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Label „Auf Augenhöhe" : Berliner Designerin Sema Gedik entwirft Mode für Kleinwüchsige

Michel Arriens ist 27 Jahre alt und 1,18 Meter groß, und wenn er eine Hose kaufen will, endet dies meist in einer Tortur. Hat er erst eine barrierefreie Umkleidekabine gefunden, muss er die Beine der Hose zigmal hochkrempeln, damit sie überhaupt einigermaßen sitzt. Aber auch dann stimmen die Proportionen vorne und hinten nicht: Die Hosentaschen sitzen falsch, die Aufnäher an den Knien hängen an seinen Füßen. Am Ende kann ihm nur eine Änderungsschneiderei helfen. Aber das ist teuer.

Sucht er ein T-Shirt, schaut er sich notgedrungen in der Kinderabteilung um. „Das ist kein schönes Gefühl", sagt Arriens. Abgesehen davon, dass er zwar die Körpergröße, aber nicht die Maße eines Kindes hat, ist auch das Design selten nach seinem Geschmack: „Welcher Erwachsene möchte schon mit Winnie Puuh, Star Wars oder einem glitzernden Einhorn rumlaufen?", fragt er. Arriens lebt wie 100.000 andere Deutsche mit Kleinwuchs, das heißt einer Körpergröße von unter 1,50 Meter. Für die Modeindustrie existieren diese Menschen nicht.

Schwer, passende Kleidung zu finden

Die Berliner Designerin Sema Gedik, 27, will das ändern und hat deshalb das Modelabel „Auf Augenhöhe" gegründet. Muse für diese Idee war ihre kleinwüchsige Cousine Funda. Sie hat Achondroplasie, die häufigste der rund 650 Kleinwuchsformen. „Wenn wir auf Feiern eingeladen waren oder schick Essen gegangen sind, war es für Funda immer schwer, passende Kleidung zu finden", erzählt Sema Gedik. Sie war als Modestudentin gerade auf der Suche nach einer Nische, in der sie in Zukunft arbeiten könnte. Und während es Mode zwar für sehr große Menschen, für Schwangere und selbst für Rollstuhlfahrer gab, hatte bisher niemand an Menschen wie Funda gedacht.

Sema Gedik sah jede Menge kreatives Potenzial. Hinzu kam, dass sie eine Leere in ihrer Arbeit verspürte: „Mir hatte etwas in der Modewelt gefehlt, etwas Greifbares", sagt sie. Mode für Menschen, die sowieso schon alles kaufen können, langweilte sie. Schnell merkte sie, dass sie mit ihrem Projekt Neuland betrat. „Es gab nichts, keine Schneiderpuppen, keine Maßtabellen, keine Schuhe". Jeder Mensch mit Kleinwuchs besitzt andere Proportionen, einheitliche Größen aufzustellen, ist daher kompliziert, auch das ist vermutlich ein Grund, warum es keine Kleidung für Kleinwüchsige gibt.

Die Idee ließ Sema Gedik nicht mehr los. Vier Jahre ist das nun her. Sie hat seitdem mehr als 400 Kleinwüchsige vermessen, in Deutschland und Spanien, aber auch in Chile, wo sie ein Auslandsjahr verbrachte, und in Bolivien. Gedik nahm Kontakt auf zum Bundesverband für Kleinwüchsige und ihren Familien (BKMF), um mehr über modische Probleme von Kleinwüchsigen zu erfahren.

Strumpfhosen, Hoodies, Blusen, Hemden und Hosen

Die Maße der Leute aufzunehmen macht ihr bis heute am meisten Spaß. „Diese Menschen sind meine Inspirationsquelle. Ich bewundere, wie positiv sie ihren Weg gehen, und ihre ausdrucksstarken Persönlichkeiten beeindrucken mich jedes Mal auf das Neue", sagt Sema Gedik. Sie erzählt dann zum Beispiel von einer kleinwüchsigen Lehrerin, die die beliebteste der ganzen Schule sei; und von Cem Yazirlioglu, der sich auf dem Fußballplatz als kleinster Schiedsrichter Deutschlands durchsetzt.

Für all diese Menschen hat Sema Gedik nun Konfektionsgrößen erstellt und eine Kollektion mit Strumpfhosen, Hoodies, Blusen, Hemden und Hosen. Sie konnte durch die Auswertung der Messdaten Gemeinsamkeiten entdecken, zum Beispiel kurze und abgerundete Arme, einen ausgeprägten Gesäßumfang oder kräftigere Beine. Anhand der Daten erstellte sie eine Tabelle mit den Größen S, M und L für Männer und Frauen.

Sema Gedik stieß damit nicht überall auf Begeisterung, insbesondere Kommilitoninnen sprachen dem Projekt ab, überhaupt etwas mit Mode zu tun zu haben. Diese Diskussion war jedoch vorbei, als Sema Gedik ihre erste Kollektion vorführte - auf der Berliner Fashion Week 2015. Über den Laufsteg flanierten statt 1,80 Meter großen Models Kleinwüchsige. „Ich war so stolz auf sie. Sie waren so selbstbewusst, als wären sie schon eine Ewigkeit auf dem Catwalk zu Hause", sagt Gedik.

Kaufen kann man die Entwürfe von „Auf Augenhöhe" jedoch noch nicht. Damit Sema Gedik ihre Kollektion in größeren Stückzahlen produzieren kann, braucht sie Kapital. Sie hat bereits Unterstützung vom Start-up Incubator Berlin bekommen und vom Europäischen Sozialfonds. Jetzt sammelt sie Geld auf der Crowdfunding-Plattform Startnext. 10.000 Euro sind das erste Ziel, schafft sie es, auf 35.000 Euro zu kommen, kann Sema Gedik nicht nur die erste Kollektion auf den Markt bringen, sondern noch an weiteren Kollektionen arbeiten und Schuhgrößen weiter erforschen.

Jede Menge Hürden im Alltag

Gelingt dies, könnte auch Michel Arriens endlich Kleidung kaufen, die ihm auch wirklich passt. „Das Grundrecht auf Kleidung gilt bei uns leider noch nicht", sagt er. Dabei sei Mode essenziell für jeden Menschen, auch um die eigene Persönlichkeit auszudrücken. Für Arriens geht es bei „Auf Augenhöhe" aber um mehr als nur Klamotten. Arriens ist im Vorstand vom BKMF. Er sagt: „Das Label ist eine Plattform, die versucht ein gesellschaftliches Problem zu lösen."

Auch wenn Inklusion mittlerweile ein Thema ist, das gesellschaftlich immer mehr Beachtung findet: Für Menschen mit Kleinwuchs gibt es noch immer jede Menge Hürden im Alltag. Das beginnt bei der Höhe der Geldautomaten - die für Menschen mit Kleinwuchs fast immer unerreichbar sind, sodass sie beim Geldabheben auf einen Bankmitarbeiter angewiesen sind. Auch das Ertragen von Spott und Herabwürdigungen gehört noch immer zu ihrem Leben: „Wir werden immer wieder als Liliputaner oder Zwerg bezeichnet", sagt Arriens. „Manchmal fotografieren uns Menschen ungefragt auf der Straße. Das ist ein Unding und zeigt, wie weit wir beim Thema Inklusion wirklich sind."

Doch es gibt auch Lichtblicke. Etwa dass einer der populärsten Fernsehschauspieler der Welt auch nur 1,35 Meter misst. Peter Dinklage heißt er. Er ist als Tyrion Lannister die zentrale Figur der Erfolgs-Serie „Game of Thrones": ein dem Alkohol, den schönen Frauen und den schönen Musen zugetaner Typ, der den Drachen, Untoten und schwertschwingenden Henkern im Spiel der Throne mit Witz und Gelassenheit trotzt: „Seine Rolle ist unabhängig vom Kleinwuchs einfach geil", sagt Arriens. „Er hat das gezeigt, was auf uns alle zutrifft: Wir sind so viel mehr als unsere Größe."

Und dennoch ist es eben diese Größe, die eine Shoppingtour für Kleinwüchsige zu einer Qual macht. „Für uns ist es normal, eine Lieblingsjeans oder Lieblingsjacke im Schrank zu haben, die einfach perfekt sitzt. Kleinwüchsige kennen dieses Gefühl nicht", sagt Sema Gedik. Die erste Kollektion von „Auf Augenhöhe" könnte deshalb nicht nur die Modewelt verändern, sondern, viel mehr noch, die Lebensqualität von Kleinwüchsigen verbessern.

„Für mich würde es bedeuten, dass ich endlich mal Kleidung kaufen kann, die mir wirklich passt und gefällt", sagt Michel Arriens. „So banal es klingt."

„Auf Augenhöhe" kann man unterstützen: Auf der Crowdfunding-Plattform Startnext sammelt Sema Gedik Geld. Als Dankeschön für einen Beitrag gibt es die Entwürfe aus der ersten Kollektion.
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