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Brasilien-Wahlen 2018: Warum wählen so viele einen rechtsextremen Kandidaten?

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Am Sonntag wählt Brasilien, das fünftgrößte Land der Welt. In den Umfragen liegt ein Mann vorne, der Schwule hasst und gegen Frauen und Farbige hetzt. Wie konnte es soweit kommen?


Ein Wirtschaftsexperte tanzt. Der Beatles-Klassiker „Let It Be“ wird zum Werbespot umgedichtet und eine Kandidatin versucht, mit Originalaufnahmen vom Erschießen eines Räubers auf sich aufmerksam zu machen. Wahlkampf in Brasilien ist lauter und kreativer als in Deutschland. In diesem Jahr ist er aber vor allem: aggressiver.


Brasilien-Wahlen 2018: Kandidaten einfach erklärt

Moment mal: Brasilien? War das nicht diese aufstrebende Nation mit mehr als 200 Millionen Einwohnern, jung und dynamisch? Ja. War. Die Bevölkerung wächst weiter, aber die Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren stark geschrumpft. Das größte Land Südamerikas steckt in einer Krise.

Einer von acht Brasilianern hat keinen Job, die Jugendarbeitslosigkeit liegt sogar bei mehr als 30 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland sind es weniger als fünf Prozent der Menschen zwischen 15 und 25 Jahren, die keine Arbeit finden. Außerdem hat das Land große Probleme mit Korruption, vor allem in der Politik.

+++ Außerdem bei Orange: Wie entsteht Korruption? +++

Eine Folge davon: 2016 beschloss der brasilianische Bundessenat, die damalige Präsidentin Dilma Rouseff ihres Amtes zu entheben. Auf gut Deutsch: Sie wurde gefeuert. Der Senat ist vergleichbar mit dem deutschen Bundesrat, weil in ihm Politiker sitzen, welche die jeweiligen Regionen vertreten. Seitdem regiert Michel Temer, als wohl unbeliebtester Präsident aller Zeiten. Für die kommende Wahl kandidiert er nicht mehr.

Im Gegensatz zu Deutschland ist Brasilien keine parlamentarische Demokratie, sondern eine präsidentielle. Das heißt: Alle vier Jahre wählt das Volk den Präsidenten direkt. Dieser benötigt eine absolute Mehrheit, deswegen gibt es normalerweise zwei Wahlgänge. Der erste findet am Sonntag, 7. Oktober statt. Der zweite am 28. Oktober. Neben dem Präsidenten werden bei diesen Wahlen noch der Vize-Präsident, zwei Drittel des Bundessenats und die Abgeordnetenkammer gewählt. Sie ist vergleichbar mit dem Deutschen Bundestag.

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Anders aber als zum Beispiel in den USA gibt es keine klaren Parteifronten. Die Parteienlandschaft ist zersplittert. Im brasilianischen Parlament sitzen 27 Parteien. Es gibt keine verlässlichen Koalitionen. Mehrheiten für Entscheidungen werden immer wieder neu gesucht. Parteiwechsel oder Neugründungen sind an der Tagesordnung.

Kandidaten bei den Wahlen in Brasilien: Fernando Haddad, PT

Eine der wenigen festen Größen ist die Partido Trabalhador (PT, Arbeiterpartei). Von 2002 bis 2016 stellte sie den Präsidenten. Zuerst regierte zwei Amtsperioden lang Luiz Inácio Lula da Silva, dann bis 2016 Dilma Rouseff. Die Partei profitierte erst vom wirtschaftlichen Aufschwung. Sie kämpfte gegen Hunger und Armut und schloss viele Wohnungen ans Stromnetz an.

Das brachte ihr viele Fans, besonders im armen Norden und Nordosten des Landes. Lula da Silva ist noch immer beliebt. Würde er kandidieren, könnte er eventuell schon im ersten Wahlgang Präsident werden. Das würde er auch gerne, kann er aber nicht. Seit April sitzt er wegen Bestechung im Gefängnis.

Die PT hielt trotzdem noch sehr lange an Da Silva fest, erst Mitte August schickte sie Fernando Haddad (55) ins Rennen. Der ist ehemaliger Bürgermeister von São Paulo und bisher eher unbekannt. In Umfragen liegt er mit 21 Prozent auf Platz 2.


Kandidaten bei den Wahlen in Brasilien: Jair Bolsonaro, PT

Mit 32 Prozent ganz vorne liegt der rechtsextreme Jair Bolsonaro (63). Er gehört der Partido Social Liberal (PSL, Sozial-liberale Partei) an. Die Partei ist wirtschaftlich liberal aber gesellschaftlich konservativ. Also vereinfacht gesagt vergleichbar mit der deutschen AfD.

Bolsonaro fordert, dass sich die Bevölkerung bewaffnen soll – vor allem Frauen. „Eine Pistole in der Handtasche ist effizienter als schärfere Gesetze“, lautet einer seiner bekannten Sprüche. Und das, obwohl laut Zahlen des Forschungsinstitutes FBSP in Brasilien im Schnitt jede Stunde sieben Menschen erschossen werden. Damit beklagt Brasilien jährlich sogar mehr Tote durch Schusswaffen als die USA.

Ich würde Frauen nicht zum gleichen Gehalt wie Männer beschäftigen. – Jair Bolsonaro, Februar 2016 im brasilianischen Fernsehen

Kandidat Jair Bolsonaro ficht das nicht an. Er will, dass Polizisten schneller schießen und das Militär härter durchgreift. Zur Militärdiktatur, die in Brasilien bis zum Jahr 1985 bestand, meint Bolsonaro: Der Fehler sei gewesen, dass gefoltert und nicht getötet wurde. Schwulen- und frauenfeindliche sowie rassistische Äußerungen sind bei ihm alltäglich.

Bolsonaro im Interview: „Kein Vater wäre stolz, einen schwulen Sohn zu haben.“

Allerdings hat der ehemalige Fallschirmjäger auch weibliche Anhänger, die ihm folgen, weil er sich klar gegen Abtreibung stellt. Außerdem mögen Bolsonaros Fans, dass sein Wirtschaftsberater – ein Investmentbanker – staatliche Betriebe verkaufen will, um mit dem Geld Schulden des brasilianischen Staates zu begleichen.


Kandidaten bei den Wahlen in Brasilien: Ciro Gomes, PDT

Eine wichtige Rolle spielt außerdem Ciro Gomes. Er gehört zu der links ausgerichteten Partido Democrático Trabalhista (PDT, Demokratische Arbeiterpartei). Früher war Gomes Mitglied der Lula-Regierung, er bewarb sich bereits zweimal um das Präsidentenamt. In Umfragen liegt er zurzeit bei elf Prozent. Die Prognosen sehen entweder Haddad und Bolsonaro oder Gomes und Bolsonaro im zweiten Wahlgang.

Für Überraschungen sorgen könnte am Sonntag die einzige Frau, die noch mitmischt: Marina Silva (60). Sie gründete 2013 die Umweltpartei Rede Stustentabilidade (REDE, Netz Nachhaltigkeit). Bei Umfragen liegt sie aber nur noch bei vier Prozent.

Gegen den aussichtsreichsten Kandidaten, Jair Bolsonaro, hat sich ein von Frauen organisierter, übergreifender Protest gebildet. Zuerst formierte er sich hauptsächlich in den sozialen Netzwerken unter den Hashtags #elenão (#ernicht) und #elenunca (#erniemals). Vergangenen Samstag gingen Hunderttausende Brasilianerinnen und Brasilianer auf die Straßen, um gegen den Kandidaten zu demonstrieren. Es gab aber auch Demonstrationen für ihn.

Wie populistisch der Wahlkampf ist, wird an den Reaktionen in den sozialen Netzwerken deutlich. Von beiden Veranstaltungen sind Fake-Bilder von Menschenmengen im Umlauf: Auf einem davon kann man das Papstauto erkennen – es stammt vom Weltjugendtag 2013.

Gegner und Befürworter von Bolsonaro begegnen sich mit Hass. Brasilien ist gespalten. Ein populistischer Präsident würde den Graben vergrößern. Aber: Überraschungen sind in Brasilien keine Seltenheit, sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.


Welche Bedeutung haben die Wahlen in Brasilien für Deutschland?

Brasilien ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in Lateinamerika und verkauft uns vor allem Eisenerz, Soja, Kaffee, Autoteile, Flugzeuge, Maschinen, Fleisch, Kupfer und Rohöl. Deutschland verschifft nach Brasilien vor allem Maschinen, Autos und Autoteile, chemische Grundstoffe, Medikamente, Elektrotechnik und Metallwaren.

„Die Millionenstadt São Paulo ist mit etwa 900 deutsch-brasilianischen Unternehmen einer der größten Standorte der deutschen Wirtschaft weltweit“, schreibt das Auswärtige Amt. Allein der Autobauer Volkswagen investiert umgerechnet rund 1,7 Milliarden Euro in den kommenden Jahren in Brasilien, um neue Modelle auf die Straße zu bringen.

Damit deutsche Unternehmen vor Ort profitieren, braucht es vor allem eines: eine stabile Regierung. Und keinen Präsidenten, der im Gefängnis landet oder aus dem Amt fliegt. Unabhängig von ihrer politischen Richtung müssen das die Kandidaten erst noch beweisen.


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