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Apostile

Rauf aufs Sofa - Kloßquamperfekt

Radfahrende in Nürnberg haben jetzt ein Parkhaus. Das ist nicht nur überfällig, sondern auch noch schick und macht die Radfahrenden zu Radparkenden, so sie denn nicht aus Furcht, Radfallende zu werden, lieber gleich als Radstehenlassende daheim verbleiben. Das machte sie dann zu Radfahrenwürdenden, derweil die Radfahrenwerdenden die Radgefahrenen befragen, ob denn die Radgefahrenhattenden als Radfahrendenden wieder Radgefahrenhabenwerdende sein wirden oder lieber als Radgefahrengewesengehabthattende künftig doc … Moment, aber die letzte Zeitform kommt mir Spanisch vor. Oder Fränkisch? Weil da bin ich neulich schon einmal darübergestolpert und gar nicht so elegant wie ich das gern gehabt hätte. Weil es gehen die Konjugationsformen ja bekanntlich so: „Es heißt, es hieß, es hat geheißen, es hatte geheißen …“ Und während du mit dem klammen Fingerlein die Tabelle hinabfährst und dir nickend zustimmst in deiner Schläue murmelst du weiter „es hat geheißen gehabt, es hatte geheißen gehabt…“ und der Finger aber fährt ins Leere. Sogleich schlimmer Hirnfraß, Schlafraub, weil: Wie kann das sein? Ich kann es sprechen, höre deutlich, wie um mich herum die Menschheit sagt „Aber es haddoch kassen ghabt …“ und „Du hast ihm doch gschriem ghabt …“ und jetzt soll es das nicht geben? Bestürzt, doch voller Tatendrang hab ich mir die Pionierskrawatte umgebunden und als Fähnlein Fieselschweif im linguistischen Entdeckerauftrag großen Schrittes ausgeholt. Gehabt. Erst einmal: Schwarmintelligenz befragen. Ob man mir sagen könne, wie das Tempus heißt, hab ich in die Crowd gerufen und dann gemeinsam Lösung ausgearbeitet, echte Teamarbeit, die Wangen rot, so muss Columbus sich gefühlt haben, als er Indien entdeckt. Oder halt um genau zu sein in dem Moment, als er entdeckt hat, dass da ein kleiner Irrtum vorgelegen gehabt hat. Weil freilich hab ich mit konquistadorisch geschwellter Brust rammbockgleich die Bürotür vom Linguistikzentrum eingerannt und von der Erkenntnis gekündet: „HABEMUS KLOßQUAMPERFEKT!“, hab ich gerufen und berichtet vom bislang völlig unbekannten Sprachphänomen, dem allein ich jetzt auf die Schliche gekommen und darob auch sorgfältig einen Namen auserkoren gehabt hab hätte, zwengs der offensichtlich fränkischen Singularität in Anlehnung an das im Hochdeutschen durchaus bekannte, im elaborierten Süddeutschen Sprachraum freilich lang nicht ausreichenden Plusquamperfekt, bei dem … „Ach liebe Frau Wasmeier!“ hat das Zentrum mich lächelnd unterbrochen, „das ist wirklich eine ganz wunderbare Idee, vielen Dank dafür, ich gebe das weiter.“ Die Entdeckung an sich jedoch sei nicht ganz so neu wie von mir vermutet, vielmehr befleißige sich der Baier als solcher schon lang der sogenannten „Strecktempora“, um einer Sache Wichtigkeit besonderen Ausdruck zu verleihen und weil halt so ein Präteritum einfach so nach Saupreiß klingt. Rote Wangen, Schameshitze. Zorn. Steinchentreten. Möchte trotzdem, dass das „Kloßquamperfekt“ heißt. Gefälligstbitte. Und dass Radgefahrengehabthabenden bitte wieder weitermachen.