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Column

ZEITWORT DES MONATS / November 2015: schaffen

Wir können etwas geschafft und wir können etwas geschaffen haben. Es gibt also zweierlei Schaffen. Zum Geschafften zählt das Beschaffte, Angeschaffte, Herbeigeschaffte, Fortgeschaffte, Weggeschaffte und Abgeschaffte. Die Schweizer sprechen auch von Ausgeschafften und meinen damit Abgeschobene oder des Landes Verwiesene. Zum Geschaffenen gehört das Erschaffene, das Beschaffene und das Rechtschaffene. Man beachte die Zweideutigkeit von "beschaffen": handelt es sich um ein Zeitwort, so bedeutet es so viel wie anschaffen und herbeischaffen; dagegen bedeutet das gleichlautende Eigenschaftswort so viel wie erschaffen und geartet.

Fast immer lässt sich das Schaffen beim Geschafften gut durch ein Bringen ersetzen. Wer etwas geschafft hat, hat etwas vollbracht, wobei er es hin- und hergebracht oder fort- und weggebracht haben kann. Auch beim Geschaffenen funktioniert das Ersatzwort "bringen" gut, nämlich im Sinne des Hervorgebrachten. Als Thilo Sarrazin seinen Bestseller "Deutschland schafft sich ab" nannte, hätte er auch die Formulierung "Deutschland bringt sich um" wählen können. Und als Angela Merkel in ähnlichem Zusammenhang den Slogan "Wir schaffen das" aufbrachte (!), hätte sie auch mit etwas mehr Pathos sagen können: "Wir werden das vollbringen."

Dagegen bringt hier eine Besinnung auf die Wortgeschichte ein geradezu schäbiges Ergebnis mit sich; denn "schaffen" geht auf "schaben" zurück. Die ersten Schaffenden waren sozusagen Schabende: Kratzende, Schneidende, Schnitzende. Wenn jemand die Krätze hat, wird dazu in manchen deutschen Landen auch "Schabe" oder "Schäbe" gesagt. In derselben etymologischen Gesellschaft finden sich die Küchenschaben, also die Kakerlaken – geht es noch schäbiger?! Mit dem eingehandelten Schimpfwort "Kakerlak" musste zum Beispiel Martin Luther leben, der dieses Wort selber in die Schriftsprache einführte. Trotzdem arbeitete sich das Schaben hoch; es wurde sogar zum Inbegriff des Arbeitens. Vermutlich heißen die Schafe nur deshalb "Schafe", weil der Schäfer an ihnen die Arbeit des schabenden Scherens verrichtet; ähnlich den Barbieren, die sich an Kopf- und Barthaaren derart kunstgerecht zu schaffen machen – das englische "shave" bringt es noch heute auf den Punkt. Wer arbeitet, macht Geschäfte, und alle Beschäftigten arbeiten mit, inzwischen trotz der wortsinnigen Reminiszenzen auch ohne Schabwerkzeug.

Ein einschneidendes Tun ist das Schaffen allemal geblieben, so dass in Hegels dialektischer, Gegensätze aufhebender Logik der Gedanke nahelag, dass "beides identisch" sei: "das Schaffen zerstörend, das Zerstören schaffend". Ungefähr dasselbe pflegt mein bautätig gewesener Vater, nur halb im Spott, bis heute gern so auszudrücken: "Es muss immer wieder Krieg geben, sonst gäbe es nicht mehr genug Arbeit." Nietzsche war bezüglich solcher Einschnitte wohl gebrandmarkt, wenn er auf die Frage "Wie ist die Hässlichkeit der Welt möglich?" die Antwort gab:

"Ich nahm den Willen zur Schönheit, zum Verharren in gleichen Formen, als ein zeitweiliges Erhaltungs- und Heilmittel: fundamental aber erschien mir das ewig-Schaffende als das ewig-Zerstören-Müssende gebunden an den Schmerz. Das Hässliche ist die Betrachtungsform der Dinge unter dem Willen, einen Sinn, einen neuen Sinn in das sinnlos Gewordene zu legen: die angehäufte Kraft, welche den Schaffenden zwingt, das Bisherige als unhaltbar, missraten, verneinungswürdig, als hässlich zu fühlen."

Da will gewiss nicht bei allen, und bei den übrigen gewiss nicht zu jeder Zeit, Schaffensfreude aufkommen.

HINWEISE
(ABC-Bild: Tim Reckmann / pixelio.de)