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GA-Rekordhalter: "Ja, einmal habe ich mich im Zug verliebt" | NZZ am Sonntag

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Roland Müller-Aebi aus Spiez besitzt seit 43 Jahren ununterbrochen ein GA. So lange wie sonst wohl niemand. Dass er ein grosser Fan der SBB ist, versteht sich von selbst. Gegen weniger Durchsagen und einen kleinen Treuebonus hätte er aber nichts einzuwenden.

NZZ am Sonntag: Herr Müller-Aebi, fragen Sie vor dem Absitzen, ob der Platz noch frei sei?

Roland Müller-Aebi: Ja natürlich, klar. Das machen nicht mehr alle, aber ich frage immer.

Vor 43 Jahren haben Sie Ihr erstes GA gekauft. Fragten damals alle, ob ein Platz noch frei sei?

Alle. Vieles war anders. Dass zum Beispiel Passagiere am Gang sitzen und den Platz am Fenster mit Taschen verbarrikadieren, das gab es nie. Das ist eine Neuerscheinung, die mich ärgert. Wenn man fragt, ob frei ist, räumen sie die Taschen mühsam und langsam zur Seite. Das dünkt mich eine Saumode.

1973, also schon mit 21, haben Sie Ihr erstes GA gelöst. Was brachte Sie dazu?

Den ersten wirklich intensiven Bahnkontakt hatte ich mit Interrail, als ich durch Europa gefahren bin. Später zog ich nach Seftigen bei Thun. Damals habe ich in Bern gearbeitet, und der Zugsvorstand, Kämpfer Paul, hat mir dann gesagt, er würde in meiner Situation ein GA nehmen. Das machte mich schon stolz. Und seither habe ich nie mehr kein GA gehabt. Ich bin auch nie Auto gefahren, ich wüsste heute gar nicht mehr, wie das geht.

Mit einem VW Golf hätten Sie bestimmt mehr Eindruck machen können.

Das ist mir egal. Ich habe gelernt, Auto zu fahren, also die Theorieprüfung hatte ich schon, und dann ist mir das dermassen verleidet. Und der Vater hat sich furchtbar geärgert, der ist vorher viel mit mir fahren gegangen.

Wieso verleidet?

Autofahren ist einfach nichts für mich. Zu individualistisch.

Ihr lustigstes Zugserlebnis?

Ach, da gibt es viele. Ich sollte sie einmal aufschreiben, aber auf Kommando kommen sie mir nicht in den Sinn. Doch: Einmal war ich mit einem langhaarigen Hippie im Abteil. Ein verlebter Typ. Der hatte so ein Hündchen neben sich auf dem Sitz. Das Hündchen sah bald strüber aus als er. Dann kam der Kondukteur: «Das Hündchen muss runter». Der Hippie: «Du hast dem Hündchen nichts zu befehlen.» Dann haben sie hin und her gestürmt, und der Kondukteur war wohl schon etwas gereizt. Plötzlich hat er das Hündchen gepackt, vors offene Fenster gehalten und geschrien: «Jetzt hältst du dein Maul, oder ich werfe den Köter raus!»

Und?

Am Schluss stand das Hündchen am Boden, und der Kondukteur ging fluchend weiter.

Wie lange suchen Sie nach einem freien Abteil?

Ich suche schon eine Weile. In der Regel gehe ich nach ganz hinten oder ganz vorne. Dort hat man recht gut Platz. Oder in den Speisewagen.

Sie suchen keine Gesellschaft im Zug?

Nein, ich gehe nicht auf den Zug, um Nestwärme zu spüren. Ich habe immer etwas zu lesen dabei. Neuerdings ein E-Book. Auch die Zeitungen elektronisch, das ist sehr praktisch. Aber ich verweigere mich einem Gespräch nicht. Manchmal erweist man ja auch jemandem einen Dienst, wenn man zuhört.

Haben Sie sich schon einmal in Ihr Gegenüber verliebt?

Ja, einmal habe ich mich tatsächlich im Zug verliebt. Das war eine ziemlich heftig gesuchte Terroristin in Italien. Da war ich auf einer Interrail-Fahrt von irgendwo in Süditalien Richtung Norden. Ja, das war dann eine ganz rassige junge Frau. Voller Parolen, hat die ganze Zeit energisch referiert. Ich habe zwar nur die Hälfte verstanden. Aber ja, man kann schon sagen, dass ich mich in die verliebt habe. Aber sie ist dann ausgestiegen, und ich bin Richtung Schweiz gefahren.

Nie mehr gesehen?

Wir haben die Adressen ausgetauscht, und wenig später hat sie mir einen Zeitungsausschnitt von der «Repubblica» geschickt, wo man sie gerade sieht, wie sie verhaftet wird. Die war bei den Brigate Rosse und sass dann lange Jahre im Gefängnis. Ich glaube, Panella hat sie geheissen. Ich habe nichts mehr von ihr gehört.

Hatten Sie keinen Briefkontakt?

Nein, es ist nichts zurückgekommen. Ich versuchte ihr zu schreiben, aber das wurde vermutlich abgefangen. Vielleicht sind meine Briefe im Fichenarchiv gelandet.

Gehen Sie immer noch mit dem Zug in die Ferien?

Ich fahre zweimal pro Jahr in den Balkan, immer mit dem Zug. Auch heute noch. Bald kommt die nächste Reise an den Ohrid-See.

Heute gibt es den Swisspass. Wie hat Ihr erstes GA ausgesehen?

Es war noch so ein richtiges Büchlein. Etwas kleiner als der heutige Schweizer Pass. Aussen drauf gab es gross den Schriftzug der SBB und ein Schweizerkreuz. Auf der ersten Seite waren dann die Personalien mit der Foto und dem Stempel zu finden. Und dann folgten drei, vier Seiten, auf denen alle Betriebe aufgelistet waren, bei denen das GA überall gültig war. Noch keine Busse und keine Trams. Ein paar Schifffahrtsgesellschaften, und das war’s. Das Büchlein musste man alle Jahre neu machen. Leider habe ich alle fortgeschmissen.

1970 waren in der ganzen Schweiz weniger als 8000 Generalabonnements im Umlauf. War das GA ein Luxusgut?

Ja, man hatte allgemein das Gefühl, dass das nur Geschäftsherren oder die feineren Leute haben. Für einen Einundzwanzigjährigen war das schon speziell. Ich habe es auf jeden Fall ganz gern gezeigt ab und zu.

Sind Sie Raucher?

Gelegentlich Pfeife.

Der Fahrplanwechsel 2005 war für Sie also auch ein schwarzer Tag?

Ja, das kann man schon sagen. Ich habe noch im Speisewagen Pfeife geraucht. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Heute kann man das nur noch in Bosnien. Dort ist es zwar auch verboten, aber es wird trotzdem überall geraucht.

Viele Raucher sagen: «Wenn ein Päckli 10 Franken kostet, dann höre ich auf.» Sie sind den SBB trotz regelmässigen Preisaufschlägen über Jahrzehnte treu geblieben. Was meinen Sie, was ist der Hauptgrund dafür?

Es bringt für mich so viele Vorteile und so viel Lebensqualität und ist natürlich auch eine Gewohnheit geworden. Ich könnte mir ein Leben ohne GA schlichtweg nicht mehr vorstellen.

Egal, wie teuer es ist?

Nein, das nicht. Aber die Schmerzgrenze wäre wohl weit oben.

Sie wohnen in Spiez und arbeiten als Geschichtslehrer am Gymnasium in Thun. Mit dieser Strecke holen Sie das GA kaum heraus.

Nein, aber ich fahre halt auch viel in der Schweiz umher. Zum Beispiel, um zu korrigieren. Ich habe enorm viele Proben, die ich korrigieren muss.

Sie fahren extra zum Korrigieren Zug?

Ja, immer im Speisewagen. Ich fahre zum Beispiel nach Basel oder nach Brig und korrigiere unterwegs. Und dann habe ich Grosskinder in Tarasp zuunterst im Engadin. Und die anderen Grosskinder wohnen im Seeland und die Tochter im Moment in Genf und jetzt dann in China. Die will ich dann übrigens auch mit dem Zug besuchen gehen, ich bin schon am Planen. Ja, auch wenn ich das GA um ein paar hundert Franken nicht herausholen würde, ich hätte es genau gleich. Was will ich sonst machen? Ich will jetzt auch nicht mehr lernen, Auto zu fahren. Ich bin übrigens auch noch nie geflogen.

Wirklich noch nie?

Kein einziges Mal. Das einzige Mal, als ich in einem Flieger war, war in Luzern im Verkehrshaus. Das bin ich meinen Grosskindern schuldig. Ich finde diese Fliegerei dermassen idiotisch, jedenfalls hier in Europa. Darum sagte ich mir: «Es nimmt mich jetzt wunder, ob man auch ohne zu fliegen ein interessantes Leben führen kann.» Und bis jetzt geht das ganz gut.

Wie teuer war Ihr erstes GA?

Zwölfhundert Franken. Das war für damals ziemlich teuer.

Heute kostet es 3655. Das ist nicht nur die Teuerung. Ist der Service besser geworden?

Ja, klar. Das Angebot ist dermassen viel besser geworden. Bern–Zürich, da sind vielleicht zwei Züge gefahren am Vormittag und dann noch einer, der an jeder Hausecke hielt. Heute sind die Anschlüsse gut. Der Qualitätsunterschied ist gross. Ich würde wagen zu behaupten: Es ist sicher dreimal besser als damals.

Wie hat sich die Pünktlichkeit verändert?

Da hat sich nichts verändert. Fünf Minuten sind doch keine Verspätung. Wenn ich in Europa umherreise, bin ich anderes gewohnt. Da sind wir Schweizer überpingelig.

Sicherheit?

Es war früher unsicherer, aber die Leute haben besser aufgepasst.

Was war unsicher?

Unsicherer war es zum Beispiel, wenn man von Wagen zu Wagen zu gehen wollte. Da hatte es zum Teil nur einen Steg, wo man darübergehen musste. Da war man draussen. Die Kondukteure mussten den Hut festhalten, damit er nicht davonflog. Und das Geländer hatte in der Mitte eine Lücke. Da würde heute die ganz Suva-Direktion aufmarschieren, wenn es noch so etwas gäbe.

Dafür passte man besser auf?

Das stimmt. Einmal auf dem Rückweg von einer Schulreise im Tessin hatte es keinen Platz mehr. Da hat der Kondukteur gesagt, ich könne in den Postwagen. Dort konnte man auf der Seite eine grosse Schiebetür aufmachen. In der Mitte hatte es noch so eine Querstange. Sonst nichts. Da bin ich mit meiner damaligen Frau von Bellinzona dann bis nach Luzern an dieser offenen Tür gestanden und habe die Aussicht an der frischen Luft genossen. In diesen Postwagen hatte es manchmal noch Kisten mit kleinen Schweinchen drin.

Die SBB transportierten lebende Tiere?

Kälber, Schweine, Ziegen. Als ich noch in Seftigen war, habe ich einen Hund gekauft. Und der ist auch in so einer Kiste gekommen. Der Kämpfer Paul sagte, er habe ihn rausgelassen und ihm etwas zu saufen gegeben. Ich könne ihn dann abholen kommen.

Was kritisieren Sie am heutigen Service der SBB?

Nichts. Stopp, doch eine Minikritik hätte ich vielleicht: Es werden zu viele Durchsagen gemacht. «Wir begrüssen Sie», und dann «Ausstiegsseite rechts», das muss doch ein normaler Mensch selber sehen können. Man kann ja gar nicht auf der anderen Seite aussteigen. Und auch, dass sie sagen, «unser Zug verkehrt mit fünf Minuten Verspätung», das dünkt mich lächerlich. Aber das sind Marginalien. Sonst habe ich nichts Negatives. Ich finde, besser kann man es fast nicht machen.

Die Eröffnung des Gotthardbasistunnels war für Sie bestimmt auch eine grosse Sache?

Verkehrspolitisch ist das natürlich gut. Aber im Grunde genommen ist es doch eigentlich schade. Das war so eine schöne Strecke. Dieses Erlebnis, dass man ein ganzes Gebirge durchreist, hat man nicht mehr. Jetzt ist man dann einfach da.

Ist Ihnen in der Zwischenzeit noch eine lustige Zugsgeschichte eingefallen?

Ja, einmal bin ich mit dem Speisewagen von Genf nach Freiburg gefahren, und dann ist einer von Frankreich mitgefahren, und der hat so schwadroniert. Wie vorbildlich die Schweiz doch sei. In Frankreich seien die Zugdurchsagen immer nur auf Französisch, aber hier in der Schweiz, da würden die Stationen noch in allen Sprachen durchgegeben. Und der sprach so laut, dass ihn alle hörten, und kurz vor Freiburg kam eine Durchsage. Der Kondukteur sagte: «Fribourg.» Und sonst gar nichts. Danach brach im ganzen Speisewagen ein riesiges Gelächter aus.

Haben Sie schon einmal die Notbremse betätigt?

Ich nicht, aber einer meiner Schüler hat sie einmal gezogen. Das war so ein Zappelphilipp. Es passierte im Schlafwagen. Dazumal ist nach Rom noch ein Schlafwagen gefahren. Ich war gerade eingeschlafen. Plötzlich hat es geklopft, und dann ist dieser Frederik draussen gestanden: «Herr Müller, mir ist ein Seich passiert.» Jetzt wollte der auf die Pritsche raufklettern und hat sich an der Notbremse festgehalten.

Sie fahren die Strecke Spiez–Thun retour fast jeden Tag. Haben Sie einen Stammplatz?

Nein. Früher gab es das schon noch. Als ich noch Langnau–Bern gefahren bin, da bin ich einmal an den Platz von jemand anderem gesessen, und der hat mich dann relativ unsanft weggejagt. Das war vor zwanzig Jahren. Und im Gürbetal waren auch vier, die immer zusammen gejasst haben in aller Herrgottsfrühe. Die sind in Seftigen eingestiegen und begannen sofort mit Jassen. Immer am gleichen Ort, da durfte sonst keiner sitzen.

Telefonieren Sie im Zug?

Selten.

Ist das unhöflich?

Ja, ich gehe raus zum WC, wenn ich wirklich einmal telefonieren muss.

Essen im Zug?

Also vielleicht einmal ein Weggli. Aber da irgendeinen Kebab oder so würde ich nicht essen. Auch wegen des Geruchs. Für das hat man ja den Speisewagen.

Mit einer Laufzeit von 43 Jahren sind Sie wohl der treuste GA-Kunde. Was haben Sie von den SBB zum vierzigsten erhalten?

Ja also, wenn ich etwas kritisieren muss, dann das: Ich habe nie etwas erhalten. Mit sämtlichen GA für die Familie und mit den Billetts, die ich immer für die Schulreisen löse, das gibt mindestens zehn- bis fünfzehntausend pro Jahr. Und da fand ich schon, dass sie zum Jubiläum vielleicht einmal ein Erstklass-GA zum Preis vom Zweitklass hätten offerieren können. Ich würde es ja gar nicht brauchen, weil ich eh immer im Speisewagen sitze, aber es wäre zumindest eine Geste gewesen.

Was haben Sie nur mit diesem Speisewagen?

Wissen Sie, früher haben sie in den Speisewagen noch effektiv gekocht und nicht nur warm gemacht. Plätzchen geklopft. Und es gab so legendäre Speisewagenkellner. Es gab nur Milchkaffee in so grossen runden Tassen. Einer ist immer mit zwei Kannen gekommen und hat mit beiden gleichzeitig eingeschenkt. Oder einer hat den Schnaps von weit oben ins Glas gegossen. Heute bin ich einfach gern im Speisewagen, weil es dort oft mehr Platz hat als in den anderen Wagen. Einer meiner Grossbuben, dem sein erstes Wort war nicht «Papa» oder «Mama», sondern «Speisewagen».

Ob Roland Müller-Aebi wirklich der alleinige GA-Rekordhalter ist, lässt sich nicht abschliessend klären. Die vorhandenen Daten der SBB reichen nur bis Anfang der neunziger Jahre zurück. Bei der SBB-Medienstelle heisst es lediglich: «Herr Müller-Aebi ist einer unserer allertreusten Kunden. Wir wünschen ihm weiterhin gute Fahrt und danken herzlich für die Treue.»

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