf stehen, Krebs zu erregen, betont Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Auch metallische Bestandteile seien schon nachgewiesen worden, vermutlich durch Konstruktionsmängel bedingt.

Einer, der sich mit E-Zigaretten auskennt, ist Bernhard Mayer, der an der Universität Graz Pharmakologie und Toxikologie lehrt. Früher war Mayer Raucher, heute ist er Dampfer. „Ich habe mein Leben lang stark geraucht", erzählt der 58-Jährige. Bis ihm ein Hersteller 2012 eine E-Zigarette für ein Gutachten geschickt habe. Nach zwei Wochen habe er gemerkt, dass er keine Zigaretten mehr brauchte. „Da habe ich mich gefragt: Wieso rauche ich eigentlich noch?"

Ganz unparteiisch ist Mayer nicht. Im Auftrag von Herstellern hat er E-Zigaretten bei Gutachten mehrfach Unbedenklichkeit bescheinigt. Auch Arztpraxen hat er angeschrieben, um seine Einschätzung zu verbreiten. Seine Raucherbiografie teilt Mayer mit Menschen, die in Medienberichten regelmäßig erzählen, nach dem Umstieg weniger Atemnot zu haben oder wieder leichter Treppen steigen zu können. Eine Studie der Universität Hamburg ergab, dass mehr als 90 Prozent der Dampfer früher geraucht haben oder noch immer rauchen.

Doch nicht jeder hält E-Zigaretten für ein probates Mittel zum Ausstieg aus der Tabaksucht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht darin ein potenzielles Einfallstor für Nikotinsucht. Auch das DKFZ warnt vor dem enthaltenen Nikotin - also jenem Stoff, nach dem Zigarettenraucher gieren.

Das, was Menschen krank macht, sind Experten zufolge zwar vor allem der im Rauch enthaltene Teer und die giftigen Substanzen. Unproblematisch ist Nikotin trotzdem nicht. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin ist ein Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes belegt. Ebenso gilt ein Einfluss auf das Wachstum bereits bestehender Tumore als wahrscheinlich.

Elektrische Zigaretten simulieren das Rauchen mit technischen Mitteln, ohne dabei Tabak zu verbrennen. Die Geräte bestehen aus einer Stromquelle, einem elektrischen Vernebler und einer auswechselbaren Kartusche mit einer Flüssigkeit, dem Liquid. Es wird durch das Saugen am Mundstück vernebelt und inhaliert.

Hauptbestandteile des Liquids sind Propylenglykol und Glyzerin. Die Flüssigkeit enthält außerdem Aromen. Diese schmecken zum Beispiel nach Tabak, Schokolade, Menthol, Rum, Cola oder Zuckerwatte. In der Regel ist auch Nikotin enthalten, es gibt aber auch nikotinfreie Liquids.

Sowohl Toxikologe Mayer als auch DKFZ-Expertin Schaller erkennen diese Resultate an. Doch ihre Schlüsse daraus unterscheiden sich. Mayer vergleicht den Dampf mit Zigarettenrauch und strebt pragmatisch Schadensminimierung an: Der Dampf enthalte deutlich weniger Schadstoffe, ein minimales Gesundheitsrisiko könne man auch bei vielen Lebensmitteln nicht ausschließen. Schaller spricht dagegen von hunderten Lungenzügen, mit denen Dampfer täglich Schadstoffe in ihren Körper beförderten. Sie hält eine Krebsgefahr durch E-Zigaretten für möglich.

Für eine eindeutige, verlässliche Bilanz sind E-Zigaretten noch nicht lange genug auf dem Markt. Bisher gibt es nur Modellrechnungen. In zwei Szenarien kalkulierte ein Team um David Levy von der Georgetown University in Washington, wie sich der Wechsel eines Großteils der Raucher zu E-Zigaretten auf die öffentliche Gesundheit in den USA auswirken könnte.

In einem optimistischen Szenario berechnete das Team, dass binnen zehn Jahren 6,6 Millionen vorzeitige Todesfälle vermieden würden. Wie sie im Fachblatt Tobacco Control schreiben, gab es selbst im pessimistischen Szenario, in dem E-Zigaretten schädlicher wären als gedacht, noch 1,6 Millionen weniger Todesfälle als ohne Umstieg aufs Dampfen.

Katrin Schaller vom DKFZ ist skeptisch: „Wie sich das in der Wirklichkeit entwickelt, das halte ich dann doch für relativ offen." Zudem sieht sie bei manchen Untersuchungen Interessenkonflikte. Viele Studien würden von Herstellern finanziert, zudem gebe es enge Kontakte zwischen Wissenschaftlern und Anbietern. Und selbst in diesen Studien würden potenziell krebserregende Stoffe, Kanzerogene, als Bestandteil des Dampfes erwähnt. „Und für Kanzerogene gibt es keinen Schwellenwert, ab dem man sagen könnte, da passiert nichts."

Entscheidend sind offenbar die Nutzungsmuster: Wo Raucher ganz auf E-Zigaretten umsteigen, scheinen die Vorteile deutlich zu sein. „In allen Bereichen sieht man Verbesserungen der Belastungstoleranz der Patienten beziehungsweise der Lungenfunktion", sagt Toxikologe Mayer über diese Gruppe. Auch die britische Organisation Cancer Research UK, die Krebsprävention betreibt, schreibt über E-Zigaretten: „Die aktuelle Forschung deutet darauf hin, dass sie deutlich sicherer sind, weil sie keinen Tabak enthalten und ohne Verbrennung auskommen."

Wenn aber Nichtraucher zur E-Zigarette greifen oder Raucher die Technik nur zusätzlich nutzen, geht die Gleichung nicht auf. „E-Zigaretten haben das Potenzial eines enormen Nutzens, falls sie Rauchern beim Aufhören helfen", resümierte jüngst ein US-Gremium um Nancy Rigotti von der Harvard Medical School in einem Bericht. „Dieser Nutzen muss gegen den möglichen Schaden abgewogen werden, wenn E-Zigaretten Jugendliche zum Dampfen verleiten, die andernfalls nicht Raucher geworden wären und die nach Nikotin süchtig werden und dann auf herkömmliche Zigaretten umsteigen." 

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