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Feature

Heimat in der Heimatlosigkeit

Es ist eine Sommernacht im Juli, draußen herrscht trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit eine schwüle Luft. Die Zeiger von Irmas Wecker, der auf dem Nachtkästchen steht, springen auf 1:30 Uhr und die 89-Jährige schwingt die Beine aus dem Bett. Bereits seit Stunden liegt sie rastlos wach, jetzt aber steht sie auf und holt ihre rote Kaschmir-Strickjacke aus dem Kleiderschrank, putzt im Badezimmer die Zähne und zupft vor dem Spiegel ihre graue Dauerwelle zurecht. Dann zieht sie ihre schwarzen Sonntagsschuhe an und macht sich euphorisch auf den Weg, denn sie möchte endlich dahin, wo sie sich zuhause fühlt – obwohl sie gerade das Haus verlassen will, in dem sie seit 60 Jahren wohnt; es zieht sie in die Kirche. Weit kommt Irma aber nicht: Die Haustür ist von innen verschlossen. Wut packt sie – sicher war das wieder dieser Mann, der in ihrem Bett liegt und den sie nicht kennt. Sie stapft zurück in das Schlafzimmer und stellt ihn zur Rede: „Warum sperrst du mich ständig ein? Ich muss zur Messe!“ Verschlafen sieht Hans, ein 87-Jähriger mit Schnurrbart und Gemütlichkeitsbauch, auf den Wecker und erklärt seiner Frau, mit der er seit 64 Jahren verheiratet ist: „Es ist 2 Uhr und Mittwoch – heute ist kein Gottesdienst. Leg dich wieder hin.“ Irma setzt sich auf das Bett und starrt an die Wand. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Vor 18 Monaten wurde bei der 1.55 Meter großen Frau Altersdemenz diagnostiziert. Sie ist eine von etwa 1,6 Millionen Deutschen, die an den verschiedensten Formen von Alzheimer leiden - Tendenz steigend: Im Jahr 2050 soll es laut Experten wegen der immer höheren Lebenserwartung rund 3 Millionen Erkrankte geben. Das Alter ist der große Feind: Jeder Vierte aller 80 bis 90-Jährigen in Deutschland ist dement. Schleichend machten sich bei Irma die ersten Anzeichen bemerkbar. Sie konnte die Uhr nicht mehr lesen und verwechselte Zucker mit Salz. Dann ging alles sehr schnell; innerhalb von sechs Monaten wurde sie von der Krankenkasse von Pflegestufe 2 auf 3 hochgestuft und schließlich zog vor  fünf Wochen die polnische Ganztags-Pflegerin Elisabeth bei ihr und Hans ein. Aus der resoluten Hausfrau, die ihr Zuhause in der Familie fand, wurde ein Mensch mit geistiger Heimatlosigkeit: Die Personen, die ihr die Wichtigsten sind, erkennt Irma nicht mehr und die Heimat mit ihren Eltern und Geschwistern, an die sie sich erinnert, existiert nur noch in ihrem Kopf. Alles, was sie bisher ausgemacht hat, ist sie nicht mehr.

Und doch gibt es eine Heimat in Irmas Heimatlosigkeit: ihr Glaube an Gott. Regelmäßig will sie aus dem Zuhause, das sie nicht mehr als ihres ansieht, ausbrechen und zur örtlichen Kirche fliehen, die eine unveränderte Konstante in ihrem Leben ist: „Da fühlt sie sich geborgen; es ist gut für sie, weil sie hier nicht verunsichert ist“, meint ihr Pfarrer, Adolf Schöls. Eine Veränderung in Irmas Gesangs- und Gebetsverhalten während der Heiligen Messe konnte der 51-Jährige mit der randlosen Brille und der dunkelhaarigen Halbglatze bisher nicht feststellen. Dass Irma in ihrem Glauben Sicherheit innerhalb der Demenz findet, verwundert ihn nicht: „Der Glaube ist etwas, was sie von Kindheit an begleitet hat. Die Kirche ist das, wo sie Heimat hat.“ 

Es ist ein kalter Sonntag im Dezember, 08:45 Uhr. Irma, Hans und Elisabeth sind auf dem Weg in den Gottesdienst. Sie sind spät dran, weil Irma ihre braune Lederhandtasche nicht finden konnte. „Die haben schon wieder diese Leute gestohlen! Dauernd klauen die mir was!“, meinte sie überzeugt. Am Ende war die Tasche im Putzmittelschrank im Badezimmer. Jetzt spornt Irma ihre Begleiter zur Eile an, sie will keine Sekunde der Predigt verpassen. Ihr leicht vergilbtes Gebetsbuch fest an die Brust gepresst, setzt die 89Jährige sich auf ihren Stammplatz in der siebten Bankreihe rechts vom Altar, direkt unter der Empore, auf der die Kirchenorgel steht. Jeder kennt und grüßt die religiöse Frau. Endlich kann sie wieder die Lieder zum Besten geben, die sie seit ihrer Kindheit auswendig kennt, die Gebete sprechen, die ihr Kraft geben. Irma hat wieder einen Ankerpunkt. Nur ab und an stockt ihre Stimme, wenn sie einen Textaussetzer hat – oder wie heute die Zeilen nicht richtig lesen kann, weil sie ihre Lesebrille vergessen hat.

„Gehet hin in Frieden.“, predigt Pfarrer Schöls, der Gottesdienst ist vorbei. Irma verlässt nicht nur das große weiße Gebäude mit dem goldgelb angestrichenen Kirchturm, sondern auch den Schutz des kurzweiligen Gefühls der Heimat und die Sicherheit, die es ihr gab. Sie fühlt sich wieder verloren. „Darf ich heute endlich wieder nach Hause oder muss ich wieder bei dir übernachten?“, fragt sie ihren Ehemann, den sie die meiste Zeit nicht mehr als solchen erkennt. Hans hakt sich bei ihr ein und lächelt traurig: „Wir helfen jetzt erst mal der Elisabeth beim Mittagessen.“ Er hat mittlerweile aufgegeben, Irma zu erklären, dass es ein „nach Hause“ nicht mehr gibt, denn er weiß: Morgen werden sie dasselbe Gespräch erneut führen. So wie jeden Tag.

Bewerbungsreportage für die Deutsche Journalistenschule 2018.