2 subscriptions and 0 subscribers
Article

„Deutschland spricht": „Der Corona-App verweigere ich mich"

Wenn es um die Behandlung der Älteren in der Corona-Krise geht, wird Annerose Weiß energisch. „Ich habe das Gefühl, man will die Älteren wegsperren. Dabei können sich die Jungen genauso infizieren." Sie ist Rentnerin, gerade erst 70 Jahre alt und rüstig, wie sie von sich selbst sagt. Der Nachdruck, den sie ihren Worten verleiht, lässt daran keinen Zweifel. Ihr gefällt nicht, dass es in der Corona-Krise heißt: Alt gegen Jung. Am Alter ließe sich nicht alles festmachen.


Ihr Gegenüber ist in dieser Frage zurückhaltender. Man könne immerhin nicht wegdiskutieren, „dass der Durchschnitt der an - oder mit - Corona Verstorbenen bei 80 Jahren liege". Christian Schulze spricht überlegt, schlägt den Blick grübelnd unter seiner eckigen Brille nieder und wählt seine Worte mit Bedacht, aber nicht weniger treffsicher. In diesem Fall will der 62 Jahre alte Betriebsleiter einer Software-Abteilung seiner Gesprächspartnerin aber auch nicht widersprechen - nicht alles lasse sich an Zahlen festmachen, das glaubt auch er.


„Kommunikativ war das ein Desaster"

Wie viele andere Menschen haben sich die beiden an diesem Sonntagnachmittag zum Streitgespräch „Deutschland spricht" verabredet - ohne einander vorher gekannt zu haben. Weil sie sieben Fragen zur Corona-Krise unterschiedlich beantwortet haben, hat der Algorithmus den Mann aus dem Frankfurter Speckgürtel und die Frau aus dem Münchener Umland zusammengeführt. Da sie an diesem Tag aber nicht nur über Corona sprechen wollen, sondern auch mit dem nötigen Abstand gegen Corona, treffen sie sich per Videoschalte. Das funktioniert reibungslos. Zwar knistert es hin und wieder im Mikrofon von Schulze und zwischendurch taucht ein rotgeringeltes Katzenschwänzchen auf dem Bildschirm von Weiß auf, dennoch ist die Verlagerung des Treffpunktes ins Digitale, ganz der vorangeschrittenen Pandemie gemäß, überhaupt kein Thema für beide.


Die nackten Zahlen sind nur die halbe Wahrheit. Darüber sind sich beide schnell einig, auch ohne dass es zum Streit gekommen wäre. Christian Schulze hat trotzdem seine Hausaufgaben gemacht; wenn er argumentiert, untermauert er seine Standpunkte mit Daten. Statistik, sagt er, sei ein Hobby von ihm. Wenn er etwa über die Zahl der Corona-Toten in Deutschland spricht - derzeit etwas mehr als 7400 - dann ist es ihm wichtig, diese ins Verhältnis zu setzen. „Im letzten Jahr sind jeden Tag durchschnittlich 2541 Menschen gestorben. Auch ohne Corona."


Angesichts dessen sei es notwendig, stets aufs Neue über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zu sprechen. „Ich hätte mir gewünscht, dass an Tag eins des Shutdowns die Regierung anfängt, über eine Exit-Strategie nachzudenken. Was derzeit passiert, gibt Verschwörungstheoretikern Aufwind." Auch, weil die Regierung erst die Verdopplungszeit zum Maß aller Dinge erklärt habe und schließlich von dieser zugunsten der Reproduktionszahl abgerückt sei - „kommunikativ war das ein Desaster".


In Sachen Datenschutz sind sie anderer Meinung

Weiß hatte diese Frage im Vorfeld anders als Schulze beantwortet. Ja, die Bundesregierung hat richtig gehandelt, klickte sie vor wenigen Wochen noch an. Nun folgt sie Schulzes Ausführungen aufmerksam, nickt mehrmals zustimmend, während ihr Gegenüber spricht; sagt schließlich, „da bin ich der gleichen Meinung wie Sie." Auch sie bedrückten die Demonstrationen des letzten Wochenendes, auf denen sich „Rechte, Linke und auch Leute von AfD und Pegida versammeln", um zu tausenden gegen Dinge zu demonstrieren, „gegen die man nun wirklich nicht demonstrieren muss". Eine Demonstration gegen ein Virus? Das kann sie beim besten Willen nicht verstehen. Aber auch sie möchte inzwischen nicht mehr sagen, dass sie dem Handeln der Regierung bedingungslos zustimmt, „irgendwie ist die Stimmung gekippt".


Ein anderes Thema, das die ehemalige Besitzerin eines Buchladens fassungslos macht, ist die geplante App zur Nachverfolgung von Infektionsketten. „Der Corona-App verweigere ich mich. Nicht weil ich Bedenken wegen des Datenschutzes habe, sondern weil es nicht angehen kann, dass diese App so viele Wochen in ihrer Entwicklung braucht - fast schon wie der Berliner Flughafen." Schulze schmunzelt. Weiß setzt noch einen drauf: Wer wegen der geplanten App Sorge um seine Daten hätte, der dürfe auch Facebook nicht nutzen. Wenn die Rentnerin gestikuliert, ist kurzzeitig die Smartwatch an ihrem Handgelenk im Bild. „Es macht einfach keinen Sinn, wenn man gleichzeitig das Selfie vom Klogang bei Facebook teilt und dann Bedenken beim Datenschutz hat."


Weiß und Schulze haben mehr gemeinsam, als die kontroversen Antworten, die sie im Vorfeld gegeben haben, hätten vermuten lassen; das merken beide schnell. Zwischendurch geht es um ihr geteiltes Hobby, Golf. Weiß erzählt, sie übe derzeit Annäherungsschläge im Garten. Der Umgang miteinander ist respektvoll, fast freundschaftlich, sie siezen einander zwar, aber erzählen doch immer wieder kurze Anekdoten von ihren Ehepartner und Kindern. Die meiste Zeit geht es um Corona, aber längst nicht immer.

Dass es an diesem Tag wohl nicht mehr zum Streit zwischen ihnen kommen wird, ist spätestens klar, als Schulze sie nach ihrer Einstellung zur Maskenpflicht fragt. „Nach sechs Wochen plötzlich mit einer Maskenpflicht anzufangen, finde ich blöd“, antwortet Weiß geradeheraus, obwohl sie auf ihrem Fragebogen ein Häkchen auf der anderen Seite gesetzt hatte. Aber Meinungen entwickeln sich nun einmal weiter – vor allem jetzt in der Krise –, das hatten sie sich bereits zu Beginn des Gespräches versichert.


Weiß hat inzwischen die Erfahrung gemacht, dass sie lieber einen Schal vor dem Gesicht trägt als eine Maske, „mit den Dingern hält man es nicht aus!“ Auch Schulze hat die Maske ungern im Gesicht: „Ich trage die Maske notgedrungen – aber eigentlich bin ich ein Maskengegner.“ Dafür referiert er drei Argumente, als gelte es seine Gesprächspartnerin noch zu überzeugen: Zum einen habe die Maske einen konsumdämpfenden Effekt. Im Laden wolle er sich kaum noch aufhalten, weil er ständig nur im Kopf habe, wann er endlich die Maske wieder abnehmen könne.


Und zum zweiten, wiege sie die Menschen in trügerische Sicherheit – „die Leuten hören auf die Abstände einzuhalten, weil sie das Gefühl haben, die Maske gibt ihnen Schutz.“ Des Weiteren sei eine Maske ein echtes Problem für Menschen, die an Hörproblemen leiden. „Bei Älteren ist das Verstehen oft eine Kombination aus Hören und Lippenlesen.“ Da werde es zu einem echten Hindernis für die Kommunikation, wenn der Mund nicht mehr sichtbar ist. Weiß nickt.


Der Nachmittag bleibt ohne Streit. Mit viel Verständnis füreinander haben Annerose Weiß und Christian Schulze dem nun nicht mehr allzu fremden Gegenüber ihre Argumente vorgetragen. Einen ähnlich sorgenvollen Blick teilen sie auch, wenn es darum geht, was sich nach der Krise ändern wird. „Von wegen Deutschland rückt dichter zusammen in der Krise und wenn alles vorbei ist, dann gibt es einen engeren Zusammenhalt – gar nichts werden wir.“ Weiß spricht davon, dass durch die Krise die Schere zwischen arm und reich noch weiter auseinanderklaffen wird, dass der Neid aufeinander eher zu- als abnehmen wird. Die sogenannten Hygiene-Demos seien dafür ein gutes Beispiel. „Dass es nach der Krise mehr Zusammenhalt geben wird, halte auch ich für einen frommen Wunsch“, pflichtet Schulze ihr bei. Dabei sind die beiden Gesprächspartner doch das beste Beispiel dafür, dass das vermeintlich Ferne sich manchmal viel näher liegt als gedacht.

Original