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Ist das Kunst oder kann das weg?

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© Museum of Bad Art

Das "Museum of Bad Art" in den USA sammelt misslungene Kunstwerke. Das wirft die Frage auf: Was unterscheidet eigentlich gute Kunst von schlechter? Oder ist alles reine Geschmackssache?

Von Maria Ugoljew


Zwei Kriterien gibt es im Museum of Bad Art, kurz MOBA: Das Kunstwerk muss misslungen und ausdrucksstark sein. Erst dann habe es die Chance, in die private Gemälde-Sammlung aufgenommen zu werden, sagt die Mitbegründerin des Museums, Louise Reilly Sacco. Schlecht ist in ihren Augen also nicht gleich schlecht. Es gibt die Malen-nach-Zahlen-Bilder, die gehörten in die Kategorie "wirklich schlecht". Für so etwas habe auch das MOBA keinen Platz. Die "guten schlechten" Bilder hingegen seien zwar handwerklich misslungen, dafür aber voller Geschichte.

Was ist gute Kunst?

Aber ist das wirklich so? Der Berliner Galerist Wolfram Völcker stellt in seinem Buch "Was ist gute Kunst?" fest: Für einige Experten sei gute Kunst das, was einem gefalle. Kurzum: reine Geschmackssache. "Für andere ist gute Kunst nur die, die in Museen ausgestellt wird." Eine weitere Fraktion von Kennern sei der Meinung, die Qualität von Kunst lasse sich weder definieren noch messen. Kunst kenne keine Regeln.

Über die Frage, was Kunst ist, sein soll, sein kann, zerbrechen sich die Menschen seit der Antike den Kopf. Je nach Epoche werden andere Antworten auf die Frage gefunden. Platon (427 bis 347 vor Christus) maß der Kunst - ob Malerei, Bildhauerei oder Dichtung - keine große Bedeutung zu. Künstler würden keine eigenen Ideen verwirklichen, sondern lediglich die Realität nachahmen. Wenn sie das schon täten, müsse das Ergebnis wenigstens schön, das heißt realitätsgetreu sein und den Menschen dazu erziehen, tugendhaft zu leben.

Licht gleich Gott gleich Schönheit

Im Mittelalter wurde in der Kunst das Sichtbarmachen des Lichts besonders wertgeschätzt. Alles Helle, Bunte und Leuchtende, glänzende Materialien und strahlende Farben waren gefragt - ob bei der Ausgestaltung von Ikonen, Gebrauchsgegenständen oder Kirchen. Wer das Licht sichtbar machte, machte Gott erfahrbar, dem Erschaffer der Welt. Dass dafür eine gewisse Begabung notwendig war, kam niemandem in den Sinn.

"Die bildende Kunst war ein Handwerk, das im Prinzip jeder erlernen konnte", schreibt der Philosoph Michael Hauskeller in seinem Buch "Was ist Kunst?". In der Regel blieb der Künstler anonym, da er lediglich ein Werkzeug war, "dessen sich Gott zu seiner Offenbarung bediente".

Diese Ansicht änderte sich im 15. Jahrhundert auf radikale Art und Weise. In der Renaissance ging das Quasi-Göttliche, das im Mittelalter dem Kunstwerk zugesprochen wurde, auf den Künstler über. Er ahmte die Welt nicht mehr nur nach - sondern erschuf sie. Dabei lotete er Perspektiven und Proportionen aus. Je besser ihm die Umsetzung gelang, desto geschätzter war das Ergebnis.

Die Entdeckung des Geschmacks

Im 18. Jahrhundert avancierte die Frage, was Schönheit ist, in den Mittelpunkt philosophischer Betrachtungen. Der Begriff der Ästhetik wird geprägt - und diskutiert. In der Gesellschaft bilden sich Normen des "guten" und "schlechten" Geschmacks heraus, die sich seither kontinuierlich gewandelt haben, schreibt Johan Holten, der Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, im Ausstellungsband "Geschmack - der gute, der schlechte und der wirklich teure". Erste Bildergalerien werden geöffnet und Museen gegründet, die im Sinne der Aufklärung die Aufgabe haben, den Menschen moralisch zu erziehen, ihm den "guten" Geschmack beizubringen.

Heute, im 21. Jahrhundert, bestimme allerdings nicht das Gute, sondern der Preis den Geschmack, schreibt Johan Holten. Umso teurer ein Kunstwerk ist, umso gefragter werde es. Sind die beiden Kategorien "gut" und "schlecht" demzufolge irrelevant geworden? Johan Holten meint: ja. Es müssten andere Möglichkeiten der Beurteilung von Kunst gefunden werden: "Die Suche geht von vorne los."

Die "gute schlechte" Kunst

Der Preis eines Kunstwerkes spielt im MOBA indes keine Rolle. Die Sammlung besteht aus Schenkungen, Müll-Fundstücken und Trödel-Schnäppchen. Rund 500 Werke beherbergt das Museum heute. Ausgestellt wird immer nur eine kleine Auswahl. Bevor ein Bild den Besuchern gezeigt wird, bekommt es einen Titel und eine Erläuterung verpasst. Das ist Teil des Konzepts.

Gemälde, die es in die Kollektion geschafft haben, würden nicht als schlecht bezeichnet werden, sagt Louise Reilly Sacco. Es handle sich in erster Linie um Kunst. "Kunst, die wir lieben."


(VÖ 25.09.2016, www.heute.de)
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