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"Männer setzen eher auf Außenseiter"

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© imago

Es geht wieder los: Zur Europameisterschaft verwandeln sich Büros und Freundeskreise in Tipp-Gemeinschaften. Da sind auch diejenigen dabei, die mit Fußball nichts am Hut haben. Wie auch die eine Chance haben könnten, erklärt Fußballmathematiker Matthias Ludwig im heute.de-Interview.
heute.de: Ich habe noch nie an einem Fußball-Tippspiel teilgenommen, kenne mich Null mit dem Sport aus. Habe ich dennoch eine Chance, die Fußball-Kenner mit meinem Bauchgefühl zu schlagen?

Matthias Ludwig: Ich denke, dass das Bauchgefühl bei jemandem, der nichts über die Sportart weiß, noch schlechter ist, als das zufällige Tippen. Mit großem, sehr großem Glück kann es trotzdem klappen. In aller Regel werden Sie jedoch wesentlich schlechter abschneiden.

heute.de: Was kann ich tun, um meine Gewinnchancen zu erhöhen?

Ludwig: Zu einhundert Prozent gewinnen Sie ein Tippspiel nur, wenn Sie alleine diese Tippgemeinschaft bilden. Das ist aber nicht besonders spannend. Wenn Sie eine Tippgemeinschaft gewinnen wollen und selbst wenig über Fußball wissen, können Sie sich an Wettquoten orientieren oder sich nach dem Bekanntheitsgrad der Mannschaften richten. Eine niedrige Wettquote für ein Team deutet auf eine hohe Siegwahrscheinlichkeit hin. Auf diese Mannschaft sollte dann gesetzt werden, wenn es keine weiteren Informationen gibt. Sie können aber auch Prognosetools verwenden wie fussballmathe.de, bei denen man sich genau über zwei Mannschaften informieren kann.

heute.de: Gibt es einen Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Tippverhalten?

Ludwig: Links Die EM online im ZDF Es gibt Beobachtungen, die zeigen, dass Männer eher auf Außenseiter setzen, um eine hohe Quote, also einen hohen Gewinn, zu erzielen. Frauen hingegen setzen auf Mannschaften, die sie kennen. Solche Mannschaften sind in der Regel deshalb bekannt, weil sie erfolgreicher sind, dadurch weisen sie aber niedrigere Quoten auf. Für den Gewinn in einer Tippgemeinschaft ist es wichtig, viele Spiele während der WM richtig zu tippen.

heute.de: In Großbritannien können Tippspieler jetzt Millionäre werden. Jedenfalls in der Theorie. Wer bei 50million.uk alle 51 EM-Spiele richtig vorhersagt, soll umgerechnet rund 66 Millionen Euro gewinnen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das jemandem gelingt?

Ludwig: Dazu berechnen wir erst einmal die Anzahl der möglichen Ergebnisse. In der Gruppenphase kann es drei Spielausgänge geben, daher gibt es für die 36 Gruppenspiele schon 3 hoch 36, also 150 Billiarden Möglichkeiten. Das ganze vervielfacht sich noch um 2 hoch 15, das heißt 32.768 Möglichkeiten bei den K.O.-Spielen. Das ergibt die unglaublich große Zahl von 4,9 Trilliarden - eine Zahl mit 21 Stellen - Möglichkeiten, wie das Turnier verlaufen kann. Wagen wir uns an einen Vergleich: Beim Lotto 6 aus 49 mit Superzahl gibt es ungefähr 140 Millionen Spielausgänge. Konkret bedeutet das, dass die Wahrscheinlichkeit im Lotto zu gewinnen acht Milliarden-fach größer ist. Anders gesagt: Bevor Sie diese Wette gewinnen, gewinnen Sie vorher milliardenfach im Lotto.

heute.de: Sie betreuen an der Goethe-Universität das bereits erwähnte Projekt fussballmathe.de. Dort haben Sie die Siegwahrscheinlichkeiten für die EURO 2016 schon berechnet. Wie lauten die Prognosen?

Ludwig: Wir haben berechnet, dass Deutschland, Spanien sowie England und Belgien heiße Anwärter auf den Pokal sind. Frankreich hat nach unseren Prognosen auch gute Chancen, liegt aber nicht ganz vorne. Allerdings berücksichtigen wir in unserem Modell nicht den Heimvorteil. Frankreich hatte aber bei den ausgerichteten Turnieren 1998 und 2000 genau diesen Heimvorteil erfolgreich ausgenutzt. Sie wurden Welt- und Europameister.

heute.de: Und wer holt den Pokal?

Ludwig: Ich tippe auf Deutschland, das sagt mir nicht nur mein Bauchgefühl.

Das Interview führte Maria Ugoljew.

(VÖ 7.6.2016, www.heute.de)
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