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Der Schlangenforscher, der nach einem Biss seinen eigenen Tod dokumentierte

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Karl P. Schmidt. Bild: The Field Museum (Verwendet mit freundlicher Genehmigung)

Etwa 24 Stunden nach dem Biss der unbekannten Schlange tat Karl P. Schmidt seinen letzten Atemzug. Nach einem Tag, den der Herpetologe dem Reptilien-Gift ausgesetzt war, funktionierte sein Körper nicht mehr. Sein Herz blutete. Seine Niere blutete. Sein Gehirn und seine Lunge bluteten. Er verlor Blut über seine Nase, sein Zahnfleisch und seine Augen. Liest man heute sein Tagebuch und die Artikel zu seinem Tod, scheint es, als habe der berühmte US-amerikanische Schlangenforscher Karl P. Schmidt seinen Körper für die Wissenschaft zur Verfügung gestellt – und die Wirkung des Schlangengifts nach dem Biss akribisch notiert, statt ins Krankenhaus zu fahren, um sein Leben zu retten.

Vielleicht glaubte der damals 67-jährige Schlangenexperte, der am berühmten Chicagoer Field Museum of Natural History arbeitete, das Gift der unbekannten afrikanischen Schlange würde ihn nicht töten.

Er vermutete, das Tier sei keine gefährliche, giftige Baumschlange. Ihr charakteristischer Kopf und auch ihre großen, farbigen Schuppen sprachen zwar dafür. Doch die Schuppe vor ihrem After sah anders aus als bei den afrikanischen Giftschlangen, die Schmidt bis dato untersucht hatte.

„Die Schlange erwies sich als besonders schwer zu identifizieren", schrieb der Herpetologe in sein Tagebuch. Dass sie doch eine Giftschlange war, bewies das Tier, indem es den Forscher bei der Untersuchung in seinem Labor im Field Museum biss – etwa drei Millimeter tief in das Fleisch kurz unterhalb des Daumen. Schmidt hatte vergessen, schützende Handschuhe anzuziehen, bevor er die Schlange berührte.

Eventuell wusste Schmidt auch, dass es das Gegengift, das ihn retten könnte, nur in Afrika gäbe. Seine Kollegen im Field Museum betrachteten den Biss wie Schmidt zunächst als Lappalie. Nachdem der Forscher jedoch nachmittags von der Arbeit nach Hause fahren musste und auch am nächsten Tag nicht wiederkam, fragten sie ihn laut der Chicago Daily Tribune vom 4. Oktober per Telefon, ob er schon einen Arzt aufgesucht habe. Schmidt verneinte. Eine Untersuchung würde die Symptome des Gifts durcheinander bringen, begründete er.

„Dr. Karl P. Schmidt, berühmter Schlangenexperte, hat eine detaillierte wissenschaftliche Aufzeichnung über den Effekt des Gifts eines Schlangenbisses angefertigt. Er erstellte diese Aufzeichnung während er starb."

Zu diesem Zeitpunkt hätte ihm wohl auch keine Medizin mehr geholfen. Gegen Mittag rief der zuhause gebliebene Schmidt seine Frau an und klagte über Übelkeit. Nur kurze Zeit später war er schon nicht mehr ansprechbar. Alarmierte Rettungskräfte versuchten vergeblich, den Forscher zu reanimieren. Sie nahmen ihn mit ins Krankenhaus. Am 26. September um 15:15 Uhr erklärten sie ihn für tot.

Ein Tod für die Schlangenforschung? Ein tragischer Unfall? Ob sich Karl P. Schmidt seinem Schicksal fügte, als er keinen Arzt rief, oder wirklich glaubte, es würde ihm bald wieder besser gehen, ist bis heute ungeklärt.

Nach dem Biss füllte der Herpetologe jedoch noch etwa zweieinhalb Seiten in seinem Tagebuch. Seine Notizen zeigen uns, was er fühlte – und die Detailtreue der Aufzeichnungen legt nahe, dass er alles, das ihm widerfuhr, als Hinweise betrachte, die zur Identifikation der Schlangenart und der Wirkung ihres Gifts führen könnten. „Ein Mitarbeiter des Lincoln Zoo brachte eine etwa 76 Zentimeter lange Schlange zur Identifikation ins Chicago Natural History Museum. Es ist bekannt, dass es eine afrikanische Schlange ist", notierte Schmidt am 25. September in seinem Tagebuch.

„16:30 bis 17:30 Uhr: Starke Übelkeit. 17:30 bis 18:30 Uhr: Schüttelfrost, danach 38 Grad Fieber und Zahnfleischbluten. 20:30 Uhr: Zwei Toasts gegessen. 21 bis 00:30 Uhr geschlafen, um 00:28 Uhr Blut uriniert. Um 4:30 Uhr ein Glas Wasser getrunken, in der Folge Übelkeit und das unverdaute Abendessen übergeben. Bis 6:30 Uhr geschlafen."

Schmidts Tagebuch listet die Ereignisse ohne einen Kommentar des Bedauern oder der Angst. „26. September: Temperatur bei 37 Grad. Zerealien, ein pochiertes Ei, Apfelmus und Kaffee zum Frühstück. Alle drei Stunden etwas Blut uriniert. Mund und Nase bluten immer noch, aber nicht so stark." Hier endet Schmidts Tagebuch.

Gegen Mittag wird der Forscher gefunden. Das Schlangengift, von dem 0,0006 Gram einen Vogel töten können, hatte den Forscher innerhalb von etwa 24 Stunden umgebracht. Schmidts Atemstillstand wurde festgestellt. Er war innerlich verblutet.

Oktober 1957, Chicago Daily Tribune: „Dr. Karl P. Schmidt, berühmter Schlangenexperte, hat eine detaillierte wissenschaftliche Aufzeichnung über den Effekt des Gifts eines Schlangenbisses angefertigt. Er erstellte diese Aufzeichnung während er starb."

So berichtete die größte lokale Tageszeitung über den Tod eines der bekanntesten Herpetologen der 1950er Jahre in den USA. Karl P. Schmidt, Reptilien- und Amphibienforscher des Chicagoer Field Museums, war einer Afrikanischen Baumschlange zum Opfer gefallen. Vielleicht hatte ihn auch seine Neugier umgebracht. Seine Erkenntnisse, wie beispielsweise seine Entdeckung und Beschreibung von heute zum Teil bedrohten Salamander-, Frosch- und Echsenarten jedoch leben weiterhin in über 200 Artikeln und Büchern fort – wie sein Ruf als Forscher, der selbst dann nicht zurückschreckte, wenn die meisten wohl den Mut verloren hätten.

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