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Düsseldorf Oberbilk - Die andere Seite

2016 04 10 11 41 16

In den letzten Wochen wurde vermehrt über einen Stadtteil Düsseldorfs geschrieben. In der Regel ging es um den Versuch, die aktuelle Flüchtlingsdebatte mit sozialen Brennpunkten thematisch zu verknüpfen. Mir drängte sich zumindest dieser Eindruck auf. Erstmals seit ich in Düsseldorf wohne, kam mir der Begriff Maghreb-Viertel unter die Augen. Nun wohnen wir nicht in besagtem Viertel des Stadtteils Oberbilk, aber sind auch nicht sonderlich weit von jenem Ortsteil entfernt. Vor einigen Jahren war ich noch häufiger dort unterwegs, was mitnichten mit eventuellen zwielichtigen Geschäften zu tun hat. Das ist nämlich ein recht interessanter Auswuchs der medialen Ausschlachtung einer Razzia, die in besagtem Viertel vor einigen Wochen durchgeführt wurde. Unter dem unfassbar schlichten Titel „So funktioniert die Ghettoisierung im Düsseldorfer Maghreb-Viertel" eines Artikels von focus.de tummeln sich allerlei Schlüsselwörter, die mit Sicherheit Klicks generieren, aber wie so oft ein schön undifferenziertes Bild eines Stadtteils malen, der im Übrigen auch seine schönen Ecken hat. Soweit ich weiß, gehört der Volksgarten zu Oberbilk und dort habe ich weniger den Eindruck, dass mir irgendwelche Kleinkriminellen auf die Pelle rücken. 


Und das ist ebenfalls ein Punkt, der mich die Wände hochgehen lässt. Die Berichterstattung einer solchen Razzia, wie sie in Oberbilk durchgeführt wurde, profitiert von der allgemeinen Stimmungslage. Die Terrorgefahr sei hoch wie nie, Bürgerwehren bilden sich. Es ist löblich, wenn man seine Nachbarschaft im Auge behält. Bei uns geht schonmal das eine oder andere Fenster auf, wenn jemand „Falls Sie Ihr Auto verkaufen wollen, jetzt oder später..."-Kärtchen unter die Scheibenwischer der parkenden Autos klemmt. Man achtet aufeinander. Der Unterschied zu den meines Erachtens vollkommen albernen Bürgerwehren ist folgender: In der Nachbarschaft ruft man die Polizei, wenn einem etwas auffällt. Eine Bürgerwehr - und das war ja Tenor, wenn man sich in den Gruppierungen mal umgehört hat - sieht sich als Polizeiersatz. Die Polizei sei ja nicht mehr in der Lage, die Situation zu kontrollieren. Die Regierung versage. Jetzt müsse das Volk handeln. Das Volk. Das Volk handelt alle vier Jahre. Das Volk ist nie zufrieden. Ich zähle mich nicht zu diesem Volk, von dem die da reden. Ein Volk, dass Selbstjustiz ausübt, hat dieses Staatprinzip und die Gewaltenteilung nicht verstanden. Es ist ein sehr beliebter Topos von wohlhabenden Gesellschaften, dass man die allgemeine Situation missversteht. Da verlässt man sich aufs Hörensagen und ignoriert den eigenen Eindruck. 


Und mein Eindruck ist, dass Wochenende für Wochenende Frauen in Bars, Diskotheken und auf der Straße angegraben und abgeschleppt werden, was keine Sau interessiert, weil die Abschlepper nicht dem Bild des Nordafrikaners entsprechen. 


Was ist ein Nordafrikaner? Was ist ein Mitteleuropäer? Fakt scheint zu sein, dass im Maghreb-Viertel gestohlene Handys etc. gehandelt werden. Das sollte man tatsächlich überprüfen. Ob die mediale Aufmerksamkeit dem Umstand gerecht wird, dass es sich bei der Razzia lediglich um die Kontrolle von Kleinkriminellen handelte, wage ich zu bezweifeln. Über dem Ganzen schwebt natürlich der Titel „Zuwanderung". Oh, wie schlimm ist es doch geworden. Nun bilden sich Parallelgesellschaften und unser Staat wird unterwandert. Das dürfte manch einer denken, der von den Ereignissen im Maghreb-Viertel gelesen oder gehört hat. Dass Oberbilk seine ungemütlichen Ecken hat, ja, dass Düsseldorf seine ungmütlichen Ecken hat, ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis. Es ist nicht so, dass dies erst seit Kurzem so ist. Doch plötzlich melden sich Experten. So auch in dem Artikel auf focus.de, als von „ein[em] Immobilien-Verwalter" und weiter einem „andere[n] Makler" die Rede ist. Absout zuverlässige Quellen, die sich zu unfassbar vermutungsgestützten Nicht-Aussagen hinreißen lassen, wie 


„Es ist nicht ausgeschlossen, dass Migranten auch mehr zahlen, um in Wohnungen in Oberbilk einzuziehen."

hinreißen lassen. Wenig später ist übrigens von günstigen Mieten die Rede. Das alles trägt mit Sicherheit nicht dazu bei, dass der Leser auch nur ansatzweise einen groben Überblick über das Geschehen bekommt, zumal nicht nur unkonkrete Quellen genannt werden, die im Grunde nichts preisgeben, sondern auch auf andere Medien verwiesen wird, die etwas herausgefunden haben sollen. Oder anders: die etwas schreiben, das sie aus „Immobilienkreisen" erfahren haben sollen. Schlechtere Recherche wäre es bloß, wenn gar keine stattfände. Dem modernen Ideal der social-media-Berichterstattung kommt dieser Beitrag recht nahe. 


Mittlerweile sind fast drei Monate vergangen, seit der Artikel auf focus.de veröffentlicht wurde und kaum jemand spricht mehr über das Maghreb-Viertel in Düsseldorf. Und es ist so albern, dass sich alles auf eine Sache stürzt und Zusammenhänge herstellt, die nicht existieren. Manche Ecke Oberbilks war seit ich denken kann ungemütlich. Angst hatte ich dort nie. „Natürlich nicht", hört man schon manch einen im Reflex rufen, „du bist ja auch ein Kerl!". Ja, das bin ich. Insbesondere nach der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof wurde oft auf die Gefahr für Frauen hingewiesen, die natürlich vorhanden ist. Daran gibt es nichts zu rütteln. Nur ist es nicht so, dass Männer prinzipiell vor Übergriffen gefeit sind. Lässt man gern unter den Tisch fallen. Die Tatsachen, dass mein ehemaliger Mitbewohner sich mal eine ordentliche Linke einfing und ein Bekannter eines Freundes vor Jahren in der Altstadt ohne Vorgeplänkel in eine Schlägerei verwickelt wurde und sich anschließend neben seinem rechten Ohr auf der Bolker Straße wiederfand, zeugen davon, dass auch Männer durchaus Gründe haben, in zwielichtigen Gegenden nervös zu sein. 


Nur fehlt in der Rezeption bestimmter Ereignisse das gesunde Maß. Vom Fußball kenne ich einige Marokkaner, die im oder nahe des Maghreb-Viertels wohnen. Teilweise sind das Jungs, die äußerlich auf dicke Hose machen, aber generell schüchterne Kerle, die stets mit Badehose in der Mannschaftsdusche stehen. Menschen, mit denen man sich normal unterhalten kann und denen die eigenen Landsleute in diesem Viertel gehörig auf den Senkel gehen, weil es ein schlechtes Bild auf alle wirft. Natürlich wohnen dort einige Zuwanderer aus Marokko und das wirkt sich natürlich auch auf die im Alltag gesprochene Sprache aus. Aber es gibt auch in Schweden beispielsweise kleine Siedlungen, in denen Deutsch gesprochen wird. Und wer das für eine ganz andere Sache hält, sollte vielleicht mal darüber nachdenken, warum man auf einer spanischen Insel Urlaub machen kann, ohne während seines gesamten Aufenthalts auch nur ein Wort einer Fremdsprache sprechen zu müssen. Diesbezüglich herrscht große Freude unter den Deutschen. Schau an! Der Spanier spricht meine Sprache. Wie angenehm. Diese Spanier können heutzutage schon sehr viel. Geben wir ihm Trinkgeld! 


Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, hat eine zeitlang in verschiedenen Wohngruppen Sprachnachhilfe gegeben. Dabei handelte es sich um Jungs, die aus Krisengebieten in Afrika stammen, die allein nach Deutschland kamen, teilweise ihre Eltern verloren und nun hoffen, hier ein ruhiges Leben führen zu können. Lange bevor die Zuwanderung wieder in den Fokus der Gesellschaft rückte, saßen diese Jungs Woche für Woche mit der Frau, die in unserer Wohnung lebt, in deren Wohngruppen und belegten nicht nur, dass Zuwanderung kein neues Phänomen ist, sondern auch, dass selbst innerhalb sogenannter sozialer Brennpunkte vollkommen vernünftige Menschen leben. Menschen, die sich Mühe geben, in diesem Land Fuß zu fassen, um nicht wieder zurück in deren Heimatländer zu müssen(!). Oder wenn, dann nur für einen Besuch der Angehörigen. Viele dieser Jungs machten ihren Abschluss, bekamen eine Lehrstelle. Nicht, weil sie einen Mitleidsbonus bekamen, sondern weil sie sich im Bewerbungsverfahren durch ihr Engagement gegen Mitbewerber durchsetzten. 


Solche Meldungen würden allerdings auf wenig Resonanz stoßen. Zu wenig Skandal, zu wenig in die aufgeheizte Stimmung über die Zuwanderung passend. Da konzentriert man sich eher darauf, Ängste zu bestätigen, indem man Vorurteile auf ein gesamtes Viertel überträgt und damit diejenigen übergeht, die mit der Razzia und allem, was dazugehört, nicht das Geringste zu tun haben. Ein ganzer Stadtteil ist somit in einer Schublade gelandet, die schon längst existierte. Wie wenig das der Realität gerecht wird, zeigt die Auflösung der Oberbilker Bürgerwehr, die nur wenige Wochen Bestand hatte. Der Bedarf an Eigeninitiative sank analog zur medialen Berichterstattung über das „akute Problemviertel". Eventuell ein Hinweis darauf, dass dieser Stadtteil seinem im Januar vorausgeeilten Ruf nicht gerecht wird.

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