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Column

Essay-Journal: MENSCHWERDUNG

Mir ist es ernst. Ich will als freier Geist etwas für die Menschwerdung des Menschen tun. Dauernd ist bisher einerseits von der Menschwerdung Gottes ("Und das Wort ward Fleisch", Joh 1,14), andererseits von der des Affen die Rede. Also von Inkarnation (christologisch) und Hominisation (biologisch). Kaum dagegen von eigentlicher Menschwerdung (ontologisch). Man neigt in der biblischen Religion wie in der empirischen Wissenschaft dazu, das Menschsein in "schlechthinniger Abhängigkeit" (Schleiermacher) von einem überweltlichen Schöpfer beziehungsweise einer naturweltlichen Evolution zu sehen. Als ob die Menschenwelt keine Welt für sich wäre. Als ob es nicht immer wieder Menschen wären, die auf vielerlei religiöse und wissenschaftliche Ideen kommen, ohne jemals den letzten Schluss der Weisheit zum Besten geben zu können. Obwohl man auf beiden Unwissenheitsgebieten vielfach einen Eifer an den Tag zu legen pflegt, der über Leichen geht. Als ob es der Wahrheit dienlich wäre, dass Menschen für vermeintlich wahre Theorien sterben, statt dass diese dank neuer Einblicke dem Zerfall überlassen werden. Am derart Vermodernden ehrfurchtsam Festhaltende müssen den mir ernsten Gedanken unerträglich finden, dass im Zweifel Menschlichkeit vor Wahrheit geht und dieser Zweifel jederzeit angebracht ist.

Wir können daher nur auf den bloßen Verdacht hin auf die Menschlichkeit setzen. Ebenso, wie bisher auf den bloßen Verdacht hin ein religiöser Glaube für den wahren und ein Stand wissenschaftlichen Forschens für den maßgebenden gehalten wird. Am entschiedensten wohlmeinend finde ich den Verdacht, dass alles davon abhängt, ob Menschen menschlich oder unmenschlich sind. Und dass Menschlichkeit unter allen Umständen den Vorrang hat, so geboten es einem oft erscheinen mag, gerade auch im Namen der Menschlichkeit Unmenschliches zu tun.
   
In solchen Zweifelsfällen gibt es dann eben keine befriedigende Problemlösung, so dass kein Grund besteht, sich nach der gewählten zufrieden zurückzulehnen. Menschlichkeit ist weder immer ein einfacher noch tadelloser Weg. Von der Tragik des Lebens bleibt sie ebenso wenig verschont wie jede Alternative zu ihr. Sie ist lediglich nicht mehr und nicht weniger als eben die menschlichste Alternative und insofern frei sowohl von Bosheit als auch von Selbstgerechtigkeit. Weder religiöse Heilsversprechungen noch wissenschaftliche Machbarkeitsperspektiven setzen das unsichere, doch dadurch unverwechselbare Wesen des Menschseins außer Kraft. Sie nehmen es allenfalls weniger ernst, indem sie den Schwerpunkt transzendierend auf Gott oder abqualifizierend auf die Natur verlagern.

QUELLEN
  • Lutherbibel (1984): Das Evangelium nach Johannes
  • Friedrich Engels (1876): Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen
  • Friedrich Schleiermacher (1799): Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern
(ABC-Bild: Tim Reckmann / pixelio.de)