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Germany: the past, the present and the future of techno music

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„i-D goes techno": Wir werfen einen genauen Blick auf die Szene, die die Jugendkultur Deutschlands musikalisch, modisch und Der Autor dieses Artikel ist für uns 27 Jahre nach dem Erscheinen in die damalige Zeit zurückgekehrt. Was er zu sagen hat, findest du hier. kulturell wie kaum eine andere geprägt hat: Die deutsche Techno-Szene.

Seit den 60ern ist Westdeutschland für seine radikale elektronische Musikszene bekannt. Von den elektronischen Klängen der Post-Hippie-Ära in den späten 60ern, den futuristischen Computergenies von Kraftwerk in den 70ern, über Elektro-Glam von La Düsseldorf, die Moroder Disco-Ära und das düstere Erscheinungsbild von DAF bis hin zur roboterhaften Dance-Musik aus dem Frankfurt des Jahres 1988, die deutsche Elektroszene hat die Zukunft des Dance in den letzten zwei Jahrzehnten vorausgesagt.

Ende der 60er und Anfang der 70er machten Tangerine Dream und die einflussreiche Kölner Band Can, besonders ihr Produzent Conny Plank, zaghafte Experimente mit elektronischen Rockrhythmen. Aber als Can anfing, die elektronische Ästhetik in Richtung psychedelischen Rock weiterzuentwickeln, arbeitete Plank mit einer neuen Gruppe zusammen, deren Schwerpunkt auf harten, modernen elektronischen Beats lag; Musik war für sie ein entmenschlichtes Präzisionsinstrument, der Mensch als Maschine. Der Name der Gruppe: Kraftwerk. Sie sollte nicht nur die Richtung der deutschen Musik beeinflussen, sondern auch den amerikanischen und europäischen Dance-Sound der nächsten 15 Jahre bestimmen. Während Tangerine Dream mit ausufernden Lasershows beschäftigt war und Holger Czukay von Can seine eigenen synthetischen Collagen produzierte, machte sich Conny Plank weiterhin an die Entwicklung des deutschen elektronischen Beats. Er arbeitete mit einer neuen Gruppe aus Düsseldorf, die ihr lederlastiges öffentliches Erscheinungsbild und ihre Discorhythmen aus der deutschen Schwulenszene und ihre Vorliebe für elektronische Musik von Kraftwerk bezogen haben: DAF. Das waren Gabi Delgado und Robert Görl. Beide waren Hauptakteure einer blühenden Düsseldorfer Musikszene, die Disco in den frühen 80ern ein neues, kantigeres Image verpassen wollten.

Laut Gabi Delgado begann die neue Welle des deutschen Elektro vor zwei Jahren. Dieses Mal kommen die Impulse nicht aus Düsseldorf, sondern aus Frankfurt, Berlin und Hamburg, und dieses Mal ist es eine Club-basierte Kultur. Das Erbe des deutschen Elektro und der schwulen Discoszene von vor zehn Jahren schwingen immer noch mit, aber jetzt absorbieren deutsche DJs die pulsierende Chicago-House - House-Musik, die ihren Ursprung in deutscher elektronischer Musik hat - und nutzten sie für ihre Zwecke.

Klaus Stockhausen war der erste DJ, der Chicago-House nach Deutschland brachte, in den Hamburger FrontClub. Der befindet sich in einem alten Keller und ist Deutschlands erster richtiger House-Club. Er verfügt über eine Tanzfläche, die groß genug für 500 Leute ist, und ist ansonsten spartanisch eingerichtet. Hamburgs anderer Hardcore-House-Club, The Shag, befindet sich in einem alten Sex-Club, in dem immer noch Stripshows stattfinden. „Er ist voller i-D-Leser in Doc Martens", sagt ein Stammgast. „Jeder ist drei oder vier Stunden ohne Unterbrechung auf der Tanzfläche." Angetrieben durch den Club-Enthusiasmus, der unmittelbar mit dem Aufkommen von House verbunden ist, haben deutsche DJs wie der Berliner Celal Kurum und der deutsche Mix-Champion Westbam angefangen, Acid-Tracks zu produzieren. Celal legt regelmäßig im The Shag und im Opera House in Hamburg auf, wo Pioniere ihrer Zeit versuchen, House- und Elektrotraditionen zu einem neuen deutschen Stil zu kombinieren. „Die deutschen DJs sind jetzt schneller darin, ihren eigenen Sound zu entwickeln", sagt Alexander Schreck vom deutschen Dance-Magazin Network Press. „Bald wird einer von ihnen so gut sein wie Coldcut."

In Berlin versuchen Gabi Delgado und Saba Komossas mit Delkom, ein neues Kapitel Club-Geschichte zu schreiben. Sie wollen das Elektro-Erbe mit den neuen House-Grooves verbinden. Unter dem Namen FX mixen sie den DAF-Katalog für den Sound der späten 80er. Delkom hat auch „Los Ni ñ os Del Parque" von Les Liasons Dangereuses neu gemixt und zusammen mit Celal Kurum organisieren sie Partys in leerstehenden Lagerhäusern in Industriegebieten. Die Berliner Club-Landschaft bietet auch für The Alliance eine Heimat, die HipHop-Gruppe, die Joyce Sims' „Come Into My Life" in einen teutonischen Rap verwandelt hat. Aber die Stadt, die Deutschlands neueste Computer-Dance-Programmierer am wahrscheinlichsten auf die internationalen Tanzflächen katapultieren wird, ist Frankfurt.

Frankfurt ist für Deutschland das, was die Docklands für London sind - eine privilegierte, superreiche Mini-Metropole, die in besonderer Weise vom traditionellen Konservatismus deutscher Werte abgetrennt ist. Nur eine Halbe Million Leute leben hier, aber sie stehen in einem harten Wettbewerb um bessere Arbeitsplätze und verdienen viel mehr Geld als ihre ohnehin reichen Landsleute. Die Stadt hat immer noch die berühmte Alte Oper, aber sie strebt nach kommerzieller und internationaler Bedeutung - die Wirtschaft der Stadt basiert auf Europas zweitgrößter Börse und ist die Heimat von riesigen, internationalen Konzernen. Hoch oben in den Glas- und Stahltürmen ist das Schicksal von Nordsee-Robben oder südamerikanischen Ureinwohnern nie wirklich so wichtig wie die nächste Bilanz. Was hier wirklich zählt, ist Geld.

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Die Stadt hatte nie eine Szene in dem Sinne. Von einer Barkultur zu sprechen, wäre übertrieben, und das Rotlichtviertel ist nur für Zuhälter und Junkies. Man findet hier keine Nachtclubs wie in London oder Amsterdam. Die Clubs, die es da gibt, sind logischerweise weit bedeutender, als sie es unter anderen Umständen wären. Vor zwei Jahren wollte die kleine deutsche Plattenfirma ZYX von der aufstrebenden Szene profitieren und veröffentlichte eine Kompilation mit Frankfurt-Beats. Der Titel A New Sound is Created: The Sound of Frankfurt ist eine kühne Behauptung, offensichtlich zielt er auf Vergleiche mit der Chicago-House-Kompilation von London Records aus demselben Jahr ab. Auf der Kompilation sind die Hits „Electrica Salsa" von Off und „Where Are You?" von 16 Bits vertreten, die von Frankfurter DJs produziert wurden, aber der Rest der Kompilation besteht aus schmierigen Discotracks, die auch überall zwischen München und Mailand hätten entstehen können. Tatsächlich ist ZYX eine Plattenfirma, die mehr an Vermarktung als an Musik interessiert ist. „Die verkaufen alles, was schwarz ist und ein Loch in der Mitte hat", erklärt ein ernüchterter Frankfurter. Auch wenn die Behauptung, die Stadt habe eine bestimmten Stil, nur eine Erfindung des Geldes wegen war, die Idee des Frankfurt Beat trägt endlich Früchte.

Die DJs/Produzenten, die die Frankfurter Szene formen, sind jung, dynamisch und innovativ. Luca Anzilotti und Michael Münzing von Logic-Master sowie Talla 2XLC, dem die Indie-Plattenfirma Techno Drome gehört, sind die Pioniere von Frankfurts neuem Sound. Anzilotti und Münzing wollen aus Underground-Dance kommerzielle Charthits machen, ähnlich wie Stock, Aitken und Watermans selbst ernannte Hit Factory. Tallas Plattenfirma Techno Drome hat ein ausgeprägtes Indie-Selbstverständnis: Er will nur härtesten Elektro produzieren. Es waren Anzilotti, Münzing und Sven Väth von Off, die „Electrica Salsa" 1986 produzierten, wahrscheinlich der allererste Hit aus Frankfurt, lange bevor britische DJs überhaupt in die Nähe der deutschen Charts kamen. Der europaweite Erfolg der Platte, besonders im Mittelmeerraum, half ihnen bei der Gründung von Logic Records. Talla hat intensive Verbindungen zur fanatischen belgischen Elektroszene, zur Hardcore-Industrial-Clubkultur in Kanada und in die Südstaaten der USA.

Stell dir folgende Quizfrage vor: Nenne den unwahrscheinlichsten Ort für einen Techno-Club. Auch mit viel Mühe käme man nicht auf das Dorian Gray, einem Hippodrom-artigen Ort am Flughafen Frankfurt, Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Am bekanntesten ist der Ort für die Bunnygirl-Partys, organisiert vom deutschen Playboy, das einem einen Eindruck von diesem Ort gibt. Er dient zur Unterhaltung der Umsteigepassagiere. In dieser 1500 Leute fassenden Disco-Hommage mit vier Tanzflächen findet Tallas Technoclub freitags statt.

Seitdem er seinen Technoclub 1984 gegründet hat, tourt Talla mit seinem Fest harter Dance-Beats durch kleinere Frankfurter Clubs. Um seine Musik zu vermarkten, gab er ihr eine übergreifende Identität. Auf ähnliche Weise erfanden britische DJs Balearic Beats. Er nannte es Aggreppo (Aggressive-Positive oder aggressive Popmusik). Eine Bezeichnung, die jede nordeuropäische Spielart von Elektrodisco, von DAF bis Liasons Dangereuses umfasste, sie musste nur hard sein. Zusammen mit anderen einheimischen DJs schuf er ein loses Kollektiv, das die Frankfurter Musikszene nach ihren eigenen Aggreppo-Vorstellungen geformt hat, aus den Tracks wurden Top-Ten-Hits und sie wurden in den Clubs gespielt. „Wir haben großen Einfluss auf die plattenkaufende Öffentlichkeit", sagt Talla stolz. „Vor zwei oder drei Jahren konnte man diese Musik nirgends finden - jetzt ist sie überall erhältlich." Das stimmt. Im Frankfurter Raum verkaufen Aggreppo-Lieblinge, wie The Weathermen, Clic Clic oder Pluto, genauso viele Platten wie The Smiths oder The Sugarcubes in ganz Deutschland. Mit rasiermesserscharfen Frisuren und schwarzen Uniformen tanzt das Aggreppo-Publikum eine Art Pogo, ähnlich wie das unkoordinierte Jacking in Londons Acid-House-Szene, und besitzt die gelegentliche Arroganz von Fanatikern: „Wenn du es nicht magst, kannst du dich auch jederzeit verpissen", lächelt Jürgen, ein großer Front-242-Klon.

Der Cooky's Club ist eine Frankfurter Institution, eine stinkvornehme 70er-Diskothek, die täglich bis 5 Uhr morgens auf hat, und das Ende des anderen Spektrums des Frankfurt Beats bildet. Wenn Luca Anzilotti und Michael Münzing im Dorian Gray als DJs auftreten, legen sie von Pop Soul bis Acid auf, von The Woodentops bis Phuture. Angesprochen auf den kürzlich entdeckten Hunger der Briten auf Balearic Beats, reagieren sie nicht allzu gut. „Wir sind momentan ‚in'", sagt Münzing. „Die Briten haben uns letztes Jahr noch ausgelacht. Jetzt machen wir es schon so lange, dass es fast langweilig geworden ist. Das ist der wahre Witz!" Zufällig machte Anzilotti in derselben Klasse Abitur wie Dave Dorrell von M/A/R/R/S und sie blieben in Kontakt. „Noch vor einem Jahr hat er die Nase über ‚Electrica Salsa' gerümpft", behauptet Münzing.

Aber die beiden Seiten des Frankfurter Beats - der harte Aggreppo-Elektro und der Euro-Pop von „Electrica Salsa" - lauern nur darauf, die britischen Diskotheken zu erobern. Logic hat mit Ariola einen Vertrag abgeschlossen, bei dem Ariola für die Vermarktung von bestimmten Singles, die Logic für Hits hält, verantwortlich ist. Nachdem sie all ihre Platten zuerst in Clubs getestet haben - wie sie es immer machen -, hat Logic „Welcome to News of the Week" von Glas als erste Platte ausgewählt, die von einer großen Plattenfirma vermarktet werden sollte. Ein Euro-Beat mit Akustik-Gitarren-Klängen, englischen Nachrichtenfetzen und orientalischem Gesang: Diese Platte ist unüberhörbar für ein weltweites Publikum gemacht. Ihre vielleicht beste Waffe für den kontinentalen Putsch sind zwei deutsche HipHop-Mädchen - Exciting Girls. Anzilotti und Münzing erhoffen sich von dem Pop-Rap-Duo, dass es Frankfurt auf Dauer auf den internationalen Tanzflächen etablieren wird. Unterdessen plant Talla, seinen Aggreppo bis Ende des Jahres nach London zu bringen. In der Vergangenheit hätte London Frankfurt noch ins Gesicht gelacht, aber zum ersten Mal nimmt Großbritannien den teutonischen Beat ernst. Nach 15 Jahren hat Deutschland endlich seinen rechtmäßigen Platz in der Geschichte der Dance-Musik eingenommen.

Credits

Artikel von David Swindells, Matthew Collin und Ralf Niemczyk Fotos: Peter Böttcher Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader (Der Artikel erschien ursprünglich im November 1988 in der Printausgabe „The Trash Issue" des i-D Magazins.) In Kooperation mit Converse.

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