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Missbrauchstagung: Die Bischöfe müssten „Ich" sagen! | kath.de-Kommentar

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15. Februar 2019

Missbrauchstagung: Die Bischöfe müssten „Ich“ sagen!

Wie rechtfertigen die Mächtigen die Geduld der Ohnmächtigen ihnen gegenüber? Die von Missbrauch Betroffenen und die „einfachen Gläubigen“, die Homosexuellen und die Frauen in der Kirche – diejenigen, die wenig oder keine Macht in der Kirche haben – sie müssen geduldig auf die Bischöfe warten. Die Machthaber der Kirche ruhen sich aus auf der Geduld, auf dem Verständnis des Kirchenvolks, auf der Ohnmacht der Ohnmächtigen. Denn diese sind ganz überwiegend gedanklich schon viel weiter und reifer als das Führungspersonal der Kirche.


Unwissenheit beim Führungspersonal


Im Vorfeld des weltweiten Bischofstreffen zu Missbrauch und Kinderschutz (21.-24. Februar im Vatikan) kann es sich anscheinend sogar der Papst persönlich erlauben, die Erwartungen massiv herunterzuschrauben: Am Ende der Tagung sollten die Bischöfe den Umfang und die Bedeutung von Missbrauch kennen und sie sollen wissen, wie genau sie dagegen vorzugehen haben, ließ er erklären. Zurecht fragte daher etwa die Irin Marie Collins, Betroffene von Missbrauch und Sprecherin von Betroffenen: „Wie will die Kirche – nach Jahrzehnten der Krise – so viel Unwissenheit bei ihrem Führungspersonal rechtfertigen?“

Gerade von den hauptamtlichen, geweihten Amts- und Würdenträgern müsste man erwarten können, dass sie –angesichts der ihnen zur Verfügung stehenden umfangreicher Studien, Beratern, Referenten – sich besser auskennen, und die Probleme schneller verstehen als viele immer noch so genannte „Laien“.


Schweigen über Sexualität


Vielen Bischöfen gelingt das Sprechen über Sexualität nicht. Viele von ihnen sind anscheinend immer noch blind für die systemischen Probleme, die strukturellen Schwächen innerhalb Kirche, die Missbrauch mit ermöglichen. Zum Beispiel wird nach wie vor die These aufrechterhalten, Missbrauch habe irgendwie mit Homosexualität zu tun. Dieser Verdacht oder sogar die vermeintlich gesicherte Erkenntnis wird bei der Missbrauchstagung vermutlich wieder ungeschützt zur Sprache kommen und es wird über „die Homosexuellen“ gesprochen werden; über „die Frauen“, „die Nonnen“, ohne dass sie selbst dabei sind. Werden die Bischöfe verstehen, dass es beim Missbrauch im Kern um die Ausnutzung von Macht geht – ermöglicht in einem System voller Machtgefälle?


Der kognitive Graben zwischen Bischöfen und Kirchenvolk


Was viele Bischöfe und andere Würdenträger vom Rest des Kirchenvolks unterscheidet, ist das kleine Wörtchen „Ich“. Die wenigsten können es wirklich aussprechen – zumindest tun sie es nicht. Sie können oder dürfen nicht in der 1. Person Singular sprechen.

Schon in den letzten Jahren seit 2010 – zuletzt auch nach Veröffentlichung der MHG-Studie – haben Bischöfe immer wieder von einem nicht näher bezeichneten „Wir“ gesprochen: Wir haben nicht richtig hingeschaut, wir haben nicht gehandelt, wir haben vertuscht… – Wer war damit gemeint?


Die Geschichte eines befreundeten, homosexuell orientierten Priesters: Bei einem Treffen mit anderen Geistlichen in einem Bistum wurde über Homosexualität gesprochen, über „die Homosexuellen“, und es wurde ausführlich diskutiert, wie wohl Missbrauch an Schutzbefohlenen mit Homosexualität zusammenhängt. Irgendwann hielt der Priester es nicht mehr aus, stand auf und sagte: „Ich bin schwul und ich mache so etwas nicht!“ Nach einer solchen Äußerung kann eine Runde nicht mehr potenziell verletzend und verdächtigend weitersprechen wie vorher.


Vielleicht wäre es bei der Missbrauchstagung im Vatikan an der Zeit, dass einmal ein Bischof aufsteht und sagt: Wir reden hier über Homosexuelle, als ob Homosexualität etwas sei, das von außen auf uns zukommt, liebe Mitbrüder. Ihr solltet wissen: Ich bin schwul!

Geistliche müssen immer noch über ihre sexuelle Orientierung schweigen. Es ist ein Tabu. Welches Signal wird damit an homosexuelle Gläubige gesendet? Es ist schon ein groteskes Verständnis von Wahrheit, von Authentizität in der Christusnachfolge, welches die Kirche mit diesem Tabu vermittelt. Warum dürfen Geistliche nicht das Wort „Ich“ in Äußerungen über Sexualität benutzen?


„Ich bin ein Sünder!“


Was würde wohl passieren, wenn ein Bischof bei der Missbrauchstagung aufstehen und sich „outen“ würde? Nicht über „die Missbrauchstäter“ oder „die Vertuscher“ sprechen, sondern die Dynamik der Diskussion in der Synodenaula mit einem Satz herumdrehen: „Ich habe weggesehen!“ Jemand muss sich „outen“ und in der 1. Person Singular sprechen. So ähnlich wie in der Beichte. Da gibt es kein „Wir“ oder „Man“. Der Sünder muss „Ich“ sagen. Papst Franziskus sagte in seinem ersten Interview, auf die Frage, wer denn Jorge Mario Bergoglio sei: „Ich bin ein Sünder.“


Die von Missbrauch Betroffenen haben den Anfang längst gemacht, haben in der 1. Person Singular über ihr Leid, ihren Kampf, ihr Überleben gesprochen. In der oberen Etage der Kirche fehlt dieses „Outing“ noch.


Wenn Bischöfe persönlich Fehler einräumen, dann meist erst unter Druck. Vor einiger Zeit stand der Hildesheimer Weihbischof Heinz-Günter Bongartz in der Kritik, weil er als Missbrauchsbeauftragter des Bistums die Meldung eines Mädchens nicht als Missbrauchsbericht verstanden und daher nicht entsprechend behandelt hatte. In einer Pressekonferenz bat er später um Entschuldigung – mit zittriger Stimme und sichtlich um Fassung ringend: „Ich bitte von ganzem Herzen um Entschuldigung, dass ich damals die Täterstrategien nicht wahrgenommen habe und die daraus notwendigen Schlüsse für das Kindeswohl nicht ableiten konnte." Er bot seinen Rücktritt an, den das Bistum allerdings nicht annahm. Immerhin hatte er es geschafft, seinen eigenen Fehler zuzugeben, wenn auch unter Druck.


Nicht erst unter Druck „Ich“ sagen


In der Pressekonferenz zur Vorstellung der MHG-Missbrauchsstudie fragte die DLF-Journalistin Christiane Florin, ob nach all den nun durch die MHG-Studie bekannt gemachten Verbrechen und Vertuschungen vielleicht einer oder zwei der rund 60 deutschen Bischöfe sagen würde: Ich habe so viel Schuld auf mich geladen, ich müsste eigentlich zurücktreten. Die knappe Antwort des Bischofskonferenz-Vorsitzenden Kardinal Marx‘ lautete: „Nein“.

Irgendjemand muss anfangen, „Ich“ zu sagen. So wie der Jesuit Klaus Mertes, damals Rektor des Canisius-Kollegs 2010 sagte, als der sogenannte „Missbrauchsskandal“ begann: „Ich repräsentiere die Täterseite. Die Opfer sind mit ihrem Zorn, ihrer Anklage bei mir an der richtigen Adresse.“ Mit dieser Entscheidung und dieser Äußerung zog er viel Ärger auf sich. Wenn jemand „Ich“ sagt, muss er mit Ärger rechnen. Haben viele Bischöfe davor Angst?


Die Ohnmacht der Frauen


Die Frage nach der Ohnmacht von Frauen in der Kirche müsste bei dem Bischofstreffen ausführlich diskutiert werden. Dafür müsste zunächst einmal anerkannt werden, dass es sie wirklich gibt. Eine ehemalige Ordensschwester, Doris Reisinger, hat sich geoutet, mit dem realen Risiko, dass ihr nicht geglaubt wird, dass sie als Lügnerin hingestellt wird. Genau das ist auch geschehen. Ihre ehemalige Gemeinschaft „Das Werk“ hat Doris Reisingers Schilderung der Ereignisse dementiert, die von ihr berichtete Vergewaltigung als einvernehmlichen Sex bagatellisiert. Die Stellungnahme der Gemeinschaft wirkt wie victim blaming. Der mutmaßliche zweite Täter, der – so berichtet Doris Reisinger – sie im Beichtstuhl bedrängt hat, war noch viele Jahr ein ranghoher Mitarbeiter in der Glaubenskongregation. Er ist jüngst zurückgetreten, eine Schuld eingestanden hat er nicht. Zuvor hatte die Kirche ihn jahrelang vor einem Verfahren bewahrt.


Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn glaubte Doris Reisinger, kontaktierte sie und setzte sich jüngst vor laufenden Kameras mit ihr zu einem Gespräch zusammen. Doris Reisinger sagte, es habe für sie als Ordensschwester kein „Ich“ mehr gegeben. Eigene Bedürfnisse, ihre eigene Persönlichkeit seien nicht mehr vorhanden gewesen, ausgeschaltet worden. Sie hat offenbar erlebt, was man als „geistlichen Missbrauch“ bezeichnen kann. Wo fängt dieses Phänomen an, wann muss man von Missbrauch sprechen? Das Leben vieler Frauen in der Kirche, speziell von Ordensfrauen ist geprägt von Machtlosigkeit und Unterordnung, berichtet Doris Reisinger. Ihre Geschichte ist kein Einzelfall.


Geistlicher Missbrauch: Dienende Frauen, mächtige Männer


Die Fälle anzureißen – wie der Papst es jüngst tat –, in denen Nonnen wie Sklaven behandelt, vergewaltigt werden, ist richtig und wichtig. Doch es genügt bei weitem nicht. Die Machtlosigkeit liegt tiefer, das Machtproblem in der Kirche ist gravierender. Dabei geht es nicht nur um sexuellen Missbrauch. Viele Ordensfrauen stellen sich selbst vollkommen zurück. Sie dienen, kochen, putzen, pflegen. Das wird vielerorts als fruchtbringende Spiritualität, als Hingabe, als fromme Christusnachfolge vermittelt und verstanden. Dieses System ist anfällig für Missbrauch, denn es besteht ein Machtgefälle, das quasi nie als solches benannt wird. Die Mächtigen – meist Männer – sprechen nicht darüber. Wenn Frauen selbst zu sprechen versuchen, werden sie meistens nicht gehört.

Im Gespräch mit Doris Reisinger erklärt Kardinal Schönborn immerhin, auch in seinem erzbischöflichen Haushalt arbeiteten mehrere indische Ordensschwestern. Aber er wisse, so der Kardinal, „es ist nicht das Zukunftsmodell“.


„Ich glaube Ihnen!“


Ganz wichtig war für Doris Reisinger ein Satz. Sie bat den Wiener Erzbischof im Einzelgespräch vor laufenden Kameras ausdrücklich darum, ihr diesen Satz zu sagen: „Ich glaube Ihnen.“ Er sagte es. Das große Risiko, auch für Doris Reisinger, besteht beim „Ich“-Sagen darin, dass man sich angreifbar macht. Die Erfahrung, das eigene Erleben, der eigene Schmerz wird öffentlich infrage gestellt, kritisiert. Es wird unterstellt, man nutze persönliche Befindlichkeiten für Strategien, ideologische Reform-Kampagnen in der Kirche.

Die Bischöfe sollten sich beim weltweiten Bischofstreffen endlich trauen, „Ich“ zu sagen. Wer „Ich“ sagt, nimmt eine andere Perspektive ein, gewinnt ein neues Verständnis für diejenigen, die „Ich“ sagen müssen, um überhaupt gehört zu werden. Mit dem „Ich“-Sagen würden viele Bischöfe endlich beginnen, den gigantischen gedanklichen Vorsprung einzuholen, den viele Betroffene und Laien ihnen gegenüber im Verständnis von Missbrauch und Ausgrenzung in der Kirche haben.


Bearbeitet 18.02.2019, 21:16 (Absatz: Die Ohnmacht der Frauen)


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