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Hope of Deliverance - Die Fahrer_innen von Foodora und Deliveroo organisieren sich

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Wirtschaft & Soziales Die Fahrer_innen der Essenslieferplattformen Foodora und Deliveroo organisieren sich - inzwischen auch in Wien und Berlin

Wer in einer deutschen Großstadt wohnt, hat die Essenskuriere auf Fahrrädern ziemlich sicher schon mal gesehen: Sie tragen bunte Uniformen in türkis oder rosa, haben große Kisten auf den Rücken, und wenn sie nicht gerade durch die Gegend radeln, sieht man sie irgendwo sitzen und warten. Entweder in größeren Gruppen, dann warten sie auf den nächsten Auftrag, oder allein vor Restaurants, dann warten sie auf das nächste Essen, um es zu einem Kunden zu bringen. Die Firmen, für die sie in Deutschland arbeiten, heißen Foodora oder Deliveroo.

Essenskurier_in ist kein besonders neuer Arbeitsbereich. Foodora, Deliveroo (in anderen Ländern auch UBEREats) bieten aber einen etwas anderen Service an: Die Nutzer_innen wählen über eine App ein Restaurant und das Essen ihrer Wahl aus. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Essenslieferanten ist hier eine Plattform zwischengeschaltet, die einen zusätzlichen Service anbietet, nämlich die Vermittlung zwischen Kurier_in, Kund_in und Restaurant. Die Fahrer_innen sind bei den Plattformen angestellt - theoretisch. Denn Deliveroo, Foodora und UBEREats weigern sich, die Fahrer_innen als Angestellte zu bezeichnen. Meist sind sie als Freiberufler_innen tätig und werden pro Auftrag bezahlt. Es werden ihnen auch keine Arbeitsgerätschaften, also keine Fahrräder oder Smartphones - beides essentiell für die Ausübung ihres Jobs -, gestellt. Sie sind weder im Krankheitsfall noch fürs Alter abgesichert. Die Plattformen streichen den Profit ein, das Risiko jedoch bleibt bei den Fahrer_innen.


Gruselige Gig Economy

Plattformen wie Foodora und Deliveroo, die kurzfristige Dienstleistungen anbieten, entstehen auch in anderen Bereichen. Bekannt sind die Fahrtenvermittlungs-App UBER, die Putzkraftvermittlung Helpling oder die Wohnungsvermittlung Airbnb. Auch hier gilt das Prinzip der Bezahlung pro »Gig«, also Auftrag. Andere Arbeitsmodelle der »Gig Economy« sind weniger sichtbar. Immer mehr Menschen arbeiten zum Beispiel im Internet als sogenannte Crowdworker, das heißt, ihnen werden »Gigs« über Jobplattformen wie Clickworker.com vermittelt. Darunter fallen kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse, die sie zu Hause vorm heimischen Computer erledigen können.

Diese Art der Gig Economy steht schon länger in der Kritik. Die Feuilletons haben sich dieser besonders hip aussehenden, aber perfiden Spielart des Plattformkapitalismus genauso angenommen wie Geisteswissenschaftler_innen und linke Theoretiker_innen. Doch die Kritik an den Arbeitsbedingungen und der Aushöhlungen der Arbeitsrechte bewegte sich bisher eher im Bereich der grauen Theorie. Bis zum Sommer 2016.

Im August letzten Jahres streikten auf einmal die Deliveroo-Fahrer_innen in London - und das sehr medienwirksam. Auslöser war laut Medienberichten eine Textnachricht, die einige Deliveroo-Fahrer_innen erhalten hatten. Darin wurde ihnen mitgeteilt, dass sie bald nur noch 3,75 Pfund pro ausgeliefertem Essen verdienen würden statt wie zuvor ein Pfund pro Essen plus Festlohn von sieben Pfund in der Stunde. Zur gleichen Zeit meldeten Medien, dass Deliveroo in einer weiteren Finanzierungsrunde 275 Millionen US-Dollar Kapital eingesammelt habe. Diese Nachricht dürfte die Situation zusätzlich angeheizt haben.

Der Streik der Essenskuriere ist in mehrfacher Hinsicht spektakulär. Bisher galten die Arbeiter_innen der Gig Economy als kaum organisierbar: Sie arbeiten in prekären, leicht aufkündbaren Arbeitsverhältnissen, oftmals für verschiedene Auftraggeber_innen, zwischen denen sie kurzfristig wechseln. Hinter ihnen stehen keine starken Gewerkschaften. Außerdem gibt es keinen gemeinsamen Arbeitsplatz. In früheren Zeiten waren Streiks auch deshalb eher zu organisieren, weil es den gemeinsamen sozialen Raum einer Fabrik gab, ein Ort, an dem nicht nur gearbeitet wurde, sondern an dem man sich auch jeden Tag mit den Kolleg_innen unterhalten, im besten Fall über Sorge und Nöte austauschen und eben: sich organisieren konnte.

Diese Möglichkeit fehlt bei den meisten Berufen der Gig Economy. Anders bei den Fahrer_innen von Deliveroo und Foodora: Die treffen sich nicht nur vor Restaurants oder an den Wartepunkten, sondern haben auch Whatsapp-Gruppen, in denen sie Dienste tauschen, wenn ihre Plattformarbeitgeber_innen gerade mal wieder schlecht zu erreichen sind. Und sie sind im Gegensatz zu vielen anderen Gig-Arbeiter_innen sichtbar. Die Bilder der Fahrer_innen, die mit ihren allseits bekannten Uniformen vor der Firmenzentrale standen, erregten große Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken und der Presse.

Die Fahrer_innen in London konnten so immerhin einen Erfolg feiern: Sie ließen sich nicht darauf ein, einzeln mit den Deliveroo-Manager_innen zu verhandeln, und setzten durch, dass die Änderung zurückgenommen werden musste. Das hat ihren Kampfgeist gestärkt. Gemeinsam mit der Gewerkschaft IWGB Couriers And Logistics Branch gründeten sie das #Deliverunion-Netzwerk und weiteten den Arbeitskampf auf viele britische Städte, darunter Brighton und Manchester, aus.


Organisierung gegen den digitalen Kapitalismus

Mittlerweile wird nicht nur in Großbritannien gekämpft. Anfang Oktober 2016 protestierten in Turin 50 Foodora-Fahrer_innen. In Berlin nahm jetzt die kleine anarchosyndikalistische Gewerkschaft FAU das Zepter in die Hand. Sie will Essens- und Fahrradkuriere gemeinsam organisieren. Am 25. April 2017 fand ein erstes Gründungstreffen statt, zu dem etwa hundert Fahrer_innen kamen. Die Versammlung stellte fünf Forderungen auf: Transparenz über die abgerechnete Arbeitszeit, bezahlte Reparaturen, einen Euro mehr pro Essensauslieferung, genug Arbeitsstunden im Monat, um ein ausreichend hohes Einkommen zu erzielen, und eine bezahlte Arbeitsstunde mehr für die komplizierte Schichtplanung. Eine Woche vorher hatte sich in Wien der erste Betriebsrat bei Foodora gegründet. Die Forderungen sind ähnlich.

Die Arbeitskämpfe der Fahrer_innen sind ein wichtiger Fortschritt. Sie können (hoffentlich) nicht nur ganz konkret bessere Arbeitsbedingungen erstreiten, sondern wirken auch wie eine Aufklärungskampagne zum Thema Digitaler Kapitalismus. Sie machen deutlich, dass die Arbeitsbedingungen keineswegs immer schlechter werden müssen, dass es kein digitales Naturgesetz ist, wenn das Risiko auf Arbeiter_innen abgewälzt wird, während gleichzeitig die Löhne sinken. In einer Zeit, in der die Überwachung durch digitale Technologien zunimmt, zeigen sie, dass Streik ein probates und praktikables Mittel ist. Und nicht zuletzt beweisen sie, dass man den international agierenden Firmen transnationale Netzwerk-Kampagnen entgegensetzen kann, bei denen die Staatsangehörigkeit der Arbeiter_innen keine Rolle spielt.

Dieser Erfolg gilt mit einer Einschränkung: Die Fahrer_innen der hippen Essensplattformen sind sichtbar, viele andere Arbeiter_innen, nicht nur in der Gig-Economy, sind es nicht. Nach Möglichkeiten zu suchen, wie auch sie aus der Unsichtbarkeit treten und für Verbesserungen kämpfen können, wäre der logische nächste Schritt. 

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