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Frau als Berufsjockey: "Angst ist ein schlechter Begleiter" - SPIEGEL ONLINE

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Pferderennen sind zumeist Männersache. Stefanie Hofer ist eine der wenigen Frauen unter den leichtgewichtigen Jockeys und reitet furchtlos mit 60 Sachen über die Galopprennbahn, 200 Mal im Jahr: ein Knochenjob, noch dazu schlecht bezahlt.

Manche nennen sie Jockette oder Amazone. Stefanie Hofer will einfach nur als Jockey bezeichnet werden. Sie ist Berufsrennreiterin, eine der wenigen Frauen im Galopp-Sport. Die Krefelderin, 25 Jahre alt und 1,51 Meter groß, hat es bis nach ganz vorn geschafft. Fast jedes Wochenende sitzt sie auf den schnellsten Rennpferden und hat keine Angst vor Stürzen. Ihre Motivation für den Job? "Für mich gibt es keine Alternative", sagt Hofer. Es liegt ja in der Familie.

Schon der Vater war Jockey, in der Familie drehte sich alles um Pferde und Rennbahnen. Auf dem Shetlandpony machte die kleine Stefanie ihre ersten Reiterfahrungen, wechselte rasch auf die schnellen Pferde, schaffte bereits mit 14 Jahren ihre Amateurprüfung für Jockeys. Als sie sich nach der Schule als Chemielaborantin bewarb und es Absagen hagelte, entschied sie sich für das, was sie am besten kann und kennt: Sie machte eine dreijährige Lehre zum Pferdewirt Schwerpunkt Rennreiten, so heißt die Jockey-Ausbildung zum Jockey. Hofer blieb auf dem Gestüt ihres Vaters, mittlerweile Trainer. Bequem war das nicht: "Ich musste genauso hart ran wie die anderen. Und noch ein bisschen mehr."

Wie alle angehenden Berufsreiter besuchte sie die Jockeyschule an der Rennbahn Köln-Weidenpesch. Unter Anleitung von Jockeys lernen die Auszubildenden auf Rennpferd-Simulatoren den richtigen Sitz. Sie erfahren, wie sie im Renngalopp die Balance halten, während nur ihre Knöchel in den kurzgeschnallten Bügeln das Pferd umklammern.

Auf der Schule merkte Hofer, wie schwer es ist, ihr Ziel zu erreichen. Das Körpergewicht von 55 Kilogramm darf sie in der Profi-Klasse nicht überschreiten, außerdem musste sie schon während der Ausbildung 50 offizielle Rennen gewinnen. Nur wer das schafft, darf als Jockey arbeiten. Viele scheitern und müssen den Beruf aufgeben, Stefanie Hofer hatte zum Ausbildungsende die 50 Rennen beisammen. "Ich war natürlich super stolz."

Umziehen, wiegen, reiten im Halbstundentakt

Der Jockey-Alltag ist hart. Die Arbeit beginnt um fünf Uhr morgens. "Ich miste den Stall aus, füttere, pflege die Tiere und trainiere sie", erzählt Hofer. Am Nachmittag telefoniert sie den Trainern und Besitzern hinterher, die ein Pferd in einem der kommenden Rennen laufen lassen. Sie buhlt um Aufträge, bietet sich als Jockey an. "In dem Job musst du permanent Marketing betreiben." Vor einigen Jahren sei es noch schwieriger gewesen, die Männer davon zu überzeugen, einen weiblichen Jockey aufs Pferd zu lassen. "Ich hab mich durchgekämpft und bewiesen, dass ich das auch kann."

An fast jedem Wochenende bestimmt die Rennbahn Hofers Leben. Manchmal reist sie ins Ausland, meist bleibt sie im Ruhrgebiet. An enntagen muss sie verschiedene Pferde in gute Ausgangspositionen manövrieren und dann zu Höchstleistungen treiben, zu einem Tempo von über 60 Stundenkilometern. Jockeys brauchen eine gute Kondition, Mut und Konzentration. "Ohne regelmäßiges Training kannst du den Beruf nicht ausüben", sagt Hofer. Dass sie auf ihr Gewicht achten muss, stört sie nur in den Wintermonaten, "dann bin ich einfach nicht so diszipliniert."

Ein Renntag ist wie Arbeit im Akkord. Bis zu acht Rennen absolviert sie, immer im Auftrag unterschiedlicher Ställe: umziehen, wiegen, reiten, umziehen, wiegen, reiten, manchmal im Halbstundentakt. Die Besitzer der Pferde bestimmen auch, was Hofer trägt - bunte, glänzende Klamotten mit dem Logo des Rennstalles.

Stürze gehören zum Beruf

Nach dem Umziehen wird sie gewogen, im Führring treffen Reiter und Pferd das erste Mal aufeinander. Die Pferde tragen Namen wie Smooth Operator, Kool and the Gang, Ancient War oder Belmondo. "Manche bin ich schon mal geritten, manche kenne ich nur vom Hörensagen. Ich weiß dann, ob das Tier kompliziert ist, kenne Stärken und Schwächen." Für einen Jockey sind Pferde Arbeitsgeräte. Mit dem Trainer bespricht sie die Taktik, dann steigt sie in den Sattel.

Wenn die Startboxen aufschnellen, fühlt sich Hofer lebendig. "Blitzschnell schaue ich, welche Position ich einnehmen kann, taktiere und versuche am Feld vorbeizukommen." Reitet sie das Rennen zu Ende, erhält sie 50 Euro Startgeld; ist sie die Beste, gehen fünf Prozent der Prämie an sie.

Hofer nimmt somit pro Rennen einen drei- oder vierstelligen Betrag ein - vorausgesetzt, sie gewinnt. Beim höchstdotierten deutschen Rennen, dem Deutschen Derby, bekommt der beste Jockey 7500 Euro. Trotzdem: "Von den Rennen allein kannst du in dem Job nicht reich werden. Du verdienst dein Geld mit der Arbeit auf dem Gestüt."

Rund 200 Ritte absolviert Hofer jährlich und war 2012 besonders erfolgreich: 30 Mal stürmte sie als Erste auf dem Pferderücken ins Ziel. "Mit einem Erfolg machst du die Besitzer am besten auf dich aufmerksam." Auch Stürze gehören zum Beruf. 2010 brach sich Hofer auf der Bahn in Hamburg-Horn Schlüsselbein und Kniescheibe, musste danach lange pausieren. "Das passierte, weil mein Sattel rutschte." Als sie wieder fit war, stieg sie wieder aufs Pferd: "Angst ist in dem Beruf ein schlechter Begleiter."

KarriereSPIEGEL-Autorin Katja Kasten arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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