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Die kalifornische Legende

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Von wegen Supernerds im Alleingang: Ohne den Staat als Förderer wäre die schöne neue Welt aus Internet und Smartphones nicht denkbar. 

Die Legende geht so: Das Silicon Valley ist der größte Innovationsproduzent des 21. Jahrhunderts. Dort, in der nordkalifornischen Bay-Area, wurde die Art, wie wir heute leben, wie wir heute arbeiten, quasi im Alleingang von technischen Genies, von Nerds, von Tüftlern erdacht. Diese Nerds, die später zu Konzernchefs wurden, waren dazu aber nur in der Lage, weil sie sich komplett frei entfalten konnten, weil der Staat sich aus ihren Prozessen rausgehalten hat, weil sie totale Freiheit hatten. Der Staat, so heißt es in dieser Legende, ist der größte Innovationsverhinderer. Je weniger Staat, desto mehr Innovation, desto mehr Zukunft, desto mehr Genialität. Eine schöne Legende!

Mehr ist es allerdings auch wirklich nicht. Das kann man seit mindestens vier Jahren wissen. 2013 erschien "The Entrepreneurial State: debunking public vs. private sector myths" (deutsch: "Das Kapital des Staates: Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum") der britischen Wirtschaftprofessorin Mariana Mazzucato. Darin widerlegt Mazzucato den Mythos vom schwerfälligen bürokratischen Staat genauso wie den vom dynamischen und erfindungsreichen Privatsektor.

Und nicht nur das: Sie zeigt auch, dass Produkte wie das iPhone ohne den Staat gar nicht zu Stande gekommen wären. Die Teile des Smartphone, die später als besonders innovativ und genial gefeiert wurden, sind Ergebnisse staatlicher Forschungen: das US-Verteidigungsministerium hat den Touch Screen und das GPS entwickelt. Vom Internet an sich ganz zu schweigen, denn auch das wurde nicht im Silicon Valley erfunden - wie mancher vielleicht heute meint - sondern es entstand zur Zeit des Kalten Krieges im militärischen Kontext und wurde dann im wissenschaftlichen Bereich weitergenutzt und -entwickelt. Der Begründer des Internets ist also auch der Staat.

Heute muss oft Tesla als Paradebeispiele für Innovativität herhalten. Dabei wurde sowohl die Batterie- als auch die Solartechnologie mit Geldern des amerikanischen Energieministeriums finanziert. Und damit hört es noch nicht auf: die Liste der staatlichen Erfindungen in Mazzuccatas Buch ist sehr lang - darunter findet sich auch der Suchmaschinen-Algorithmus von Google, dessen Entstehung maßgeblich von der National Science Foundation mitfinanziert wurde.

Gerade Apple hat gerne verschwiegen, warum die Investitionen in die Forschung so verschwindend gering waren, und bemüht gerne das angebliche Genie des Mitbegründers Steve Jobs, um die Wahrheit zu verschleiern. Fakt ist nämlich, dass Apple viel weniger als die meisten Mitbewerber in Forschung und Entwicklung investiert. Im Jahr 2013 waren das gerade mal drei Prozent des Jahresumsatzes. Konkurrent Microsoft investierte immerhin 15 Prozent und Google sogar noch 13 Prozent. Steve Jobs verschleierte auch gerne, woher die Profitspanne des Unternehmens unter anderem stammt. Darauf angesprochen antwortete er einst einem Journalisten: "Innovation hat mit den Forschungsausgaben nichts zu tun. Als Apple den ersten Mac vorstellte, hat IBM 100 Mal mehr in Entwicklung investiert, als wir. Es geht nicht ums Geld."

Dabei ist diese Logik gar nicht neu, sie ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Schon die kolonialistischen Lobbyvereine haben so gearbeitet: dem Staat Infrastruktur und militärischen Schutz sowie gleichzeitig niedrige Steuern abgepresst.

Doch das Silicon Valley hat diese Ideologie-Arbeit auf eine neue Stufe gehoben. Das liegt nicht zuletzt am Gründungsmythos des Netzes selbst, das wir bis heute mit dem Silicon Valley assoziieren. Als Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre die ersten Sozialen Netzwerke gegründet wurden, waren sie bevölkert von Ex-Hippies und kalifornischen Libertären. Sie alle waren Anhänger des Netzwerk-Gedankens einer freien Welt. Sie alle glaubten fest daran, dass im virtuellen Raum alles möglich sei.

Das wird bis heute weitergetragen, auch wenn längst das Gegenteil eingetreten ist: Spätestens mit dem Web 2.0 ist das Internet kommerzialisiert. Aus den Träumen freier Akteure sind Konzerne mit realistischen Monopolisten-Fantasien geworden. Doch auch hier hält sich die Legende, auch hier können Fakten und Widerlegungen der Ideologie kaum etwas anhaben.

Man könnte jetzt sagen: Okay, das ist eben Marketing. Diese Firmen im Silicon Valley verkaufen sich als besonders genial, weil sie damit eben ihre technischen Geräte verkaufen, und flunkern ja alle ein bisschen, um besser dazustehen. Jeder will doch lieber ein Gerät von einem Genie als von einem Labormitarbeiter aus einer Universität.

Ja, kann man. Allerdings gehen die Konzernchefs des Silicon Valley noch einen Schritt weiter, als Marketing zu betreiben. Sie betreiben Ideologie. Solange die Innovationslegende geglaubt wird, kann sich das Silicon Valley von allen staatlichen Eingriffen politisch befreien. Mehr Diversity, gerechte Lohnverteilung, ausstehende Lohnauskünfte und natürlich höhere Besteuerungen gelten dann als Maßnahmen, die den Fortschritt verhindern - auch bei denen, die eigentlich dafür sind. Nicht mal die Kosten der Forschung, die die Silicon-Valley-Firmen für sich nutzen, müssen in dieser Logik zurückgezahlt werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Oktober2017-Ausgabe von OXI.
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