2 subscriptions and 1 subscriber
Column

Essay-Journal: ILLUSION

"Ich mache mir keine Illusionen." Wer kann so etwas sagen? Ich denke, das sagen vor allem diejenigen, die eigentlich noch ein Wörtchen anhängen müssten: "Ich mache mir keine Illusionen mehr." So sprechen demnach Enttäuschte – auf Bildungsdeutsch gesagt: Desillusionierte.

Sie ziehen damit einen Schluss aus gewissen Erfahrungen. Einen so gewissen, endgültigen, schlussendlichen Schluss, dass nach ihrer Erfahrung endlich Schluss sein muss mit allen Illusionen. Sie bedenken dabei nicht, dass aus Erfahrungen nie ein endgültiger Schluss gezogen werden kann, sondern allenfalls ein vorläufiger.

Erfahrungen haben es an sich, zu variieren. Immer dieselben Erfahrungen gibt es nicht. Streng genommen nicht mal nur zweimal dieselbe. Jede Erfahrung ist eine neue, es sei denn, man übersieht geflissentlich das Neue an ihr. Das kann bloß eine Feinheit sein. Freilich lösen sich grobschlächtig sehenden Auges Feinheiten in Nichtigkeiten auf, und alles ist nur noch "typisch" so und nicht anders.

Die typisierend Wahrnehmenden sind blind und taub für Trends, die aus vermeintlichen Illusionen erwachsen können. Sie machen sich die Illusion der Unveränderlichkeit. So tun sie etwas, was sie unbedingt lassen wollen. Das geschieht ihnen recht.

(ABC-Bild: Tim Reckmann / pixelio.de)