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Ostdeutschland - Critical Westness

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Nur selten ist es Studien vergönnt, im schnelllebigen Medienbetrieb mehr als kurze öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ganz anders nun die „Ost-Migrantischen Analogien": Ausgerechnet das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) hat die strukturelle Ausgrenzung von Ostdeutschen untersucht - und mit derjenigen muslimischer Migranten verglichen. Das Bemerkenswerte an dieser Studie ist dabei vielleicht gar nicht das Ergebnis, sondern ihr großes Echo: Kaum ein anderes akademisches Projekt der vergangenen Jahre wurde derartig intensiv rezipiert wie dieses.

Ein Forscherteam unter Leitung der - im Westen geborenen - Soziologin Naika Foroutan hat mithilfe von 7233 Telefoninterviews ermittelt, dass Ostdeutsche und muslimische Migranten häufig mit ähnlichen sozialen und kulturellen Abwertungen konfrontiert sind, dass beide Gruppen unterdurchschnittlich verdienen, überdurchschnittlich oft arbeitslos und in Politik wie Wirtschaft unterrepräsentiert sind. Das ist keine Neuigkeit. Neu ist aber der Hinweis, dass diese Benachteiligung unter Rückgriff auf ähnliche Klischees legitimiert wird. Beiden wird vorgehalten, sie stilisierten sich immerzu als Opfer. Beide Gruppen würden als tendenziell extremistisch, demokratieunwillig und schwer integrierbar „stereotypisiert", die einen als „eigene Andere", die anderen als „Fremde". Beide als schon lange „dabei", aber noch immer „nicht angekommen" in der Bundesrepublik.

Vor einem Jahr bereits äußerte Foroutan diese Vermutung in einem Interview, schon damals war die öffentliche Aufmerksamkeit ungewöhnlich hoch. Nun gibt es also Zahlen, und die Debatte intensiviert sich. Ganz offensichtlich gibt es in Deutschland eine tiefe Sehnsucht danach, neue, eigene Worte für das zu finden, was nach 1989 im Osten geschehen ist. Dafür beispielsweise, was es heißt, von außen zum „Ossi" gemacht zu werden - denn das war keineswegs eine selbstgewählte Bezeichnung. Dafür, wie es ist, wenn die Arbeitslosigkeit der Eltern öffentlich als selbstverschuldet verhandelt wird, wenn man als integrationsunfähig hingestellt und zugleich unbedingte Integration gefordert wird, wenn an den Lebenserfahrungen und Sichtweisen auf die Welt kein Interesse besteht. Kurz: Wenn man sich, wie in der Studie formuliert wird, als Bürger zweiter Klasse fühlt.

Offenbar wurde durch den Vergleich von Ostdeutschen und Migranten ein Vokabular bereitgestellt, das es ermöglicht, dies alles zu thematisieren, ohne sich des „Jammerossis" zu verdächtigen. Andersherum, auf Seiten der ja ebenfalls untersuchten Migranten, scheint die Sprachlosigkeit weniger ausgeprägt zu sein. Vielleicht, weil die Gastarbeiter, ihre Kinder und Enkel im Westen den Ostdeutschen ein paar Jahrzehnte des Kampfes um Sichtbarkeit voraushaben, bis hin zu jüngsten Twitter-Kampagnen wie #Vonhier. Die sympathische, wenn auch etwas zu gut gemeinte Pointe an Foroutans Forschung ist ja gerade, dass Ostdeutschen nun ausgerechnet durch das Nebeneinanderstellen mit Migranten eine bislang nicht gekannte Empathie entgegengebracht wird - von jener Gruppe, von der sie, auch ein Ergebnis der Studie, oft ihren Status bedroht sehen.

Doch wie jeder zugespitzte Vergleich gerät auch dieser an seine Grenzen. Natürlich sind Rassismus und die Verächtlichmachung ostdeutscher Herkunft nicht dasselbe. Begrenzt ist die Analogie schon, weil sie Klassenzugehörigkeiten und andere Unterschiede innerhalb der beiden Gruppen aus dem Blickfeld geraten lässt, aus denen sich wiederum ganz andere Gemeinsamkeiten ableiten ließen. Der frühere Kali-Kumpel aus Bischofferode hat nicht nur mit dem pensionierten türkischen Stahlarbeiter aus Duisburg viel gemein, sondern qua sozialer Herkunft und Berufserfahrung auch mit dem „biodeutschen" Ex-Bergmann aus Bottrop. Wer wiederum als einer von Zehntausenden Vertragsarbeitern im Osten lebte, 1990 ohne Aufenthaltstitel dastand und die Pogrome nach der Wende miterlebte, teilt die Erfahrung existenzieller Angst mit Geflüchteten im Westen. Eine Migrantin mit Kopftuch wird, was das Leben mit Klischees angeht, eher in dem sächselnden Bornaer einen Leidensgenossen finden als in dem Künstler aus Ost-Berlin. Diese Differenzierungen sind nötig, um nicht grob über Lebensrealitäten hinwegzugehen.

Solche Erkenntnisse werden in der angestoßenen Debatte jedoch eher gefördert, als verhindert. Weil durch sie mehr, aber vor allem anders gesprochen wird über den Osten. Kommt jetzt eine Welle ostdeutscher Anerkennungskämpfe? Überprüfen Westdeutsche ihre Privilegien unter dem Schlagwort „Critical Westness"? Dieser Tage sucht eine Konferenz des Dresdner Instituts für Kulturstudien nach „Aspekten von Kolonisierung in Ostdeutschland seit 1990". Das mag despektierlich erscheinen. Doch Foroutans Studie zeigt, dass es solche Vergleiche braucht, um die Stereotypisierung Ostdeutscher thematisieren zu können. Dass sich der Osten 30 Jahre nach dem Fall der Mauer seine Geschichte und Gegenwart neu aneignet und dies mithilfe der Geschichte und Gegenwart der Migranten im Westen tut, das ist vor allem: eine Chance.

Nelli Tügel ist Ressortleiterin Politik bei der Tageszeitung neues deutschland. Sie wurde als Tochter einer ostdeutschen Mutter und eines türkischen Vaters in der DDR geboren


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