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Umweltpsychologie: Warum wir den Klimawandel fürchten, aber nichts dagegen unternehmen

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Coffee-to-go-Becher aus Papier

Der Coffee-to-go-Becher beim Bäcker, die Plastiktüte im Supermarkt, die Urlaubsreise mit dem Flugzeug. Eigentlich wissen die allermeisten Deutschen, dass der Klimawandel ein Problem ist, das hat kürzlich wieder eine Befragung des Bundesumweltministeriums gezeigt. Die Umsetzung der eigenen Werte in Sachen Umweltschutz klappt aber nur mäßig.

So gaben in der Befragung 83 Prozent an, dass sie für strengere Gesetze im Fischfang sind. Aber nur 37 Prozent sagten, sie würden wenig Fisch essen, um persönlich dazu beizutragen, die Fischbestände zu schützen.

Ein Widerspruch - oder? "Abstrakte Einstellungen und Wertvorstellungen sind etwas ganz anderes als das alltägliche Handeln", sagt Ellen Matthies, Umweltpsychologin an der Universität Magdeburg und Mitglied im Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Psychologisch gesehen kann man also ganz ohne Probleme von etwas überzeugt sein und sich trotzdem genau entgegengesetzt verhalten.

Warum sich viele Menschen so schwer damit tun, ihr Leben umweltgerechter zu gestalten, liegt am sogenannten Status-quo-Fehler. Gibt es viele Alternativen, behält der Mensch eher die bei, die er schon von Anfang an gewählt hatte. Oder anders: Wenn sich die Frage stellt, was man wegen eines Problems unternehmen sollte, so unternimmt der Mensch am liebsten - überhaupt nichts. Zu groß ist die Angst vor dem, was mögliche Veränderungen mit sich bringen.

Dazu kommt, dass Menschen versuchen, Neues aus alten Kategorien heraus zu verstehen. Ein Beispiel ist das Elektroauto. Eigentlich bietet es viele Vorteile, gerade wenn es als Stadtauto oder Zweitwagen genutzt wird. Trotzdem wird die Diskussion um E-Mobilität Matthies zufolge vor allem von einem beherrscht: dem Reichweitenproblem. Dass kaum jemand mit seinem Zweitwagen tatsächlich einmal die Reichweite überschreitet, die ein Elektroauto hat, sehen die meisten nicht.

Selbstverpflichtungen helfen

"Bei wenigen Themen sind sich die Deutschen so einig wie beim Klimaschutz", sagt Matthies, "aber wird es konkret, kommen Vorbehalte und Probleme." Die gute Nachricht: Man kann lernen, die Gewohnheiten zu durchbrechen, die sich durch den Status-quo-Fehler ergeben.

Dabei helfen so einfache Mittel wie Hinweise auf Stickern, zum Beispiel ein Zettel an der Waschmaschine, auf dem man sich dazu verpflichtet, weniger Waschmittel zu benutzen. Oder Selbstverpflichtungen vor Freunden, denen man ankündigt, sich von jetzt an vegetarisch zu ernähren. Je konkreter, desto besser.

Planlos zu versuchen, umweltbewusster zu leben, kann dagegen schnell zu Frustration führen. Matthies rät deshalb, den eigenen CO2-Abdruck zu berechnen, zum Beispiel bei KlimAktiv. Dort kann man sehen, wie man in Bereichen wie Wohnen, Heizen und Ernährung im Vergleich zum deutschen Durchschnitt steht - und wo man am besten und einfachsten etwas verändern kann.

Dabei sollte man allerdings nicht darauf hereinfallen, sich bei bestimmten Problemen besonders vorbildlich zu verhalten - zum Beispiel den Müll ordentlich zu trennen - und sich dann einzureden, dass das schon reiche, den restlichen Alltag auszugleichen.

Von der Schuld freikaufen

Auch CO2-Kompensationen fallen in dieses Feld. Mit gutem Gewissen fliegen, weil man das CO2 ja ausgeglichen hat, zum Beispiel ein Projekt zur Aufforstung des Regenwalds unterstützt hat? "Im Vergleich zu dem Schaden, den eine Flugreise anrichtet, ist der Nutzen von wenigen Bäume gering", sagt Armin Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse am Karlsruher Institut für Technologie.

Natürlich sei es immer besser, Bäume zu pflanzen, als nichts zu tun. Aber Grunwald sieht in solchen Ersatzhandlungen, wie er sie nennt, die Gefahr, sich von einer gefühlten Schuld am Klimawandel freizukaufen.

Umweltbewusster Konsum sei wichtig. Noch effizienter für den Klimaschutz wäre aber eine strengere Umweltpolitik. "Die Preise von Produkten müssten die realen Umweltfolgen abbilden", sagt Grunwald. Das ist momentan noch nicht der Fall.

Ein oft genanntes Beispiel ist eine Kerosinsteuer, die dazu beitragen könnte, den Flugverkehr zu reduzieren. Bisher ist der Flugzeugtreibstoff Kerosin steuerfrei. Aber Fliegen ist ein globales Geschäft, und eine Kerosinsteuer könnte nur national durchgesetzt werden. Würden einzelne Länder Kerosin besteuern, wären die Fluganbieter dort möglicherweise nicht mehr wettbewerbsfähig.

Stabilitätsgesetz erschwert Steuer

Ähnliches gilt für die Idee einer CO2-Steuer. Auch sie könnte dafür sorgen, die Umweltfolgen abzubilden, die einzelne Produkte, Flugreisen und Autofahren haben. Doch auch hier gilt: Führt ein einzelnes Land die Steuer ein, könnte es Wettbewerbsschwierigkeiten bekommen. So hatte Australien 2012 eine CO2-Steuer eingeführt - und zwei Jahre später wieder abgeschafft.

Gegen eine globale CO2-Steuer hätten große deutsche Unternehmen dagegen wenig einzuwenden, ergab Anfang des Jahres eine Umfrage.

"Was die Umwelt betrifft, reagiert die deutsche Politik meist sehr zögerlich und industriefreundlich", sagt Andreas Ernst, Psychologe und Umweltsystemanalytiker an der Universität Kassel. Eine CO2-Steuer wird zudem erschwert durch das Stabilitätsgesetz aus dem Jahr 1967. Es verpflichtet die Wirtschaftspolitik unter anderem dazu, ein angemessenes Wirtschaftswachstum anzustreben.

Dem liefe eine CO2-Steuer entgegen, da sie vieles teurer machen würde. Allerdings ist "in einer Welt mit endlichen Ressourcen unendliches Wachstum unmöglich", sagt Ernst. Deshalb glaubt er, dass langfristig eine Postwachstumsgesellschaft angestrebt werden müsste. Eine Gesellschaft, die nicht ständig wachsen müsste, um zu funktionieren.

Globale Prozesse würden wieder stärker regional ablaufen, weniger Arbeitsteilung und mehr lokale Selbstversorgung. Die vergütete Arbeit würde zurückgeschraubt, dafür könnten sich die Menschen stärker sozial engagieren.

So zumindest die Idee. Kritiker des Postwachstums-Gedanken befürchten, dass weniger Wirtschaftswachstum weniger Wohlstand und mehr Arbeitslosigkeit bedeuten könnten. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (BIP) korreliert mit sozialen Indikatoren wie Gesundheit, Bildung und Lebenserwartung. Sinkt das Wachstum und damit das BIP, so die Befürchtung, sinkt auch der Lebensstandard.

Eine einfache Lösung für das Problem Klimawandel gibt es in absehbarer Zeit also nicht. Wer sich unkompliziert für die Umwelt engagieren will, kann versuchen, kleine Dinge im Alltag umzusetzen. Tipps findet man im Internet zum Beispiel bei CO2online. "Es gibt mehr als einen Weg, etwas richtigzumachen", sagt Ernst. "Jeder sollte das tun, was er umsetzen kann."

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