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Lehrstück in rassistischer Hetze

Es ist schon bemerkenswert, wenn man einen Text der Bild-Zeitung extra erwähnen muss, ist das Boulevardunternehmen doch berühmt für seine perfiden Erzeugnisse. Doch kurz vor Silvester es mal wieder passiert. Julian Reichelt hat einen »offenen Brief« an Geflüchtete geschrieben.

Julian Reichelt, der Onlinechef von Bild, ist ein mächtiger Mann in Deutschland und im Journalismus, denn letzterer wird heutzutage in Reichweite bemessen. Wie das funktioniert, weiß Bild nicht erst seit ihren Tagen als auflagenstärkste Boulevardzeitung Deutschlands. Um auch online aufzurüsten, schickte sie ihre Führungsriege vor einigen Jahren ins Herz der neoliberalen Ideologieproduktion, das Silicon Valley. Mit Erfolg: Im Jahr 2016 führte Bild.de die Liste der reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenseiten an.

Am 28. Dezember 2016, wenige Tage nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz, demonstrierte Julian Reichelt mit seinem vermeintlich offenen Brief an Geflüchtete einmal mehr, wie Reichweite durch Rassismus funktioniert. Unter dem Titel »Zum Brandanschlag von Berlin« fordert er »einen Aufstand der anständigen Flüchtlinge« und beschreibt 2016 als das Jahr, »das mit dem Sex-Mob in Köln begann«. Schon hier zwei typische Bild-Methoden: a) Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe mit Sex gleichzusetzen und b) Geflüchtete anschmieren geht immer noch eine Stufe ätzender, weil man die Frauen auch noch mit anschmieren kann.

Aber zurück zum Brief: Mit allem, was dann kommt, setzt Reichelt sogar im Vergleich zur seiner üblichen Gruselpropaganda noch eins drauf. Kein einziger Satz in dem Brief hat etwas mit Journalismus zu tun. Terror, Vergewaltigungen, Gewalt, all das sind – man muss es wohl wirklich immer wieder wiederholen – keine Importe, die durch Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind. Ganz davon abgesehen, mal etwas menschlicher, weniger politisch: In diesem »Brief«, von dieser Person Julian Reichelt gibt es keine Empathie für Menschen, die Leid erfahren mussten, die flüchten mussten, nichts. Ist das nicht fürchterlich?

Das Ganze hat Reichelt dann noch auf arabisch verfasst bzw. verfassen lassen, also ganz bewusst, um unter teilweise stark traumatisierten Menschen Angst und Schrecken zu verbreiten, sie zu Reaktionen zu zwingen. Dafür wirft er alles in einen Topf: den Terror des IS, den Mordversuch an einem Obdachlosen in Berlin an Weihnachten. Gewalt gegen Obdachlose ist in Deutschland an der Tagesordnung, sie gehört zum klassischen Repertoire rechter Gewalt. Kann man ignorieren? Reichelt hätte auch über deutschen Terror und deutsche Gewalt sprechen können, statt journalistisch 100 Prozent unsauber zu schlussfolgern: »Auch hatte sich bisher niemand bei uns – wie in Ansbach – in die Luft gesprengt.«

Das stimmt vielleicht, aber Menschen umbringen, das haben wir Deutschen bisher ganz gut hinbekommen. Unter den Opfern gewalttätiger Deutscher auch viele Migrant_innen und andere Menschen, die hier unter Generalverdacht stehen. Man könnte auch darüber viel berichten. Aber sowas wie der NSU-Prozess, das dümpelt einfach vor sich hin, bis sich die Berichterstattung so normalisiert hat, dass einfach nur noch ein Rauschen ist Bei rechter Hetze dagegen gibt es immer noch eine Stufe der Eskalation, es muss sie sogar geben. Und Menschen wie Julian Reichelt sind es, die diese Eskalation suchen und betreiben. Reichelts Brief ist rechte Hetze à la AfD, nicht aus einem Hinterzimmer, sondern von einer der auflagenstärksten Medien Deutschlands, die auf die Produktion von Klicks und Meinungen spezialisiert ist.

Im Grunde ist das Ganze ein gutes Beispiel für die postfaktische, populistische Meinungsmache, vor der viele in den letzten Tagen, Wochen und Monaten solche Angst hatten. Vielleicht wird sie unterstützt von Algorithmen – klar, es wäre schön, wenn wir die Verantwortung wie im Science-Fiction-Film auf fremde Mächte und Maschinen abwälzen könnten –, aber geschrieben und geplant wird sie von Menschen. Und statt mit Verschwörungstheorien von links aufzuwarten – hatten wir das nicht gerade erst den Rechten vorgeworfen? – ist es viel wichtiger aufzuzeigen, wo die Hetze entsteht, wie sie gemacht und in die Welt gesetzt wird – um dann gegen sie vorzugehen.