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Nummer sieben lebt

Aufstehen, Augen abwischen, weiterkämpfen: Der Handballer Florian Ruland
ist für seinen harten Wurf bekannt. Bis ihn eine Diagnose trifft: Leukämie

VON LISA MEYER

Während Gift in seine Adern läuft, blickt Florian Ruland auf die Nummer sieben, seine Nummer. Weiße Schrift auf grau-grünem Stoff, das Trikot baumelt am Fernseher weit oben an der Wand. Wenigstens gibt es Sky Sport im Krankenhaus. Ein Schlauch steckt in seiner Nase, die Lungenentzündung setzt ihm zu. An Charly, dem Medikamentenständer und ständigen Begleiter, hängen die Beutel: Blutkonserven, Antibiotika, Chemotherapie. Vor wenigen Tagen noch hat Florian Ruland den Lokalrivalen fast im Alleingang geschlagen, ein Überraschungssieg. Es war sein letztes Spiel. Kraftlos hatte er sich gefühlt, schlapp. Kurz vor Spielende dann ein Stoß, er stürzt auf den Rücken, Bandscheibenvorfall. Ein Vorbote, das weiß Ruland jetzt.

 Florian Ruland, 24 , schwarze Haare, Maschinenbaustudent, war nie Weltmeister. Trotzdem hat er mit Arnulf Meffle zwei Dinge gemeinsam: die Leidenschaft für Handball. Und einen unberechenbaren Gegner: Leukämie. Blutkrebs.

Mit der Aktion „Handballer für Handballer“ rief der Deutsche Handballbund Spieler und Fans auf, sich bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei registrieren zu lassen, um einen passenden Spender zu finden für Meffle, den Weltmeister von 1978. Er wurde mittlerweile tatsächlich gefunden, die Knochenmarktransplantation hat Meffle hinter sich. „Ich hoffe und glaube, dass es eine besondere Solidarität unter Sportlern gibt. Handballer sind alle gleich gestrickt, sie haben einen positiven Hau, das verbindet“, sagt Florian Ruland. Er selbst hat diese Solidarität erfahren.

Seit er vier ist, steht er auf dem Handballfeld. Er gilt als großes Talent, kommt in die Auswahl, wird Spielmacher und führt seine Mannschaft vom ESV München in die Oberliga. Zum Zeitpunkt der Diagnose ist er jung, kräftig, durchtrainiert. Ein halbes Jahr Chemo, das ist der Plan. Ein Monat Krankenhaus, ein, zwei Wochen Erholung zu Hause, dann wieder Krankenhaus – das wird sein tatsächlicher Rhythmus. Bevor seine Haare ausfallen, rasiert er sie sich ab. Mit seinem kräftigen Nacken, den breiten Schultern und der stämmigen Figur sieht er aus wie ein Fußball-Hooligan. Ein Hooligan mit einem Venenkatheter im Hals. Von seinem Bett aus wirft er einen Ball gegen die Wand, noch hat er sich einige Muskeln bewahrt. An der Wand hängen Fotos und Plakate, die ihm Mut machen sollen. Seine E-Jugend hat ein Bild für ihn gemalt, seine Mannschaft schreibt: „Gute Besserung! Wir kämpfen für dich.“ Obwohl er noch viele Krankenhausmonate vor sich hat, plant Ruland sein Comeback. Ich komme zurück, stärker als je zuvor, sagt er sich.

Infektionen, Fieber, entzündete Schleimhäute, Durchfall und Erbrechen – bald ist Ruland 20 Kilo leichter. An schlechten Tagen bangt er, ob das Fieber endlich sinken wird, ob die Schmerzen endlich weniger werden, ob er endlich ein bisschen Essen bei sich behält. An guten Tagen stellt er Kniffel-Rekorde auf und geht mit Charly, dem Medikamentenständer, spazieren. Bald hat er seine feste Runde durch die Krankenhausflure.

Vollremission heißt das Zauberwort nach dem ersten Chemozyklus. Keine Krebszellen mehr im Knochenmark. Es könnte viel schlimmer sein, sagt er sich. Glück im Unglück. Zu Hause, in den Erholungspausen, saugt er das Leben auf, auch in der Halle. „Alle für einen“ steht auf den Aufwärmtrikots seiner Mannschaft, auf dem Rücken eine große Sieben. Den Verlust ihres Mittespielers hat sie nicht kompensiert, sie steckt im Abstiegskampf, im letzten Spiel wird alles entschieden. Florian Ruland sitzt auf der Bank, eine dicke Mütze über der Glatze. Sein Team gewinnt knapp, alle fallen ihm um den Hals. „Wenn du dabei bist, gewinnen wir immer“, sagt sein Trainer. Für seinen Verein organisiert er ein Gauditurnier zum Saisonabschluss. Für fünf Minuten kommt er selbst auf den Platz und wirft sein letztes Tor. Kreuzeck, rechts oben, das Tor scheppert. Im Krankenhaus sieht er, wie der HSV Hamburg Meister wird, er sieht den THW Kiel in der Champions League ausscheiden und die Nationalmannschaft bei der WM untergehen. Ein hartes Jahr für einen Kiel- und Deutschlandfan.

Seine Mannschaftskameraden erzählen von Bänderdehnungen, Trainerproblemen und Kapselrissen, von verlorenen Punkten und glücklichen Treffern. Der Klinikalltag aber geht weiter: Blutabnehmen, Aufstehen, Duschen, Essen, Tabletten, Visite. Die Tage sind durchgetaktet und endlos in ihrer Gleichförmigkeit. „Wie hältst du das nur aus?“, fragen Besucher. „Ich muss“, sagt Florian Ruland. In den langen Gängen muss er viele Pausen machen. Bald ist es geschafft, denkt er sich.

„Es sind wieder Krebszellen da“, sagen die Ärzte. Rezidiv heißt das in der Fachsprache, ein Rückfall. „Nur eine Knochenmark- oder Stammzellentransplantation kann Sie jetzt noch heilen.“ Ruland gibt nicht auf. Aufstehen, Augen abwischen und weitermachen. Ein Spender muss her. Freunde gestalten eine Facebook-Seite: „Stammzellenspender gesucht“. 270 Leuten gefällt das. „Man kann als Kranker schwer verstehen, wieso nicht einfach jeder so ein dummes Wattestäbchen in den Mund steckt und sich typisieren lässt. Es ist kein Aufwand und man rettet Leuten das Leben“, sagt Ruland. Er ist dankbar für die neue Chance, auch wenn die Typisierung noch immer keine Selbstverständlichkeit ist und zu viele Patienten keinen passenden Spender finden.

Ein ehemaliger Mitspieler hat ihm seinen Glücksbringer geschenkt, eine bebrillte, etwas altklug dreinschauende Maus. Andere Freunde haben ihm einen Kalender gebastelt. „Komm bald wieder und bring mir und der ganzen Mannschaft den Spaß an diesem Sport zurück“, hat Max geschrieben. Es wird 14 Wochen dauern, bis Florian Ruland die Klinik wieder verlassen darf. Vor dem Fenster hängt ein Vogelhäuschen, an der Pinnwand der Behandlungsplan: Fludarabin, Cytarabin, Amscarin, Ganzkörperbestrahlung. Die Spende ist ganz unscheinbar, ein kleiner roter Blutbeutel läuft in seine Vene. Dann heißt es warten, bis das neue Knochenmark wächst, Blut bildet. Hoffentlich gesundes, krebsfreies Blut.

Vor der Krankheit wog Florian Ruland 85 Kilo. Jetzt kauft er Hosen in der Kinderabteilung. Seit mehr als einem Jahr hat er keinen Ball mehr in die Hand genommen. „Es ist deprimierend, wenn man für seinen harten Wurf bekannt war und den Ball jetzt nicht mal mehr richtig rollen kann“, sagt er. Auch wenn er seine Jugendmannschaft gerade nicht trainieren und nicht Handball spielen kann, hat er Wege gefunden, sich zu engagieren. Er programmiert die Homepage, gestaltet das Hallenheft und bastelt Kalender mit den Spielterminen. „Ich bin meinen Vereinskameraden sehr dankbar, dass sie die ganze Zeit an mich geglaubt haben. Alle waren fest davon überzeugt, dass ich wiederkommen werde. Das hat mir ein Ziel und viel Kraft gegeben.“ Noch immer ist sein Körper kreativ. Eine Blutvergiftung, Viruserkrankungen, epileptische Anfälle, eine Gehirnentzündung, Pilzinfektionen, eine Lungenentzündung und eine Gehirnblutung haben ihm nach der Entlassung zu schaffen gemacht. Niederschmettern lässt er sich davon nicht: „Ich glaube, dass ich irgendwann wieder fit werde, aber ich weiß, dass es ein harter Weg wird. Anfangs stellt man sich das einfach vor, aber man wird so oft zurückgeworfen. Man wird zufrieden mit den kleinen Schritten, dass man wieder essen kann und dass man nicht mehr ganz so viele Pausen beim Treppensteigen braucht.“

Die Transplantation hat den Krebs verdrängt, aber nicht endgültig besiegt. Florian Ruland gilt jetzt als schwerbehindert. Auf seinen Ausweis hat er sein Spielerporträt geklebt. Mit der Nummer sieben.