1 subscription and 2 subscribers
Article

Bittgang für die Wiederauferstehung

Hunderte Jahre lang war die Glasmanufaktur in Zwiesel ( Lkr. Regen) Arbeitgeber für eine ganze Region. Doch die traditionellen Glasmacher müssen nun ihren Platz auf dem modernen Arbeitsmarkt suchen. Ein alljährlicher Emmaus-Gang soll ihr Anliegen unterstützen.

Die Zeit steht still in der Fertigungshalle der Kristallglasmanufaktur „Theresienthal“. Wortwörtlich. Auf allen Uhren verharren die Zeiger auf zehn vor zehn. Seit wann das so ist? Unklar. Nur eine Uhr in dem fast fußballfeld-großen Raum funktioniert richtig. Darunter ist ein Schild angebracht: Qualität = Existenz.


„Reich werden wollte ich dadurch nie“, sagt Max von Schnurbein. Der 55-Jährige war in seinem früheren Leben Banker, geboren in Zwiesel, aber unterwegs in der Welt. Von Stadt zu Stadt, von Hotel zu Hotel. Seine Kleidung scheint nur auf den ersten Blick ein Relikt aus seiner Vergangenheit zu sein: Das weiße Hemd ist an den Ärmeln zu lang, sein Kragen offen, die schwarze Kordhose ausgewaschen.


Nun steht Schnurbein in der Fertigungshalle. Vögel zwitschern im Dachfirst. Staub bedeckt Stühle und Bänke. Es ist 20 nach 12 am Freitagmittag und die Halle menschenleer. „Zeitarbeit“, erklärt Schnurbein. Ein Auf und Ab sei normal. Handgemachtes Glas sei nun mal ein Luxusgut in einer Welt, in der Maschinen jede Form vollautomatisch herstellen können. Und wenn es der Wirtschaft schlecht gehe, seien Produkte wie die seinen die ersten, die nicht mehr gekauft werden.


Da hilft nur noch beten


„Inzwischen will ich nur nicht mehr arm werden“, sagt der ehemalige Banker. Vor 13 Jahren kaufte er die Kristallglasmanufaktur. Eine Stiftung von BMW hatte die bankrotte Firma erst wieder eröffnet. Zuvor war sie drei Jahre lang stillgestanden. Am Anfang des Jahrtausends schien es so, als sei das Ende der Glasmacher von „Theresienthal“ gekommen.
Unerträglich sei es gewesen, dem Niedergang der „Theresienthaler“ Glasmacher zuzusehen, erzählen Christl Bachhuber und Marita Haller. Das Leben der beiden Seniorinnen dreht sich um Glas. Haller flog jahrelang als stellvertretende Exportleiterin einer Firma im Namen des Glases durch die Welt. Vater und Großvater von Bachhuber waren Glasmacher in „Theresienthal“.


Ihr Haus thront auf einem Hügel, einen Kilometer von „Theresienthal“ entfernt. Die Straßen der Siedlung haben Namen wie Hüttenweg, Glaserhäuser, Schleiferweg oder Glasmacherweg. Als sich um 1999 die Nachricht von der drohenden Pleite „Theresienthals“ verbreitete, beschlossen Bachhuber und Haller, sich Hilfe zu holen: von oben, von Gott.
Also belebten sie eine bayerische Tradition wieder: den Emmaus-Gang. Hintergrund dafür ist eine Geschichte im Lukas-Evangelium, nach der der auferstandene Jesus drei Tage nach seiner Kreuzigung, also am Ostermontag, zwei seiner Jünger begegnete und ihnen Hoffnung zusprach. 


Das Emmaus der Zwieseler Bittgänger ist eine kleine Glasmacherkapelle, gebaut 1899. Damals sei es den Glasmachern schon einmal schlecht gegangen und deshalb hätten sie auf dem Hügel über „Theresienthal“ diese Kapelle errichtet. Bachhuber und Haller sind fest davon überzeugt: „Solange die Glasmacher-Kapelle besteht, solange wird auch in ‚Theresienthal‘ Glas hergestellt.“


Deshalb wandern jeden Ostermontag Hunderte Menschen von „Theresienthal“ zu der kleinen Kapelle im Wald hoch über Zwiesel und beten für die Glasmacher: der Trachtenverein, der Tourismusverein, der Theaterverein. Sogar aus Regensburg und Tschechien kämen die Leute für den österlichen Bittgang nach Zwiesel, erzählt Haller. 


Glas-Eier und „Gebildebrot“


Damit das so bleibt, betreiben die beiden Damen einen enormen Aufwand. Christl Bachhuber fertigt spezielle Glas-Eier, die inzwischen zu Sammlerstücken geworden sind, erzählt sie. Der Theaterverein spielt bei Jubiläen den ursprünglichen Emmaus-Gang nach. Außerdem macht ein Bäcker aus der Region „Gebildebrot“ aus „Emmer“-Weizen - wie es zu Zeiten Jesu gemacht wurde. Der Erlös wird für die Sanierung der örtlichen Kirche gespendet. 


Gleich im zweiten Jahr des neu eingeführten Brauchs, 2001, ging „Theresienthal“ endgültig bankrott. Die Zwiesler gingen tapfer weiter. Marita Haller meint: „Wir werden von Leuten wie Herrn Schnurbein belächelt. Das ist uns klar. Aber wir sind davon überzeugt, dass ohne uns ‚Theresienthal‘ damals nicht mehr geöffnet hätte.“


Max von Schnurbein geht alle paar Jahre mit. Er findet gut, was die beiden Frauen leisten, die Probleme ließen sich aber nicht durch beten lösen, erklärt er. Zum Beispiel habe man in den 90ern aufgehört auszubilden. „Diese Arbeiter fehlen uns jetzt“, bedauert von Schnurbein. Und je kleiner die Grundmasse der Glasmacher sei, desto weniger gute gebe es, die für das Herstellen der hochwertigen Gläser benötigt werden. Zusätzlich schwächelt das Geschäft in Russland, China und dem Mittleren Osten, gerade richte man die Kollektion wieder neu aus. „Der Markt ist schwierig. Er wirft uns hin und her“, sagt der 48-Jährige. 


Seine Herausforderung, erklärt von Schnurbein mit Nachdruck in der Stimme, sei es, dieses Produkt, das aus seiner Heimat stamme, in die Welt zu tragen. „Es wird immer Platz für das Außergewöhnliche geben“, da ist er sich sicher. Solange man den Menschen etwas bieten könne, das das Herz wärmt, spiele es keine Rolle, was das kostet. 


Die Glasmacher könnten zu einem Vorbild für viele andere Berufe werden, glaubt Ralf Holtzwart, Chef der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit. Traditionelle, kulturprägende Berufe hätten es schwer auf einem Arbeitsmarkt im ständigen Wandel. Dass Maschinen Gläser viel billiger herstellen könnten, dass im Ausland Gläser viel billiger hergestellt werden können, weiß Holtzwart. 


Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt in einer Studie die Glasmacher als eine der von der Digitalisierung am meisten bedrohten Berufsgruppen ein. 82,1 Prozent der menschlichen Tätigkeiten, die in diesem Berufsfeld notwendig seien, könnten bereits jetzt durch Maschinen oder Computerprogramme ersetzt werden. Glasmacher stehen damit auf einer Stufe mit Keramikern, Berufen in der Steinbearbeitung oder Baustoffherstellung. Ein höheres sogenanntes „Substituierungspotenzial“ haben nur Bergleute, Metallerzeugungs- oder Metallbearbeitungsberufe (Grafik). 


Insgesamt sind laut der Studie schon jetzt die Arbeitsplätze von 4,4 Millionen Deutschen von der Digitalisierung bedroht. 70 Prozent oder höher ist in diesen Berufen der Anteil der Tätigkeiten, die durch Computer ersetzt werden könnten. 


Ralf Holtzwart glaubt nicht, dass es bald keine Glasmacher mehr geben wird. „Der Punkt ist ja, dass sich durch diese Technologiesprünge die traditionellen Bilder von einem Beruf ändern, alte Tätigkeiten wegfallen und neue Elemente hinzukommen.“ 


Die Digitalisierung dürfe deshalb nicht verteufelt werden, betont Holtzwart. „Jeder Beruf hat Innovationspotenzial. Die Unternehmen müssen es nur finden.“ Deshalb müsse es gelingen, Berufe, wie den des Glasmachers, neu zu denken, erklärt er. „Das Wissen in der Region ist ja da, jetzt muss man neue Anwendungsmöglichkeiten dafür suchen.“ 2010 hat sich aus diesem Grund das „Netzwerk Glas“ aus verschiedensten Glashütten und Manufakturen, Weltmarktführern für Trinkglas-Serien und Maschinenbauern aus dem Landkreis Regen zusammengeschlossen. Zwiesel hat dazu eine der modernsten Glasfachschulen Europas. Gemeinsam will man moderne Technologien fördern und einsetzen, Fachkräfte anwerben und die Glaswirtschaft wieder stark machen - unterstützt vom bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technolgie. Das „Image“ des Glases sei infolge des Hüttensterbens der vergangenen Jahre schlecht, erklärt Stephan Lang, der das Netzwerk koordiniert. Dies stehe aber im Kontrast dazu, dass die Zwieseler Firmen inzwischen international tätig seien. 


„Für Prognosen rate ich zur Glaskugel“


Lang wünscht sich, dass Glas die Region weiter prägen wird, wie es das schon seit Jahrhunderten tut. Ob dann in „Theresienthal“ noch Glas gemacht wird, kann Max von Schnurbein nicht sagen. Man produziere für „Rolls Royce“, zudem Pokale für Welt-Cups und sei in der ganzen Welt erhältlich. „Aber für jede Prognose, die über die nächsten drei Jahre hinausgeht, rate ich zu der Anschaffung einer Glaskugel.“


Die brauchen Marita Haller und Christl Bachhuber nicht. Sie werden weiter jeden Ostermontag auf den Hügel über Zwiesel zur Glasmacher-Kapelle gehen. Und solange die steht . . .

Original