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Sekundenregeln und Schikanen: Vom Irrsinn, bei Amazon zu arbeiten

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Bei Amazon ist es sehr ruhig.

Das ist das erste, was auffällt, wenn man Amazons Logistiklager in Bad Hersfeld betritt. Die Hallen sind riesig: 110.000 m2 insgesamt, so groß wie 17 Fußballfelder. Hier arbeiten 2.000 Menschen in drei Schichten. Und trotzdem hört man kaum etwas.

Wer den Ort besucht, an dem das Herz des Weihnachtsumsatzes schlägt, sieht hochkonzentrierte Menschen in Warnwesten, die mit einem Scanner in der Hand Waren aus meterlangen, mehrstöckigen Regalen holen. Andere Angestellte verpacken die Produkte, scannen die Waren, überprüfen Pakete. Mitarbeiter laufen entlang der vorgeschriebenen, mit Klebeband abgeklebten Wege durch die Hallen. Schon auf den ersten Blick ist klar: Hier wird nichts dem Zufall überlassen.

Das ist das Erfolgsgeheimnis von Amazon, das nicht nur den Versandhandel revolutioniert hat, sondern auch Logistikabläufe: Das erfolgreiche Unternehmen ist in den 90ern in Seattle als Online-Buchhändler gestartet, hat aber bald weitere Produkte aufgenommen. Mittlerweile ist Amazon Weltmarktführer im Online-Handel und lässt Einzelhändler regelmäßig verzweifeln.

Und das nicht nur, wenn Amazon ankündigt, 2018 eigene Läden in Deutschland zu eröffnen, sondern auch wegen der ständigen Expansion in andere Geschäftsbereiche. Streaming-Dienste, eigene Serienproduktionen, Lebensmittelbestellungen, eigentlich gibt es bei Amazon nichts, was es nicht gibt. Und das auch noch schnell: Der Riese bietet seit November 2007 in Deutschland den Prime-Service an, bei der die Bestellung bereits am nächsten Tag eintrifft. Mit dem Dienst Prime Now setzt Amazon noch eins drauf: Die aufgegebene Bestellung kommt in großen deutschen Städten gerade mal zwei Stunden später beim Kunden an.

Auf die blitzschnelle Lieferung von unterschiedlichsten Produkten ist Amazon besonders stolz. In Bad Hersfeld, an einem seiner elf Deutschland-Standorte, zeigt Amazon gerne, was die Firma kann: Fast täglich können Besucher das Logistiklager besichtigen und sich zeigen lassen, wie Amazons Versandhandels-Effizienz funktioniert.

Amazons beispielloser Erfolg basiert auf Daten. Die Internet-Plattform speichert alle Daten seiner Kunden und verwendet sie algorithmisch weiter. So weiß Amazon auch ein paar Jahre später noch, was ein User bestellt hat und kann aufgrund von berechneten Empfehlungen ein Einkaufsumfeld schaffen, das es Einzelhändlern schwer macht, in Konkurrenz zu treten. Genau das gleiche datengesteuerte Effizienzgebot gilt aber auch für die Waren und Mitarbeiter: Amazon kann Warenströme umlenken, kurzfristig auf Engpässe reagieren - und aus all dem lernen und sich stetig verbessern. Mittlerweile geht Amazon sogar noch einen Schritt weiter und setzt - zumindest in Hamburg - Roboter zum Warenpacken ein.

"Wir machen jeden Tag dieselbe Arbeit."

Trotz futuristisch anmutender Logistik klagen die menschlichen Mitarbeiter immer wieder über Arbeitsbedingungen, die eher Erzählungen aus den Fabriken zum Beginn des Kapitalismus gleichen, über Gängelungen, Druck, schlechte Bezahlung und Überwachung. Gegen diese Bedingungen protestieren Angestellte schon seit Jahren immer wieder. Natürlich hört und sieht man davon in den Werbevideos, die Amazon im Netz zeigt, nichts. Von diesen schwelenden Konflikten wollen auch diejenigen, die uns für das US-Unternehmen durch die riesigen Logistikhallen führen, nichts wissen.

Wie es wirklich ist, für den Versandriesen zu arbeiten, können nur die beurteilen, die Amazon in Deutschland jeden Tag zum Erfolg verhelfen. Motherboard hat sich mit zwei von ihnen über ihren Job unterhalten. Lest hier die Gesprächsprotokolle:

Anonym, männlich, arbeitet im Logistiklager in Leipzig

"Ich bin 36 Jahre alt, ich arbeite bei Amazon in Leipzig und bin zur Zeit in der Wareneinlagerung tätig. Mein Lohn war richtig schlecht, als ich vor fünf Jahren angefangen habe. Der lag damals sogar noch unter dem Mindestlohn. Damals hatte ich auch keinen festen Vertrag, das heißt, ich musste ständig Überstunden machen und mir wurden regelmäßig die freien Tage gestrichen. Der Einstiegslohn lag damals bei 7,67 € und ging dann hoch auf 8,48 €. Das ist natürlich viel zu wenig. Seit wir angefangen haben zu streiken, steigt er aber kontinuierlich. Heute verdiene ich pro Monat 2053 € brutto, also mehr als zu Beginn, aber auch nicht wirklich viel.

Aber schlechte Bezahlung ist nicht das einzige Problem bei Amazon. Viel schlimmer ist: Wir machen jeden Tag dieselbe Arbeit. Das ist furchtbar. Im Moment sieht das so aus: Ich komme morgens an und steche mich ein. Dann bekommen wir gesagt, was wir machen müssen und welche Zahlen es als Vorgaben an dem Tag gibt, also wie viele Produkte wir schaffen müssen einzuräumen. Dann nimmt man sich seinen Wagen, Cart heißt der bei uns, da sind dann die Artikel drin und die packt man dann in die Regale. Das bedeutet, man scannt erst den Artikel ab, dann das Fach und räumt sie dann ein. Und das mache ich dann den ganzen Tag.

Es gibt zwei Pausen am Tag. Die eine ist 20 Minuten lang, die andere 25 Minuten. Die Mittagspause dauert 25 Minuten. Wenn es klingelt, darf ich meinen Cart verlassen und mit dem zweiten Klingeln muss ich wieder zurück sein. Der Weg zur Kantine dauert acht bis neun Minuten, dann hole ich mir das Essen und muss mich beeilen, es schnell zu essen. Rauchen schaffe ich danach oft gar nicht mehr.

Jeder versucht immer, als Erster bei der Essensausgabe zu sein, aber es kommt trotzdem vor, dass man es nicht rechtzeitig zurück schafft. Am Anfang gibt es dann nur Mitarbeitergespräche, aber die Manager gehen auch weiter bis zur Abmahnung oder Kündigung, wenn solche Verspätungen öfter vorkommen. Mitarbeitergespräche hatte ich schon öfter, habe aber selber noch keine Abmahnung bekommen. Ich versuche mich aber auch immer zu verstecken oder in der Masse der anderen unterzugehen.

Die Manager beobachten uns immer ganz genau. Sie stehen da, oft mit einem Zeugen, und schreiben sich auf, wer zu früh los geht, wer zu spät zurückkommt. Das macht sogar der General Manager, also der, der das Logistiklager leitet. Wenn sie dich sehen, dann bekommt man eine Nachricht, dass man sich bei seinem Vorgesetzten melden soll und dann gibt es ein Gespräch. Da sitzt dann auch jemand aus der Personalabteilung dabei und die sagen dir dann, dass dein Verhalten dem Arbeitsvertrag zuwider läuft - und sie drohen mit Abmahnung.

Das ist aber nicht die einzige Überwachungsmaßnahme in unserem Job. Amazon verfolgt wirklich jeden unserer Schritte. Wenn der Scanner zum Beispiel mal nicht betätigt wird, zum Beispiel weil ich auf Toilette gehe oder mich mit jemandem unterhalte, passiert es schon, dass ein Manager plötzlich vorbeikommt und sich erkundigt, was los ist. Meistens fragen sie dann: "Kann ich dir helfen? Ist alles in Ordnung? Bist Du krank?" Ab und zu muss man dann auch zu Feedback-Gesprächen und wird dort dann gefragt, was man in der Zeit gemacht hat, in der der Scanner inaktiv war.

Man bekommt auch ständig Zahlen vorgelegt und mitgeteilt, ob man zu schlecht oder zu langsam gearbeitet hat. Vor allem die Neuen und die, die noch keine festen Verträge haben, lassen sich davon beeindrucken und arbeiten dann kontinuierlich durch.

Das setzt mich natürlich unheimlich unter Druck. Und nicht nur mich. Ich kenne einige Kollegen, die wegen Burnout krankgeschrieben wurden. Deswegen ist der Krankenstand bei uns auch extrem hoch. Teilweise waren bis zu 20% der Belegschaft krank geschrieben. Da fehlen dann 400 von 2000 Mitarbeitern im Lager.

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