1 subscription and 1 subscriber
Feature

Neues Deutschland, 14.09.2012: Europas Schmuckzimmer

Slowenien im Herbst

Kaum ein europäisches Reiseland vereinigt eine derartige Vielfalt im Landschaftsbild und an Möglichkeiten aktiver Freizeitgestaltung. Dass Slowenien dennoch als Geheimtipp gelten darf, mag überraschen, stellt jedoch für denjenigen Reisenden, der Ursprünglichkeit jenseits touristischen Trubels zu schätzen weiß, einen enormen Vorzug dar. 


Wenn in wenigen Wochen die Badesaison an der slowenischen Riviera endet, deren venezianische Hafenstädte Piran, Izola und Koper sich wie Perlen an einer Schnur auf schlanken 46 Kilometern Küste aufreihen, beginnt in der Steiermark die Zeit der Weinernte.
Den kulturellen Mittelpunkt des Dreiländerecks Slowenien, Österreich, Ungarn bildet das malerisch von der Drava durchflossene Maribor. Auf dem Marktplatz vor dem Minoritenkloster, dessen Fassade die vermeintlich älteste Weinrebe der Welt, die über 400 Jahre alte Stara Trta ziert, laden die Vinotheken zur Verköstigung.
Der Herbst in der europäischen Kulturhauptstadt Maribor hat beispielsweise mit den internationalen Festivals junger Literatur oder zeitgenössischen Tanzes auch jenseits der Kulinarik Höhepunkte zu bieten.


In der Mitte des Landes ist die Hauptstadt Ljubljana zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert. Die zweitausend Jahre alte Stadt mit südländischem Flair säumt die Ufer der Ljubljanica mit Kaffees und Bars. Kulturelle Events auf den städtischen Plätzen prägen das Leben dieser im europäischen Vergleich kleinen Metropole. Mit ihrer Offenheit und Schönheit ist sie der beste Repräsentant der jungen Nation.


Aktivurlauber finden mit dem Ende der hohen Sommertemperaturen ideale Bedingungen zum Erkunden der Slowenischen Bergwelt oder der Hochebenen des Karst. Besonders der Triglav-Nationalpark, benannt nach dem höchsten Berg Sloweniens, stellt ein Eldorado für Outdoorfreunde dar. Die einzigartige Landschaft im Westen des Landes, Teil der julischen Alpen, bietet Wanderern tiefe und ursprüngliche Wälder, Bergsteigern und Paragleitern herrliche Aufstiege und Hochplateaus und auf den Gebirgsflüssen ideale Bedingungen zum Raften und Kajakfahren.


Ein Bad im Bleder See, in dessen Mitte, umgeben von tiefem Azur, die Marieninsel mit ihrer weißen Kirche das vielleicht meist fotografierte Motiv Sloweniens abgibt, darf dank warmer Quellen auch im Herbst noch riskiert werden. Von Bled, am Ostrand des Nationalparks gelegen, ausgehend lassen sich Wanderungen auf größtenteils gut ausgewiesenen Routen und Mountainbiketouren unternehmen. Empfehlenswert ist die Vintgar-Klamm, eine 1600 Meter lange Schlucht, durch welche sich der Radovna-Fluß schlängelt, welchen man auf zahlreichen Holzbrücken überquert, bis man schließlich nach Podhom den wohl schönsten Wasserfall des Landes erreicht.


Von Bovec im Nordwesten des Nationalparks aus starten Bergwanderer ihre Alpentouren. Wer einen Gleitschirm im Gepäck hat, gelangt mit dem Sessellift auf den Gipfel des 2587 Meter hohen Kanin und segelt von dort über eine herrliche Gebirgslandschaft, eines der wichtigsten Wintersportzentren Sloweniens. Mit dem Boka-Wasserfall läßt sich Sloweniens höchster Wassersturz bestaunen.


Weiter südlich liegt der charmante Ort Kobarid. Die smaragdgrüne Soča, einen Steinwurf entfernt, bietet Kanuten, Kajakfahrern und Raftern auf seinem Weg in die Adria herrliche Bedinungen. Hier wirkte Ernest Hemingway als Sanitätsoffizier im Ersten Weltkrieg und sammelte die Erfahrungen zu seinem Roman “In einem anderen Land”. In den wahnsinnigen Schlachten des Ersten Weltkrieg wurde das kleine Land zum Massengrab.

In Slowenien kulminieren wie an wenigen Orten die Schreckenserfahrungen und die Schönheit Europas gleichermaßen. Heute lockt es Urlauber mit der majestätischen Schönheit der Alpen, dichten Wäldern, seinen kargen Hochplateaus und der Riviera. Einflüsse österreichischer, italienischer und ungarischer Kultur prägen das Ambiente dieses freiheitsliebenden Landes.


Einem alten slowenischen Sprichwort nach schuf Gott, nachdem er alle landschaftlichen Schönheiten auf der Welt verteilt hatte, noch ein kleines Gast- oder Schmuckzimmer, in welchem er alle Schönheiten nochmals in verkleinerter Form versammelte: Slowenien.