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Die Türkei wählt

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Seit Wochen wartet die Welt auf das Referendum in der Türkei. Doch die türkischen Wähler in Istanbul kamen heute morgen nur langsam in die Gänge. Eindrücke vom Wahlmorgen.

Istanbul sieht heute, am lange erwarteten Wahltag, anders aus. Wo gestern noch Wahlkampfzelte standen, übernehmen Putztruppen die Aufräumarbeiten. Wo in den letzten Wochen vollkommen überdrehte Anlagen die Passanten mit Erdoğan-Songs beschallten, läuft nun wieder Popmusik aus den Kleidungsgeschäften. Niemand soll auf dem Weg zum Wahllokal beeinflusst werden. Dennoch sind einige Großplakate verblieben, die für Erdoğan und die Verfassungsreform werben.

Um 8 Uhr öffneten heute in Istanbul die Wahllokale. In Tausenden Schulen im ganzen Land standen 26.300 Wahlurnen bereit. Die Parteien schickten Beobachter in jede Schule, um die Wahlen zu kontrollieren und Manipulationen zu verhindern. Diese sollen allerdings zum Teil in ihrer Arbeit verhindert worden sein. Der Europarats-Wahlbeobachter Andrej Hunko beklagte Behinderungen durch die Polizei im Südosten der Türkei. Ihm und seinen Kollegen sei in Diyarbakır den Zutritt zu Wahllokalen verwehrt worden. Das erzählte er der Deutschen Presse Agentur. Auch dir pro-kurdische HPD kritisierte, dass Wahlbeobachter der Opposition durch die Polizei in ihrer Arbeit behindert werden würden.

Um 17 Uhr Ortszeit schlossen die Wahllokalen. Nun werden die Stimmen ausgezählt. Mit den ersten Ergebnissen ist zwischen 18 und 19Uhr zu rechnen - in Deutschland wegen der Zeitverschiebung entsprechend eine Stunde später. Das Endergebnis könnte aber auch erst um Mitternacht feststehen - ein Kopf-an-Kopf-Rennen und Mehrfachauszählungen würden den Abend in die Länge ziehen.

Weil die Türken Morgenmuffel sind, war es am Vormittag noch ruhig. Nur wenige Wähler verirrten sich auf die Gänge eines Wahllokals in Cihangir. Junge Hipster, Frauen mit ihren Kätzchen, aber auch Großfamilien mit Baby und Oma kamen zum Wählen. Mit Tee stand die bunte Wählerschaft auf dem Hof der Schule und tratschte in der Morgensonne. Noch waren mehr internationale Journalisten vor Ort als Wähler. „Ich habe mit Ja abgestimmt", sagte Erdal, der gleich von mehreren Reportern umringt wurde. „Aber was immer auch herauskommt - am Wichtigsten ist es jetzt, dass alle Seiten die Nerven bewahren."

In den verschiedenen Klassenzimmern saßen die Parteimitglieder und bildeten die Wahlkommissionen. Die Bürger konnten vorher im Internet nachschauen, in welchem Raum sie wählen dürften. Vor Ort erhielten sie dann einen einfachen Zettel mit Evet und Hayır sowie einen Stempel. Mit dem markierten sie dann in der Wahlkabine ihre Entscheidung. Die Handys müstsen draußen bleiben. Am Morgen noch kam man sofort dran, am Nachmittag hingegen kam es zu Schlangen.

Die Morgenmüdigkeit war auch in Tarlabaşı zu spüren. Der Sonntagsmarkt ist normalerweise berstend voll, heute aber schallten die Rufe um die Kundschaft durch leere Gänge. „Alle sind wählen oder aber im Gefängnis", sagte Nuri ironisch, während er seine Kartoffeln ordnete. Viele seiner Verwandte und Freunde seien extra in den Osten der Türkei gefahren, um mit Hayır abzustimmen und damit die Verfassungsänderung Erdogans zu verhindern. „Ich glaube an ein Nein!", sagte Nuri zuversichtlich. Er hofft darauf, dass dann der HDP-Vorsitzende Selahettin Demirtaş freigelassen wird und Neuwahlen die Macht der AKP brechen. Sein Freund Mehmet war weniger optimistisch: „Bei einem Ja wird die Türkei zu einer Monarchie. Dann wird uns bald Erdogans Sohn regieren!", regte er sich auf.

Auch der Küken-Verkäufer Ismail hatte heute weniger zu tun. Er hat seine Stimme nicht abgeben, da er nicht in Istanbul registriert ist. Er musste arbeiten und konnte nicht in seine Heimatstadt fahren. Ismail wüsste sowieso nicht, wie er abstimmen sollte: „Ja oder Nein - es soll herauskommen, was besser für die Türkei ist. Mit Gottes Segen." Währenddessen steckte er ein Küken in eine Papiertüte und verkaufte es für eine Lira an ein paar Kinder.

Obwohl also heute nicht jeder in Istanbul dem Ausgang der Wahl entgegenfieberte, warten viele Beobachter gespannt auf den Abend. Die Opposition will bei einem Sieg auf öffentliche Kundgebungen in der Wahlnacht verzichten, um die Erdoğan-Anhänger nicht zu provozieren. Dennoch sagen viele Aktivisten, dass sie feiern und tanzen wollen. Seit Monaten schließlich warten sie auf einen Hoffnungsschimmer. Im Falle eines Sieges der Erdoğan-Anhänger hingegen ist fest von feiernden Menschen auf den Straßen Istanbuls auszugehen. Bei einer großen Abschlusskundgebung am Samstag in Üsküdar sagte der Moderator, man würde sich am nächsten Abend hier wiedersehen. Die Nein-Wähler werden dann wohl lieber zu Hause bleiben. Sowieso gibt es bis Mitternacht in den Supermärkten keinen Alkohol zu kaufen.

Eine Nein-Wählerin erzählt, dass ihr in der Nacht schon ab 24Uhr kein neuer Rakı nachgeschenkt wurde. Falls die Opposition gewinnt, hat sie aber schon vorgesorgt. Im Kühlschrank steht kaltes Bier.

Veröffentlicht am 16. April 2017
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