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Tradition und Herzenswärme - 200 Jahre ikv

Mit 200 Jahren gilt der ikv als einer der ältesten Kulturvereine Nürnbergs – womöglich allerdings auch als einer der unbekanntesten. Das ist schade, denn wo vielleicht lauter Prunk und Protz heut fehlen, gibt es wichtiges Zuhauf: Herzwärme.

Besucht man Barbara Ott in der Geschäftsstelle, bekommt man wunderliche Wegbeschreibungen: Berliner Platz 9, „mein Büro ist auf dem Parkplatz, wo auch immer die Foodtrucks stehen.“ Tatsächlich verbirgt sich neben Mülltonnen , hinter Büschen und Holztoren ein winziges Schild, auf dem steht „ikv industrie- & kulturverein“, und nüchtern, kühl, so wenig prätentiös der erste Anschein sein mag, so sehr wird’s herzerwärmend, betritt man diese Räume, an denen man hunderte Male achtlos vorbeispaziert ist – symptomatisch für das Schaffen eines Vereins, dessen größte Sorge eins ist: Unsichtbarkeit. Dabei, erzählt Barbara Ott, „war der ikv DAS DING in Nürnberg bis in die 1960er Jahre.“ Ein bisschen hat sie das noch selbst erlebt, hat, heute 54-jährig, vor bald 20 Jahren die Geschäftsführung übernommen, „in Erbfolge von meinem Vater“, der 20 Jahre den Verein gelenkt hat. Ein bisschen können die Alten noch erzählen von früher – am besten aber lässt man das die Bilder machen. 500 Seiten umfasst allein die Chronik ab 1929, die der ikv anlässlich des 200. Geburtstages angefertigt hat. Bilder, die von der immensen Bedeutung, der schillernden Größe desjenigen Projekts zeugen, das 1819 von Dr. Johann Jakob Weidenkeller zum Ziel der „Förderung der Industrie und der Kultur sowie die Verbreitung der gemeinnützigen wissenschaftlichen Lehren“ gegründet war – und dabei mit der Unterstützung junger Menschen oder der Einrichtung einer Witwenkasse sozialen Aspekten einen sehr hohen Stellenwert einräumte.

Den, erzählt Barbara Ott, hat der ikv heute noch. Allein der Pomp fehlt. Vergleicht man den heutigen Sitz des ikv mit demjenigen, den er bis vor circa 60 Jahren hatte, beginnt bereits die Ursachenforschung. Anfang des 20. Jahrhunderts erfüllte der ikv sich mit dem Gesellschaftshaus einen langgehegten Wunsch: Dort, wo heute eine Krankenkasse baut, stand einst ein imposantes Prachtgebäude, Jugendstil wie Opernhaus und Hauptbahnhof, der bald zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens wurde und mit dem Segen gleichsam der Fluch erfolgte: Denn am selben Ort, an dem noch 1933 die Israelische Kultusgemeinde tagte, verabschiedeten wenige Jahre später die Nazis die „Nürnberger Rassengesetze“ – ein „Sündenfall“, beschreibt die Historikerin Verena Friedrich, der anhaftet. Den man aber auch „in der damaligen Zeit sehen muss“, sagt Barbara Ott – und von der im wahrsten Sinne kein Stein mehr übriggeblieben ist. Im zweiten Weltkrieg zerbomt, gelang es dem ikv nicht, die finanziellen Mittel zur Rettung des Ensembles aufzubringen, und fand im dem „scheußlichen Jugendstil“ wenig zugetanen Stadtrat Friedrich Seegy keinen Unterstützer. 1960 zog man an den Stadtpark, in dem das Restaurant wie seit Urzeiten verpachtet, der ikv im Nebengebäude untergebracht ist – und im Schatten seines Mieters fristet, denn selbst vereinseigene Veranstaltungen im Parks werden kaum dem ikv zugerechnet. „ikv“, das glänzt halt nicht so griffig. Doch sie haben Vielfalt im Programm: Organisieren Sonderführungen in Museen, Tages- und auch Wochenfahrten, Landesgartenschau, Allgäu, Schiff im Rundumsorglospaket. Weinfest, Swing-Frühschoppen und zweimal jährlich einen großen Ball mit Bigband, Showeinlage: Alle zwei Monate trifft sich der Veranstaltungsausschuss, überlegt, diskutiert, plant, was man so machen könnte.

„Ohne diese Menschen würde hier nichts funktionieren“, sagt Barbara Ott gleichwohl bescheiden wie dankbar, denn zur Organisationsarbeit, der Verwaltung der gut 50 Mietwohnungen, die den Verein nicht nur finanziell sichern, sondern vor allem neben der Bezuschussung von Ausfahrten & Co. auch ein Agieren „ohne wirtschaftliches Gewinnziel“ ermöglichen, der Planung des quartalsmäßig erscheinenden „Stadtparkjournals“ bedroht derzeit ein Insolvenzverfahren gegen den früheren Pächter die Existenz des ikv. Da, gesteht Barbara Ott, „fehlen mir Zeit und Muße, um kreativ neue Ideen zu entwickeln.“ Dabei wäre frischer Wind so dringend nötig. Dass die Älteren das familiäre Umfeld, die Ausflüge, das Sichumnichtskümmernmüssen schätzen, ist toll. Aber die werden eben älter. Und „ich verstehen nicht, dass uns niemand kennt.“ Ein echter Ort würde vermutlich helfen statt dieser Körperlosigkeit, die sich hier und ins eigene Café einbuchen kann. Vernetzung mit anderen Einrichtungen, interkulturelle, generationenübergreifende Kooperationen und Angebote zu ersinnen, das auch. Doch dafür baucht es Ein- und Überblick in die jüngere Kulturlandschaft, „bräuchte ich einen Scout“, weiß Barbara Ott und lächelt schwermütig. „Her mit den Leuten, Ideen!“, sagt die Geschäftsführerin, die sich wünscht, Brücken für und in die Zukunft zu bauen und die sagt: „Mein Herzblut fließt da rein, dass sich alle wohlfühlen und es allen gutgeht.“ Das ist nicht sonderlich pompös. Aber so viel größer.

 

http://www.ikv-nuernberg.de/