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Zwei Verrückte, ein Traum

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An einem Samstag verlässt Ulrich Walter das norddeutsche Städtchen Diepholz und bricht auf in die Wüste, denn dort arbeitet sein Freund Helmy an ihrem gemeinsamen Traum. Der 62-jährige drahtige Niedersachse verlässt das gelbe Naturstromhaus mit Blick auf die Moorlandschaft, den Sitz von Lebensbaum. In der Produktion rattert zuverlässig die Teebeutelmaschine, füllt Kamille, Fenchel, Pfefferminze, Kräutertee in Beutel, 140 Stück pro Minute. Er macht sich auf zum Flughafen Bremen, fliegt nach Ägypten. Dort will Walter die Familie Abouleish besuchen, einen wichtigen Lieferanten für Tees und Gewürze in Bioqualität. Mit seinem silberfarbenen Rollkoffer verlässt er das beschauliche Diepholz und fliegt mitten hinein ins Weltgeschehen, in die turbulente ägyptische Hauptstadt.

Die Luft ist staubig. Der Flughafen Kairo ist bewacht wie in Kriegszeiten. Ein Gepäckstück fehlt. Doch Ulrich Walter bleibt gelassen. Sekem hat ihn längst in seinen Bann gezogen.

Diese Geschichte handelt von der Kraft einer Idee und mutigen Männern, die ihren Traum wahr gemacht haben. Die DEG hat ihnen dabei geholfen. Sie hat die Landwirte Ibrahim und Helmy Abouleish bei dem verrückten Plan unterstützt, mitten in der Wüste Biogewürze und Biotees anzubauen. Ohne es zu planen, hat sie so auch den deutschen Biounternehmer Ulrich Walter seinem Traum ein Stück nähergebracht. Da halten ihn jetzt selbst eine Revolution und ihre Nachwehen nicht auf.

Nur 60 Kilometer trennen Kairos Flughafen und die Farm der Abouleishs, doch es ist wie die Reise in eine andere Welt. Der ägyptische Fahrer hupt sich am späten Nachmittag Richtung Nordostendurch den chaotischen Feierabendverkehr Kairos. Dann wird es ruhiger, fast ein bisschen unheimlich. Auf einer Wüstenstraße geht es monoton geradeaus. Mitten auf der Straße stehen verrostete Autowracks, beschichtet mit staubigem Sand. Der Fahrer biegt plötzlich um die Kurve. Nach ein paar Kilometern Lehmpiste leuchtet auf einer weiß gestrichenen Mauer ein rot-gelbes Symbol auf, das Zeichen von Sekem. Dann sieht man blühende Felder und grüne Bäume. Vögel zwitschern. Der Wagen rollt vor das Gästehaus, vor dem zwei Männer warten.

Der eine, Helmy Abouleish, 50, hat in Deutschland Waldorfpädagogik studiert. Der andere, sein Vater Ibrahim, 75, ist der Gründer von Sekem und Träger des alternativen Nobelpreises. Walter steigt aus dem Wagen, umarmt die beiden Männer herzlich. Die führen ihn zum Essen in den Speisesaal des neuen Hotels. Der Weg führt vorbei an weiß gekalkten Häusern. In einem wohnt eine Gruppe von Deutschen, die vor Jahren ihre Heimat verlassen haben, um Sekem mit aufzubauen: Die Eurythmie-Lehrerin, der Maschinenbauer, die Künstlerin oder die Landwirtin aus dem Allgäu, sie alle leben ihren Traum von einer Oase der Gesundheit und Bildung in einem Entwicklungsland.

Sekem bedeutet übersetzt Kraft der Sonne. Was vor rund 30 Jahren auf 70 Hektar steinigem Wüstenboden begann, hat sich auch mithilfe der DEG zum größten Biobetrieb Ägyptens entwickelt. Ibrahim Abouleish und sein Sohn Helmy habenein Unternehmen aufgebaut, das Rohstoffe für Tees, Lebensmittel, Textilien und Arzneimittel verarbeitet. Der erwirtschaftete Gewinn des mittelständischen Unternehmens fließt zu einem großen Teil in die Fortbildung der Mitarbeiter und in die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. 2000 Arbeitsplätze haben die Abouleishs geschaffen. Doch damit nicht genug. 650 Kinder lernen in der Sekem-Schule, es gibt ein Berufsbildungszentrum für Jugendliche und ein Hospital, das Mitarbeiter und Bewohner der umliegenden Dörfer versorgt. Eine Universität, die nachhaltiges Wirtschaften zum Studienfach machen soll, ist in Planung.

Die Mezze auf dem Tisch im hellen Speisesaal verströmen ihren Duft: Minze aus den gebratenen Zucchinis, Koriander und Limetten aus Baba Ghanoush, der traditionellen Sesamsauce mit Auberginen. Diese Gewürze sind es, die die Männer hier zusammengeführt haben. Den deutschen Biohändler Ulrich Walter, den ägyptischen Unternehmersohn Ibrahim Abouleish und dessen Nachkomme Helmy.

An der Tafel erzählen sich die Geschäftspartner die Geschichten aus Anfangszeiten, damals vor 27 Jahren. Sie feiern ihr Wiedersehen mit Agavensaft. Entgegen aller Ratschläge kaufte Ibrahim 1977 Wüstenland nordöstlich von Kairo. Einen Flecken, auf dem nicht mal ein Grashalm wuchs. Hier wollte Ibrahim Abouleish, der in Graz Chemie und Medizin studiert hatte, eine grüne Wüste entstehen lassen und Sekem nach der anthroposophischen LehreRudolph Steiners aufbauen. "Ich träumte von einer Oase, einem Ort, an dem Menschen aller Nationen und Kulturen ganzheitlich zusammenleben und -arbeiten können."

Die ersten Jahre waren mühsam. Abouleish pflanzte Bäume und baute Häuser. Eine der größten Schwierigkeiten war die Bewässerung der Böden. Er löste das Problem durch die Bohrung zweier Brunnen und den Bau eines unterirdischen Bewässerungssystems. Da es keine direkte Straße gab, die von Kairo zur Farm führte, waren die Transportwege lang und schwierig. Abouleish kaufte einen Traktor und schaffte es, wenigstens die Straßen um sein Grundstück auszubauen. Als die Familie nach zwei Jahren Stromleitungsbau auf den Knopf drücken konnte und Licht hatte, schlachtete sie für das Festessen eine Kuh.

Ibrahim Abouleish plante, Pflanzen anzubauen, die er später als Arzneimittel verkaufen wollte. Zunächst setzte er auf die Extraktion des Wirkstoffes Ammoidin. Der stammte aus einer Wildpflanze, die in der Wüste wuchs und Hautpigmentstörungen bekämpfen sollte. Als dieses Geschäft scheiterte, setzte er auf Kräuterteemischungen, die gut schmecken und medizinisch wirksam sein sollten. Er pflanzte Kamille, Pfefferminze und Königskerze. Die Rezepturen der Teemischungen reichte er beim Gesundheitsministerium ein und ließ sie registrieren. Er besuchte Ärzte und Apotheken, die seine Tees verschreiben sollten. Abouleish wollte an der ökologischen Landwirtschaft festhalten - in einem Land, in dem die Bauern Pestizide für einen Segen hielten, weil sie Schädlingen den Garaus machten. Abouleish leistete viel Überzeugungsarbeit. Heute wirtschaften viele ägyptische Landwirte nach den biologisch-dynamischen Demeter-Standards.

Im Jahr 1984 trat Ibrahim die Führung des Geschäfts an seinen Sohn Helmy ab. Der wollte expandieren, doch die lokalen Banken zweifelten. "Erst haben uns die Bauern für verrückt gehalten, dann die Banken", sagt der Sohn. Als die Finanzierung zu scheitern drohte, wurde er auf die DEG aufmerksam, die damals für Entwicklungsprojekte in Ägypten warb. "Die DEG hat uns sofort verstanden", sagt Helmy. Allerdings förderte die DEG damals grundsätzlich nur deutsche Kunden, die in Entwicklungsländern etwas aufbauen wollten. Die Abouleishs holten aus diesem Grund den Pharmazeuten Roland Schaette mit ins Boot, der vertrieb Heilmittel in Deutschland und war zu einem Joint Venture bereit. Mit der DEG gründeten die Partner 1986 die ATOS AG, die noch heute Arzneimittel und Tees auf biologischer Basis produziert.

Der Anfang einer langen Partnerschaft zwischen Sekem und der DEG war damit geschaffen. Über die Jahre stellte die DEG dem Biobetrieb Kapital in Höhe von 18 Millionen Euro in Form von langfristigen Krediten zur Verfügung.

Es ist spät, als Ulrich Walter sich aus dem Speisesaal verabschiedet und auf die harte Matratze seines Zimmers im Sekem-Gästehaus fällt. Jedes Mal, wenn er hier ist, wird ihm bewusst, wie kostbar die Partnerschaft mit den Ägyptern ist. Beim Frühstück am nächsten Morgen erzählt Walter, wie er, ein gelernter Schifffahrtskaufmann und Erzieher, in Diepholz einen kleinen Bioladen eröffnete. 1977 war das. Ihn ärgerte es damals wahnsinnig, den Kunden keine Biotees und Biogewürze anbieten zu können. Er wird aktiv, sucht Kontakt zu Großhändlern und Naturkostverbänden. Sein Geschäft wächst. 1984 macht ihn ein Großhändler aus Süddeutschland auf eine Initiative in Ägypten aufmerksam, die Biogewürze und Biotees produziert. Walters Interesse ist geweckt, spätestens als er erfährt, dass Sekem sogar vom Demeter-Verband kontrolliert wird. Er schreibt der Familie Abouleish einen Brief. Als er keine Antwort bekommt, packt er seinen Koffer, bucht einen Flug, quartiert sich in Kairo in einem Hotel ein und fährt zur Farm. 27 Jahre ist das her. Aus dem Bioladenbesitzer ist Deutschlands größter Händler für Biogewürze und Biotees mit einem Jahresumsatz von 30 Millionen Euro geworden. Oft ist er seitdem wiedergekommen in die Wüste zu Sekem, in der die Familie Abouleish den gemeinsamen Traum hegt.

Der Spaziergang nach dem Frühstück führt über die Felder, auf denen die ägyptischen Arbeiter und Arbeiterinnen die Kamille, den Hibiskus und die Pfefferminze für den Lebensbaum-Tee und die -Kräuter bearbeiten. Ulrich Walter und Helmy Abouleish erzählen von ihrem allerersten Treffen, bei dem sie sich über Anbaupläne und Versuchsfelder Gedanken machten. Dass Abouleish erst ausprobieren musste, was auf seinen Feldern wuchs. Dass sie Saatgut großzogen, um das Klima zu studieren. Dass auch manches schieflief, weil zum Beispiel der Fenchel nicht so gedieh, wie sie sich das vorstellten. "Wir standen beide ganz am Anfang und hatten von vielem keine Ahnung", gesteht Walter. Wenn Helmy Abouleish nach Diepholz kam, schlief er bei den Walters auf dem Sofa. Wenn Ulrich Walter zu Sekem fuhr, saß er im Kreis der Familie Abouleish beim Abendbrot. "Wir brannten für die Idee, biodynamische Kräuter herzustellen. Das schweißt zusammen", sagt der Ägypter.

Sie wuchsen miteinander. Im Laufe der Jahre arbeiteten sie immer weiter an der Verbesserung der Standards. Kamen die ersten Gewürze und Tees noch per Lkw und in Jutesäcken in Diepholz an, wo Walter sie eigenhändig entlud, sattelten die beiden Geschäftsmänner bald auf Container um, die bei Sekem beladen und versiegelt und mit Schiff und Laster über Alexandria, Rotterdam und Bremerhaven nach Diepholz gebracht wurden. Sie legten fest, dass die ägyptischen Arbeiter die Kräuter gleich so verarbeiteten und zuschnitten, wie Walter sie in Deutschland verpacken und verkaufen konnte. Dafür musste Abouleish Maschinen kaufen, mit denen er die Waren bearbeiten konnte. Ziel war es, dass möglichst viel Wertschöpfung in Ägypten verbleibt. Sie lernten eine Menge über Mikrobiologie, Rückstandsanalysen und Reinheit und dass es besser ist, die Ware in deutschen Labors auf Schadstoffe untersuchen zu lassen als in ägyptischen, weil man dort niedrige Standards ansetzte. Sekem konnte in der Zeit immer mehr Bauern davon überzeugen, nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben und mit dem Betrieb zu kooperieren. Dafür bekamen siefeste Preise und Verträge zugesichert. Auch Lebensbaum profitierte, weil Walter sich stärker auf seinen ägyptischen Partner verlassen konnte: "Es war nun möglich, mit größeren Mengen zu planen. Das machte uns beide unabhängiger."

Lebensbaum ist für Sekem ein zentraler deutscher Handelspartner, der im vergangenen Jahr 400 Tonnen Rohwaren eingekauft hat. Solche Abnahmemengen geben dem ägyptischen Unternehmen Sicherheit. Das ist besonders in Krisenzeiten wichtig. Als mit der ägyptischen Revolution der Markt für Tee und Gewürze um 40 Prozent einbricht, hilft Walter dem Freund, begleicht sofort alle ausstehenden Rechnungen, spendet für soziale Projekte des ägyptischen Unternehmens. Auch die DEG steht Sekem zur Seite, springt, als sich einige lokale Banken zurückziehen, als Finanzierer ein und stellt ein weiteres Darlehen über fünf Millionen Euro bereit. Für Walter gehört das gemeinsame Durchleben von schlechten Zeiten zu einer funktionierenden Partnerschaft dazu. "Das verstehe ich unter nachhaltigem Wirtschaften." Er weiß auch: Damit die Teebeutelmaschine in Diepholz rund läuft, braucht er Sekem. Manchmal, sagt Walter, fragten ihn deutsche Mittelständler, wie er mit Unternehmen in Entwicklungsländern klarkomme. Dann gibt er immer eine Antwort: "Man muss sich auf die Menschen und das Land einlassen, versuchen, ihren Hintergrund zu verstehen. Besonders aber freue ich mich, wenn darüber hinaus auch eine Freundschaft entsteht."

von Katja Kasten

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