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Neon: Noch nicht erwachsen und schon tot?

Die Print-Branche ist auf dem absteigenden Ast, weil viele Inhalte online und gratis abrufbar sind. Ein Opfer ist die Neon. Ich war auf der letzten Abrissparty vor dem Aus des Magazins und kann das Wort Mediennutzungswandel nicht mehr hören.


3.30 Uhr: Das Fitzgerald ist wie leer gefegt. Eigentlich sollte die Party bis 8 Uhr gehen. Doch die Feierwütigen sind schon müde. Wo sich vor zwei Stunden noch lange Schlangen bildeten, ist jetzt gähnende Leere. Auf den Toiletten türmen sich Papierhaufen neben vollgestopften Mülleimern. Einsame Bierflaschen und Kronkorken fliegen auf der Tanzfläche umher. Irgendwo dazwischen liegt eine Neon mit dem Titel: „Zeig dich!“. Der Club ist menschenleer.

Vor 15 Jahren, am 25. Juni 2003 ist ein neues Magazin der Stern-Familie geboren. Der Leitspruch der Neon: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. Sie ist das Magazin für junggebliebene Erwachsene – in einer Zeit vor Instagram, YouTube & Co.

Neon klärte lebenswichtige Fragen wie „Trennen oder kämpfen?“, „Wie gut kannst Du verlieren?“ oder „Was bin ich wirklich wert?“. Da gab es abgefahrene Reportagen, in denen der Autor an einem Happy-Dying-Event in Südkorea teilnahm. Anschließend ließ er sich lebendig begraben.

Noch lange vor dem Ende der Party steht eine riesige Menschentraube vor dem Fitzgerald. Ich treffe Wibke. Sie erinnert sich, warum sie sich ihre allererste Neon aus dem Zeitschriftenregal geangelt hatte: „Sowas gab es für meine Verhältnisse vorher noch nicht.“ Sie nippt an ihrem Bier und sagt: „Es ist schade, dass wir zu alt geworden sind und die jungen Leute nicht nachgezogen sind.“


Sind wir zu alt geworden?


Mediennutzungswandel ist ein hässliches Wort. Trotzdem hallt es heute Abend immer wieder durch meinen Kopf. Ich treffe Eva auf der Tanzfläche. Mit ihrem Strohhalm stochert sie wild in ihrem Getränk herum. „Ich find's gar nicht geil, dass die Neon eingestellt wird. Wo soll ich jetzt meine Lebensweisheiten her nehmen?“.

Einen Wodka-Mate später denke ich darüber nach, ob die Antwort darauf wirklich Instagram oder YouTube lauten kann. Schließlich gibt es so viel ungefilterten Müll in den sozialen Medien. Ich gehe vor die Tür, eine rauchen.

Da treffe ich eine Neon-Redakteurin. Sie ist gut gelaunt – das scheine aber nur so, sagt sie augenzwinkernd. Ein Freund von ihr unterbricht meine nächste Frage. „Ich greife dir jetzt mal kurz in die Jacke!“ sagt er mit einem anzüglichen Lächeln. Sie ruft „Hashtag Me Too!“ und lacht. Er zieht ein Päckchen Zigaretten aus der Innentasche ihrer braunen Lederjacke: „Ja, wir Männer machen nicht mal vor Führungskräften Halt!“

Die Redakteurin wird wieder ernst. Mit wachem Blick erzählt sie vom Zeitgeist. „Heute liegen die Möglichkeiten viel zahlreicher und komplexer vor einem. Die Leute haben das Gefühl, sich schnell für etwas entscheiden zu müssen. Man hat Angst, etwas zu verpassen und auf dem falschen Gleis zu landen“. Deshalb sei es schwierig, ein Heft wie die Neon zu machen. „Die Leute sind nicht mehr so leicht zu erreichen“, sagt sie.

Das Angebot im Netz ist viel breiter. Und gratis abrufbar, während man für die Neon 4,20 Euro ausgeben muss – das ist fast schon ein halbes Taxigeld.“, gibt sie zu bedenken. Außerdem spricht sie einen entscheidenden Punkt an: Die Konkurrenz bei YouTube, Instagram & Co. vermittelt mehr Nähe. Da kann ein Magazin nur schwer mithalten.


Umgepflanzt von München nach Hamburg


Ursprünglich war die Neon in München beheimatet, wo sie tiefe Wurzeln geschlagen hatte. 2013 entschied der Gruner + Jahr Verlag, die Redaktion zur Zentrale nach Hamburg umzupflanzen. Fast die Hälfte der Mannschaft blieb aber in München.

Ein paar Tage vor der Party unterhalte ich mich mit einer Redakteurin, die nicht mitging. Sie arbeitete von 2010 bis 2013 in der Münchner Redaktion und hat die goldenen Zeiten des Magazins miterlebt. Im Rekordjahr 2011 lag die verkaufte Auflage bei 250.000 Exemplaren. Davon blieben zuletzt nur noch rund 61.000 übrig.

Weil die Zielgruppe nicht mehr an den Kiosk geht, um sich ein Heft zu kaufen, wäre die Neon auch ohne Umzug irgendwann eingestellt worden“, ist sich die Redakteurin sicher. Er habe aber dazu beigetragen, dass es schneller zu Ende ging. „Die Münchner Redaktion war ein eingespieltes Team. Das wurde durch den Umzug zerschlagen“, sagt sie.

Am gleichen Tag rede ich mit einem, der mit nach Hamburg ging. Er arbeitete von 2010 bis 2016 für das Magazin. „Der Print-Journalismus ist in einer Phase, in der er so gut sein muss, wie noch nie. Die digitale Konkurrenz ist groß, die Anforderungen hoch“, sagt der ehemalige Neon-Redakteur. Und da ist es wieder, das hässliche Wortungetüm: Mediennutzungswandel.

Ruth Fend findet auch, dass der Umzug von München nach Hamburg eine Zäsur war. Man habe dadurch Zeit verloren, die man besser in digitale Strategien investiert hätte, sagt sie.


Eine Ära geht zu Ende


Trotzdem kann man dieses Format nicht so einfach ersetzen“, sagt die Redakteurin mit der braunen Lederjacke noch. Plötzlich beendet die unruhige Menge vor der Tür des Fitzgerald unser Interview. Eine Frau mit neonpinkem Top verteilt die finale Ausgabe: „Mach Schluss!“, prangt auf dem Cover. Die Magazine werden ihr beinahe aus den Händen gerissen.

Später treffe ich eine weitere Neon-Redakteurin. „Ich bin wahnsinnig wehmütig. Als ich gestern das letzte Heft in der Hand hielt, fing ich sofort an zu weinen“, klagt sie. Sie erzählt, dass viele Leute die Neon zuletzt gerne auf Bahnfahrten gelesen hätten, um den Akku zu schonen und ein heimeliges Gefühl zu haben. Das reiche aber jetzt nicht mehr. „Die Neon ist längst nicht tot. Online geht sie weiter“, sagt sie mit einem strahlenden Lächeln.

Irgendwo zwischen Haftbefehls „Ich rolle mit meim Besten“ und Snaps „Rhythm is a dancer“ ist die Party auf ihrem Höhepunkt. Das Licht geht immer wieder kurz aus, die Boxen erstummen. Mit dem röhrenden Bass, leuchten die bunten Lichtschläuche an der Decke wieder auf. Neonfarbene Lichtautobahnen bilden ihren Weg durch die verworrene Installation. Hinter dem Dj-Pult erkenne ich das Redakteurinnen-Duo. Sind sie zu erwachsen geworden für die Tanzfläche?

Einen der letzten Gäste frage ich, wie es ihm damit geht, dass die Neon eingestellt wird. „Neon? Meinst du die Lichter? Echt doof, dass die Party schon zu Ende ist“, sagt er. Ich erkläre ihm, dass Neon ein Magazin ist. „Noch nie davon gehört“, er geht.


15.06.2018