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Wie ein 27-Jähriger mit radikalen Maßnahmen eine der ärmsten Städte der USA rettet

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Die 300.000-Einwohner-Stadt Stockton ist eigentlich nur für zwei Dinge bekannt: Eine unglaublich hohe Mordrate und den krachenden Bankrott 2012. Vor zwei Jahren wählten die Bürger einen jungen Mann zum Bürgermeister. Er begann sofort, die Stadt umzukrempeln. Jetzt herrscht wieder Hoffnung unter den Einwohnern. Und auch die Zahlen stimmen.


Es ist der 8. November 2016. In der gleichen Nacht, in der Donald Trump in Washington zum Präsidenten gewählt wird, tritt auch Michael Tubbs auf der anderen Seite des Landes vor seine Mitstreiter. Momente zuvor ist der 26-Jährige mit 40 Prozentpunkten Vorsprung zu Stocktons jüngstem Bürgermeister aller Zeiten gewählt worden. Er ist außerdem der erste schwarze Bürgermeister einer Stadt, in der die Minderheiten gemeinsam eine Mehrheit bilden. Obwohl der Zeitpunkt der Wahl der selbe ist, könnte der Unterschied zwischen Trump und Tubbs kaum größer sein.


Stockton ist eine der ärmsten und ungebildetsten Städte der USA

Stockton liegt nur wenige Kilometer vom Silicon Valley in Kalifornien entfernt. Während das wegen seiner innovativen Unternehmen aufblüht, lebt in Stockton jeder Vierte unter der Armutsgrenze. Schon bevor die Stadt als bisher größte US-amerikanische Stadt jemals bankrott ging, wurde sie vom Magazin „Forbes" 2011 zur Stadt gewählt, in der das größte Elend herrscht.


2014 lag Stockton, laut dem „Time"-Magazin, auf Platz drei der ungebildetsten US-amerikanischen Städte. Nur knapp 18 Prozent besaßen damals einen Hochschulabschluss. Die Verbrechensrate ist noch heute drei Mal höher als im kalifornischen Durchschnitt. Das solle nun der Vergangenheit angehören, sagt Tubbs bei seiner Antrittsrede. „Ich habe es satt, darüber zu reden, wie es einmal war. Ich will darüber reden, wie es sein kann."


Bürgermeister: Zum Einschlafen Pistolenschüsse zu hören, ist normal

Tubbs wuchs in einem der ärmsten Viertel Stocktons auf. Als er geboren wurde, war seine Mutter 17. Sein Vater landete so früh im Knast, dass sich Tubbs nicht mal mehr an dessen Vergehen erinnern kann. Aufgrund herausragender schulischer Leistungen bekam er ein Stipendium an der Universität Stanford. In einem Interview mit dem Sender PBS erzählt er: „Erst dann merkte ich, dass manche Dinge, die wir zum Überleben taten, nicht normal waren. Jeden Tag vor dem Einschlafen Pistolenschüsse zu hören, ist nicht normal."


In nur vier Jahren schließt er sein Studium mit einem Master-Abschluss ab. Als Praktikant arbeitet er währenddessen für Google und im Weißen Haus unter Obama. Er hätte überall hingehen können, doch als sein Cousin bei einer Hausparty umgebracht wird, beschließt Tubbs, für seine Heimatstadt zu kämpfen.


In nur zwei Jahren saniert Tubbs den Finanzhaushalt

2012, Stockton hatte kurz zuvor Bankrott angemeldet, kandidiert er mit 22 für einen Sitz im Stadtrat und wird im ersten Anlauf gewählt. Er will jedoch mehr für die Stadt tun können. Tubbs, der sich selbst als ungeduldigen Menschen beschreibt, kandidiert also bereits vier Jahre später als Bürgermeister. Die Stadt ist da noch immer hoch verschuldet, die Menschen noch immer arm.


In nur zwei Jahren schafft er es, den Haushalt der Stadt zu sanieren. USA-weit steht aktuell nur eine Stadt finanziell besser da, wie Experten der Stadt bescheinigen. „Er ist von hier und versteht viel von unseren Schwierigkeiten", war sich einer seiner Wähler sofort sicher.

Soziale Projekte werden fast ausschließlich durch Spenden finanziert

Fest steht: Wie kaum ein anderer zieht Tubbs, Investoren und Spender mit seinen Visionen an. So will der junge Bürgermeister die sozialen Probleme der Stadt lösen, ohne dafür das Geld seiner Bürger auszugeben. Dabei achtet der heute 27-Jährige penibel genau darauf, mit den Spenden verantwortungsvoll umzugehen. Jeder Schritt ist durchdacht und mit Datenanalysen gestützt.


Seinen ersten Erfolg erzielte Tubbs mit einem Programm, das die Schüler der Stadt im Studium unterstützt. Ein anonymer Spender finanzierte es mit 20 Millionen Dollar. Jeder der 1800 Highschool-Absolventen der Stadt, die auf eine Universität gehen wollen, erhält 1000 Dollar im Jahr. Für die gesamte Studienzeit.


Um den Betrag festzulegen, hat Tubbs berechnen lassen, wie viel Geld Familien im Schnitt fehlt, um ihre Kinder auf eine Universität schicken zu können. Bessere Ausbildung führt zu einem besseren Zusammenleben. „Chancen sind der stärkste Hebel, um Wandel in einer Gesellschaft zu schaffen", so Tubbs zum Sender PBS.


Ex-Verbrecher bekommen bis zu 1000 Dollar im Monat

Für kontroverse Diskussionen sorgte sein Projekt „Advanced Peace" (auf Deutsch: fortgeschrittener Friede). Die Idee dahinter ist, polizeibekannte Straftäter dafür zu belohnen, ihr Leben wieder auf die rechte Bahn zu lenken. Wenn sie bestimmte Meilensteine eines Plans zuverlässig erfüllen - zum Beispiel einen Drogenentzug zu überstehen, nicht polizeilich aufzufallen oder einen legalen Job zu behalten - bekommen die Teilnehmer zwischen einem und 1000 Euro pro Monat.


Die finanzielle Sicherheit, gepaart mit intensiver Betreuung, soll die Straftäter in sozial stabilen Verhältnissen verankern. Noch liegen zu wenige Resultate vor, da das Projekt erst vor kurzem gestartet ist. Es gibt jedoch Hoffnung: In einer Nachbarstadt Stocktons sank nach der Einführung eines ähnlichen Pilotprojekts die Mordrate innerhalb kurzer Zeit um die Hälfte.


Tubbs testet das Bedingungslose Grundeinkommen

Tubbs bisher größtes und waghalsigstes Projekt steht noch bevor. Der 27-Jährige will in seiner Stadt das Bedingungslose Grundeinkommen einführen. Das Projekt ist bereits komplett durch externe Geldgeber finanziert und soll, laut der Zeitschrift „Vox" im August starten. Es wäre das erste Bedingungslose Grundeinkommen in den USA. Jeder Bürger unter einer gewissen Gehaltsgrenze kann sich dafür bewerben. 100 Bewerber sollen zufällig ausgewählt werden und anderthalb Jahre lang monatlich 500 Dollar erhalten - ohne jede Vorgaben, wie sie das Geld auszugeben hätten. Nach Ablauf der ersten Phase werden die Ergebnisse analysiert und anhand der Daten entschieden, ob das Projekt ausgeweitet wird.


„Wenn man in Armut aufwächst, so wie ich es bin, weiß man, wie schnell Verzweiflung aufkommt. Einer von zwei Kaliforniern kann plötzlich auftretende Kosten von 500 Dollar nicht bezahlen", erklärt Tubbs. Die Menschen könnten sich so auf andere Dinge konzentrieren, das Geld investieren, sich um die Kindererziehung kümmern. „Arbeit verleiht Würde. Jedoch sehe ich nichts würdevolles darin, 14 Stunden zu arbeiten und trotzdem seine Rechnungen nicht bezahlen zu können", erklärt der Bürgermeister.

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