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Gefängnisse in Österreich: Doppelt bestraft

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie werden Rechte und Freiheiten von Häftlingen radikal beschnitten. Wie weit darf der Staat gehen?

Die wichtigste Zeit des Tages dauert für Anna Bierbichler genau fünf Minuten und dreizehn Sekunden. Wann genau sie beginnt, weiß sie nie. Am Mittwoch der Vorwoche sitzt die 43-jährige Wienerin in ihrem Wohnzimmer und wartet. Immer wieder blickt sie angespannt auf ihr Handy und wischt sich die aschblonden Haarsträhnen aus dem Gesicht. Es ist 15.19 Uhr, als ihr Telefon endlich klingelt. Am anderen Ende der Leitung wartet Hassan Gorgani, Bierbichlers Lebensgefährte und Vater ihrer einjährigen Tochter, beide heißen in Wirklichkeit anders. Gorgani sitzt seit vier Monaten in der Justizanstalt Wien-Simmering in Haft. Dreizehn Sekunden dauert die Ansage einer computergenerierten Stimme, fünf Minuten dürfen sie miteinander sprechen. Als Bierbichler die Stimme von Gorgani hört, ist sie besorgt. Er wirkt müde und niedergeschlagen. Sie will wissen, wie er sich fühlt, wie er geschlafen hat, wie sein Tag bisher war. Wird er gut versorgt? Die Zeit reicht nicht für ergiebige Antworten. Die Verbindung bricht mitten im Gespräch ab.

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