1 subscription and 3 subscribers
Article

Samstag ist Waschzwang

Samstag, 10 Uhr in Nürnberg. Wetter: Weder sehr sonnig noch sehr warm, eher so Ekelfebruar. Hübsch grau mit ein bisschen Niesel. Traditionell erledigt der Mensch jetzt Dinge, die ihm wichtig sind. Einkauf, Frisör, Baumarkt. Die hundert Meter lange Schlange aber, die sich um den Dianaplatz windet, hübsch rechts herum und dann noch links, die wabert und sich zusammenzieht und wieder anschwillt, die in langsamer, doch stetiger Bewegung ist und nicht, niemals abzubrechen scheint, die zeigt: Heute ist nur eines wichtig. Heute kann es regnen, stürmen oder schnei’n, denn gleich strahlst du selber, wie der Sonnenschein – du, mein Liebling. Mein Auto.

Warum? „Das ist wichtig für den guten Eindruck“, hatte Kevin eine Woche zuvor gesagt. Es ist klirrend kalt und nebeldunsig, man möchte sich drin verkriechen. Sicher nicht mit kaltem Wasser spielen. Es sei denn, es gibt eine Mission: Auto waschen. Selber! Deswegen steht Kevin seit einer halben Stunde in der SB-Waschbox, seift und bürstet und sprüht und rutscht über den Boden, auf dem Schaumwolken zu Eisgebirgen gefrieren. Ein sauberes Auto gebe ihm ein gutes Gefühl, sagt der 24-Jährige, während nebenan eine Dame mit dem Staubsauger kämpft und ein junger Herr akribisch Lack poliert. Ansonsten nimmt man’s hier pragmatisch: Weil’s halt sein muss, weil man grad eh vorbeigefahren ist, weil man grad kurz Zeit hat rein in die Box, Münzen in den Automaten, ab dafür. Wer’s sich (und seinem Auto) dreckig geben will, der besucht Mr. Wash.

„Ich bin der Prototyp“, sagt Florian Blum und poliert eilig mit dem Ärmel über den Kofferraum seines gleißenden Gefährts. Ob das nötig war, weil das „P“ ein bisschen kraftvoll kam? Nötig, weil in so einer bösen Luft bekanntlich Staubpartikel drohen? Oder nötig, weil dem heiligsten Besitz zwei äußerst zwielichtige Gestalten gefährlich nahe kommen? Solche, die ihr Kfz als „Nutzfahrzeug“ betrachten, als „Gebrauchsgegenstand“, wie Blum mit dem selben ungläubigen Staunen sagt, wie andere zur Kenntnis nehmen, dass jemand sich ein Haus gekauft hat. Auf dem Mond. Autos, die vollgebröselt, vollgepatschehandet sind, Baustellenfahrzeuge voller Gerümpel drin und Erde vom Wandern und Urlaub aus fünf Jahren? Nein, sagt Florian Blum, das sei ihm gänzlich unvorstellbar. Um genau zu sein: zuwider. Autos haben rein zu sein, oder noch besser: steril, sollen innen nach frischem Frühling duften und außen bitte spiegelnd glänzen. „Das hat ja auch was mit Werterhalt zu tun“, sagt Florian Blum. „Naja, und auch mit Spleen. Ich weiß.“ Den Spleen hat er zum Beruf gemacht – und befindet sich in bester Gesellschaft.

Seit 2015 lenkt und leitet der 39-Jährige die Geschicke des mittelfränkischen Ablegers von „Mr Wash“, Marktführer im Sauberkeitssegment, der in seinen deutschlandweit 32 Filialen jährlich rund 10 Millionen Autoaußenwäschen durchführt. 41 000, rechnet Florian Blum vor, seien allein in Nürnberg durchgeführt worden – im Januar! Täglich circa 450 Autos werden im hauseigenen Fließbandsystem einer Innenreinigung unterzogen. An manchen Tagen rollen 300 Autos über die beiden Waschstraßen – pro Stunde. Woher kommen denn diese ganzen Leute? „Das frag ich mich selber manchmal“, gesteht Blum und rapportiert die Bandbreite: Neue Lieblinge und alte Rumpeln, Geschäftsleute, deren Wagen repräsentieren und oftmals Kunden und Kollegen transportieren muss, Stammkunden, die teils täglich kommen … 49 Euro fürs Komplettpaket.

„Das Auto ist eben ein Statussymbol – und des Deutschen liebstes Kind.“ Mitnichten war das immer so. Während Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich 100 000 Autos spazierten, in den USA vom Ford’schen Band 300 000 Autos jährlich kamen, bummelten in Deutschland 1914 grade mal 55 000 PKW und teilten sich die Straßen mit vier Millionen Pferden. Erst Krieg und Wirtschaftswunder beförderten die Deutschen erst langsam, dann rasant von der Fahrrad- und Motorrad-Nation zu der des Autos, wie der Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz in seinem Aufsatz „Wahrzeichen deutsche Identität?“ schreibt.

Aber warum muss das so sauber sein? „Es ist ein Aushängeschild“, findet Florian Blum, dessen oberster Chef Richard Enning derzeit der „International CarWash Association“ vorsitzt und darum über breites Themenwissen verfügt. In den USA, wo das Ritual der Autoreinigung fest im Kulturgut verankert zu sein scheint – oder hat jemand schon mal Helene Fischer vom Traumdate an der Waschanlage singen und sich dazu im Schaum räkeln erlebt? – da geht’s nur um die Show, „am besten mit Lasershow und Disko im Putzlappen“, sagt Florian Blum. In Deutschland hingegen, da versteht man keinen Spaß, sondern: Sauber muss es sein. „Das ist international gesehen eine Eigenheit.“

Und wer’s richtig blank will, ruft Mr Wash. Am 24.12., wenn das Auto für die Oma sauber sein muss. Am 27., um die Kuchenbrösel zu entfernen. Im Frühjahr, wenn der Winter weg muss, im Herbst, wenn die Sommerfahrzeuge eingemottet werden. Vom Corsa bis McLaren fährt hier alles rein, um nach 30 Minuten beinah aufbereitet wird rauszukommen. Wem das nicht reicht, für den gibt es die Sauger-Halle. „Es gibt Kunden, die reinigen hier zwei bis drei Stunden ihr Auto und blasen noch den letzten Tropfen Wasser aus den Ritzen“, erzählt Florian Blum und zeigt auf Reihen voller Glanz. Herzlich Willkommen in Ihrem Beauty Salon.

Der Chef hat Verständnis: „Zeig mir dein Fahrzeug, und ich sag dir, wer du bist!“, proklamiert er und zeigt die eigene Innerei. Blitzeblank. Trotz Familie. Da habe er ein Auge drauf. „Der Drang zum sauberen Auto macht süchtig“, gesteht Blum und man beginnt zu ahnen, warum der Psychoanalytiker Dr. Micha Hilgers dem (deutschen) Autofahrer eine quasi-sexuelle Fetischbeziehung zur Blechbüchse unterstellt. Bei Mr Wash ist von „Glückspsychologie“ die Rede, der Slogan „Sauberes Auto, gute Laune“ prangt weithin sichtbar in der Anlage. Warum? „Weil’s stimmt!“ sagt Blum und freut sich doppelt.

Denn während bis in die 1980er Jahre zum deutschen Wochenendritual gehörte, den vierrädrigen Liebling in Heim und Hof und Garten aufzuhübschen, begann das wachsende Umweltbewusstsein dieses Hobby erst zu verpönen und schließlich zu verdammen und gesetzlich zu regulieren. Um es kurz zu machen: Reinigung in Eigenregie ist so ziemlich überall verboten, der sexy Car-Wash-Party ein gesetzlicher Riegel vorgeschoben. Weitestgehend scheint man sich dran zu halten, Verstöße werden kaum, in den letzten drei Jahren keine registriert.

Und das ist auch gut so: „Das Verständnis für Umweltschutz ist gestiegen“, sagt Ferdinand Ruf vom Umweltamt Nürnberg. Gestiegen heißt, das war nicht immer so. Bis in die 80er Jahre hinein gehörte es gewissermaßen zum guten Ton, am Wochenende sein Gefährt auf den Hof, in den Garten, auf die Straße zu rangieren und dort zu Putzschwamm, Gartenschlauch und Poliermaschine zu greifen. Dass dabei aber nicht nur Wasser und ein bisschen Straßenstaub im Spiel sind, sondern Motorenöl und allerlei giftige Chemikalien ist nicht gut fürs Abwassersytem, für die Natur gleich gar nicht – und kann mit bis zu 25 000 Euro Bußgeld geahndet werden. Prinzipiell ist eine Autowäsche auf nicht eigens ausgewiesenen Flächen möglich – jedoch unter so vielen Bedingungen, dass man sich lieber einfach an den Rat des Umweltamtes hält: „Unsere grundsätzliche Marschrichtung lautet: Bitte gerne zur Waschanlage fahren.“

Doch auch hier gibt es – mindestens in Nürnberg – eine winzige Spaßbremse: Ob sonntags gewaschen werden darf – sei es in Eigenregie oder im Drive-In-Salon, regelt jedes Bundesland auf seine Weise, nämlich mit dem Feiertagsgesetz. Dass entgegen aller Gepflogenheiten in Bayern die Heiligen Waschungen am Sonntag prinzipiell erlaubt sind, rührt die Frankenmetropole herzlich wenig, denn die hat bei der Gesetzeseinführung 1980 gleich von ihrem Recht Gebrauch gemacht und Waschanlagen zur Sonntagsruhe verdonnert.