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Übersetzer - die vesteckten Literaten

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© imago

von Maria Ugoljew

Die Frankfurter Buchmesse zählt zu den wichtigsten Ereignissen der Verlagsbranche, die mit internationaler Literatur ihr Geld verdient. Erst Übersetzer machen das möglich. Ihr Job erfährt allerdings immer noch wenig Anerkennung.

Literatur aus aller Welt geht in Deutschland täglich über die Ladentheke. Egal ob Bücher aus dem spanisch-, englisch-, französisch- oder russischsprachigen Raum. Dank literarischer Übersetzer können wir sie alle lesen. Jene Frauen und Männer sind essentieller Bestandteil der deutschen Verlagsbranche, die international aufgestellt ist. Ohne sie sähen die Regale in jeder Buchhandlung trister aus. Dennoch erfährt ihre Tätigkeit bis heute wenig Anerkennung.

Leidenschaft, Ausdauer und Genauigkeit

Dass Übersetzer einer breiteren Öffentlichkeit bekannt werden, ist eine Seltenheit. Swetlana Geier, der Grande Dame unter den Literaturübersetzern, ist das allerdings widerfahren. 50 Jahre war sie als Übersetzerin tätig. Allein 20 Jahre beschäftigte sie sich mit der Neuübersetzung der fünf großen Romane des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski: "Verbrechen und Strafe", "Der Idiot", "Die bösen Geister", "Der grüne Junge" und "Die Brüder Karamasov".

Und ihre Arbeit wurde sogar mit einem Dokumentarfilm gewürdigt. In "Die Frau mit den fünf Elefanten" aus dem Jahr 2009 schaut ihr Regisseur Vadim Jendreyko über die Schulter: Wie sie Texte seziert, jedes Wort prüft, Bauklötzchen ausmacht und Konstruktionslinien erkennt. Das Original bleibe dennoch unerreichbar, sagte Swetlana Geier. Gerade das mache das Übersetzen für sie so interessant. 2010 ist sie im Alter von 87 Jahren verstorben.

Der Kulturaustausch

Während Swetlana Geier so ein Denkmal gesetzt wurde, leben Hunderte Literaturübersetzer ein Schattendasein. In Rezensionen finden sie in der Regel lediglich eine namentliche Erwähnung. Oft sind ihre Vornamen sogar auf den Anfangsbuchstaben reduziert. Von einer breiten, öffentlichen Wahrnehmung kann also keine Rede sein.

Dabei kommt diesen versteckten Literaten eine große Bedeutung zu: "Übersetzen spielt bei der Kommunikation zwischen Menschen verschiedener Sprachen und Kulturen eine wesentliche Rolle", schreibt Regina Peters in ihrer Dissertation "Eine Bibliothek für Babel" von 2002. Sie dienten als Mittler, als Überwinder von Sprach- und Kulturbarrieren. Johann Wolfgang von Goethe habe einst festgestellt, dass Übersetzen "eins der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr" sei.

Tausende Übersetzungen auf dem Büchermarkt

Von insgesamt 89.500 Titeln sind im vergangenen Jahr 10.179 Werke ins Deutsche übersetzt oder als solche neu aufgesetzt worden, heißt es in der Statistik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Besonders beliebt sei englische, französische, japanische, italienische und schwedische Literatur gewesen, inklusive Kinder- und Jugendbüchern.

 Übersetzer sind also gefragt auf dem deutschen Buchmarkt. Wer sich allerdings auf die Tätigkeit einlässt, hat ein Berufsfeld gewählt, das sich in einer finanziellen Schieflage befindet: "Von einer angemessenen Honorierung unserer anspruchsvollen Arbeit sind wir noch weit entfernt", lautet das Fazit einer Honorarumfrage unter Mitgliedern des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ) aus dem Jahr 2015. Im Durchschnitt erziele ein Literaturübersetzer monatlich einen Umsatz von 2.000 Euro. Davon blieben ihm 1.000 Euro als Gewinn, schreibt der VdÜ. Knapp am Existenzminimum zu leben, sei keine Seltenheit.

Niederlande Ehrengast in Frankfurt

Dennoch seien Literaturübersetzer zu beneiden, meint Hinrich Schmidt-Hirschfelder, Übersetzer und Vorsitzender des VdÜ: "Wir dürfen den lieben langen Tag schöpferisch mit Literatur umgehen, mit einer Genauigkeit, Ausdauer und Liebe zum kleinsten Detail wie sonst nur Autoren." Ein Engagement, das nicht zuletzt auch die Schwerpunktländer der Frankfurter Buchmesse ermöglicht.

In diesem Jahr steht Literatur aus Flandern und den Niederlanden im Mittelpunkt. Mehr als 300 Titel verschiedener Genres sind deshalb ins Deutsche übersetzt worden - vom Sachbuch über Belletristik bis hin zu Kinder- und Jugendliteratur oder Graphic Novel. Das sei ein großer Erfolg, teilt die Frankfurter Buchmesse in einer aktuellen Infobroschüre mit.

(VÖ 18.10.2016, www.heute.de)

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