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Wenn der Bezirk der Bahn mit Zwangsgeld droht

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Die Bahn baut seit vier Jahren am Berliner Bahnhof Schöneweide - oder besser: sollte bauen. Immer wieder stehen die Arbeiten still, der Bezirk drohte sogar schon mit Zwangsgeld. Die Hinhaltetaktik sei kein Einzelfall beim Konzern, sagen Fahrgastaktivisten. Von Nico Schmolke und Mona Ruzicka

Von einem Pappteller löffelt der Kneipen-Besitzer Axel Sandwich-Eis. Er sitzt an der Theke, nichts los in seinem Südpol-Express. Der einzige Gast daddelt an einem Automaten. Früher verkaufte Axel hier Döner. Sein Eckladen war etwas heruntergekommen, aber lebendig, ein Treffpunkt in Schöneweide im Berliner Südosten. "Döner lohnt sich nicht mehr", sagt Axel. Jetzt gibt es Schnaps, Dart - und eine riesige Baustelle.

Axel in seiner Kneipe "Südpol"

Seit 2013 ist die Welt hinter dem Südpol-Express zu Ende. Einen Fußweg gibt es dort nicht mehr, nur Sand, umgekippte Schilder, Absperrungen. Kneipen-Besitzer Axel sagt: "Mein Laden ist von der Welt abgeschnitten, macht riesige Verluste, Tausende Euro im Monat. Und keiner redet mit mir."

Dabei gebe es da jemanden, der mal mit Axel reden sollte: die Deutsche Bahn. Seit vier Jahren baut sie am Bahnhof Schöneweide im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick. Ersetzt die Eisenbahnbrücken, will den Bahnhof entkernen, für die Straßenbahn einen Tunnel graben. Ursprünglich sollte der Bau 2018 fertig sein, jetzt heißt es: 2021. "Keine Ahnung, was früher fertig wird: dieser Bahnhof oder der BER", sagt Axel. Und ob es seine Kneipe dann überhaupt noch geben wird.

Schöneweide ist nur eine der lahmenden Baustellen der Deutschen Bahn. Das Großprojekt "Stuttgart 21" verzögert sich um mindestens 21 Monate und auch in Berlin müssen die Fahrgäste am Ostkreuz mindestens zwei Jahre länger auf die Fertigstellung warten. Die Schöneweider Nachbarbahnhöfe Adlershof und Baumschulenweg sind inzwischen zwar fertig, aber auch hier: Monate oder Jahre Verzögerung.

"Es ist zwar ein notwendiges Projekt, aber hier wird ein ganzer Ortsteil in Geiselhaft genommen", sagt Matthias Gibtner vom Berliner Fahrgastverband IGEB zur Situation in Schöneweide. "Die Baustelle liegt immer wieder unbeweglich da, man sieht, wie Maschinen Rost ansetzen." Entsprechend genervt sind Anwohner und Pendler, die Hunderte Meter Umweg laufen müssen, die lange Umsteigezeiten haben, die mit dem Auto nicht mehr durchkommen. Menschen in Rollstühlen oder mit Kinderwägen müssen zahlreiche Kanten überwinden, bald gibt es auch keine Fahrstühle mehr.

Die Stadtteile Johannisthal und Schöneweide sind jetzt voneinander getrennt - durch dem maroden Bahnhof. "Was sich hier abspielt, da könnte man verzweifeln", beschwert sich Magdalena Werner, 83-jährige Johannisthalerin. Sie ist überzeugt: "Ich bin ehemalige DDR-Bürgerin, da gab es eine Plankommission. Da lief die Sache anders."

Was ist da los auf dieser Baustelle? An diesem Tag wuseln etwa zehn Bauarbeiter hinter dem Südpol-Express herum, vermessen das Gelände, buddeln im Sand. Das ist schon ein Fortschritt. Denn monatelang passierte hier gar nichts.

Dabei hatte die Bahn vom Bezirk ein Sondernutzungsrecht für den Sterndamm erhalten um unter den Brücken bauen zu können. Der Verkehr wurde aufwändig umgeleitet, auch für Fußgänger gibt es kein Durchkommen. Auf der Baustelle standen die Maschinen unterdessen still.

Dem Bezirk Treptow-Köpenick hat es irgendwann gereicht. 2014 drohte Stadtrat Rainer Hölmer (SPD) der Deutschen Bahn mit der Polizei, mit zehntausenden Euro Zwangsgeld, ersatzweise Haft. Seit der Wende ein einmaliger Vorgang - und das gegen einen Staatskonzern. Der Bezirk setzte der Bahn eine Frist. Ein Tag vor Ablauf war die Straße wieder frei.

2016 dann erneut Stillstand, für viele Monate. Und wieder sorgte eine Androhung von Zwangsgeld vom Bezirk für Fortschritt, in diesem Frühjahr ging es weiter. Auf einmal sind wieder Bauarbeiter an den Brücken, ein neuer Plan zum Bauablauf wurde vorgelegt.

Die Verzögerung also die Schuld der Deutschen Bahn? Der Sprecher der Deutschen Bahn bemüht sich, den Stillstand zu erklären. Die Gründe für die Verzögerung, im schönsten Technokraten-Deutsch: "Schaffen der Medienfreiheit im Straßenland", "Sicherung der Bestandswiderlager", "Errichtung zusätzlicher nicht geplanter Bauzustände". Es gebe bei solchen Bauvorhaben eben immer Überraschungen und Planungsänderungen, so Sprecher Burkhard Ahlert. Doch was heißt das konkret?

Um das zu erfahren, hat Lars Düsterhöft monatelang gekämpft. Seit Herbst 2016 sitzt er für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus. Eine seiner ersten Taten war eine E-Mail an die Deutsche Bahn. Nach einem halben Jahr bekam er den Termin.

"Unter dem Sterndamm wurde eine Wasserleitung gefunden, habe ich von der Bahn erfahren", sagt Düsterhöft. Dann habe man einen bis dahin unbekannten Posttunnel unter den Treppen zu den Bahnsteigen entdeckt. Die Leitung habe entfernt, der Tunnel zugeschüttet werden müssen. Dann sei eine Baufirma insolvent gegangen. Und mit dem Generalunternehmer habe es Streit gegeben, wer an all dem nun Schuld sei.

Ein im Bauprojekt involvierter Informant, der anonym bleiben will, hat eine andere Sicht auf die Dinge. "Die Wasserleitung war so groß, die wäre bei ordentlicher Prüfung aufgefallen", sagt er. Entweder man habe schlampig geplant, oder der Grund sei nur vorgeschoben. Von dem entdeckten Tunnel wisse er gar nichts.

Fahrgastvertreter Matthias Gibtner, der sich seit Jahren mit Großbaustellen der Bahn auseinandersetzt, hat auch seine Zweifel. "Der Bahn ist es egal, wie lange die Baustellen bestehen. Die Bahn AG tritt gerne als Gutsherr auf und macht, was ihr im Sinn steht." Oft werde einfach losgebaggert - noch bevor die Pläne fertig seien. Manchmal müssten Fristen eingehalten werden, um Fördermittel zu erhalten. Wenn danach wieder monatelang nicht gebaut werde, bedeute das für die Bahn kaum Verluste, sagt Gibtner. Zudem fehle Fachpersonal. Er fragt sich: "Wo war die Aufsicht der Bahn, bevor eine der Baufirmen pleiteging?"

Sieben Kilometer weiter im Norden, am Ostkreuz, wird ebenfalls mit einigen Verzögerungen seit zehn Jahren gebaut. Dort gibt es jedoch Fortschritte. Was unterscheidet die beiden Bahnhöfe? "Schöneweide hat für die Bahn nicht die oberste Priorität. Sie benachteiligt Bereiche, die nicht in der Innenstadt liegen", sagt Gibtner. Zu Unrecht, wie er findet. In Schöneweide steigen jeden Tag 50.000 Menschen um, als Teilabschnitt der Görlitzer Bahn hat der Bahnhof auch überregionale Bedeutung.

Der Bahnhofs-Vorplatz in Schöneweide

Dabei geht es nicht nur um einen Bahnhof, sondern um ein ganzes Viertel. "Manchmal steige ich in Adlershof aus, weil ich nicht durch diese Müllhalde laufen möchte", sagt Anwohnerin Antje Schneider. Durchreisende können hier ihre Vorurteile von hässlichen Berliner Randbezirken bestätigen. Zu manchen Zeiten ist der Vorplatz fest in der Hand von Obdachlosen, Trinkern und Nazis.

Die Schöneweider haben sich arrangiert mit dem Schandfleck in ihrer Mitte, sind resigniert. Dass der Bahnhof 2021 fertig wird - daran glaubt niemand so wirklich. Die Gewerbetreibenden im Bahnhof werden ihre Läden verlassen müssen, wenn die Bahnhofshalle saniert wird. Anders als für Kneipen-Besitzer Axel ist für sie jeder Tag Bauverzögerung ein Gewinn. Sie sind wohl die einzigen, die sich freuen, wenn die Maschinen wieder einmal still stehen.

Beitrag von Nico Schmolke und Mona Ruzicka, Volontäre an der Electronic Media School (EMS)

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