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Apostile

Die Partykolumne - Auch Haltung ist Figur

Letzte Woche hab ich einen Mordsausflug gemacht. Ja richtig, alles was über meine Quartiersgrenzen hinausgeht ist ein Mordsausflug mit Aufregung und Stulle und Zeug, aber das war dann quasi ein Mordsmordsausflug weil es wurde mit einem Auto gefahren und das sehr lange. Ziel des Ausflugs war ein Herrenschneider, denn Menschen heiraten und wollen dabei aussehen, nach Möglichkeit gut. Jetzt denkst du „Oh, Herrenschneider, Maßanzug“ und sofort ploppen all die Bilder von großen gut ausgeleuchteten Räumlichkeiten auf, schwerer Teppich auf dem Boden, der das Geräusch von kleinen Nadeln und großen Geldscheinen schluckt, von meterlangen Schrankwänden, in denen Knöpfe wie Pralinen und Krawatten wie Whiskey präsentiert werden, von Bergen aus Stoffen und Bauschen und Garnen zum Verlaufen und in der Mitte ein Humidor und du bist König … Ich hab dann drei Stunden in einem ungefähr fünf Grad kalten Kahlraum verbracht, draußen schönster Frühlingsschein, drinnen ein Tisch mit kleinen Stoffmustern zum Durchblättern, immerhin: Ein Spiegel war vorhanden, doch durfte in diesen nicht hineingeblickt werden, denn, so der Mann, der sich als Schneider ausgab, man ändere automatisch beim Sichselbstbetrachten in einer Spiegelei die Haltung, um sich vor sich selbst möglichst attraktiv zu präsentieren, also schön optimal Brust hoch, Kinn rein, Bauch – welcher Bauch? – und das führe beim Vermessen des Körpers unter Umständen zu eher unrealistischen Ergebnissen. Hab ich mich im Spiegel angeschaut und mir gedacht, wieso unrealistisch? und dann kurz überlegt ob das vielleicht was damit zu tun haben könnte, dass auf Schnappschüssen von mir immer ein ganz anderer Mensch zu sehen ist als er morgens im Spiegel noch war, nämlich Foto suboptimal Brust runter, Kinn raus und Mordsbauch, und dann muss ich weinen und mich verhüllen und dann kommen Menschen und trösten und sagen „Was hast du denn, das ist doch ein total schönes Foto von dir, so schön schaust du aus!“ und dann muss ich noch viel mehr weinen und Burka bestellen und im Keller leben und mir einen Spiegel hineinstellen und nur noch dorthineinschauen … „Darf ich mir das klauen?“ bin ich aus meinen präsuizidalen Überlegungen geweckt worden, in denen ich scheint’s laut mein Mantra genuschelt hatte. „Auch Haltung ist Figur!“ hab ich pontifiziert und mich gefreut: Selbstverständlich dürfe er, jedoch mache dieser Satz beinahe zwingend einen Handkantenschlag erforderlich, schön mittig zwischen die Schulterblätter, „das kann man auch gern mal einfach im Vorbeigehen auf der Straße anwenden“, hab ich doziert und dem Coupeur mit der Handkante zwischen die Schulterblätter geschlagen und dahinein all meinen Groll gelegt auf Jungfrauen, die zwar Figur, jedoch keinerlei Haltung zeigen, diese wandelnden Fragezeichen, gramgebeugt von Last und Leid der Jugend, leer wie der Akku ihres smarten Lebensinhalts … Naja, vielleicht drückt sie ja auch nur der zentnerschwere Schal zu Boden. Glückauf, damit ist’s jetzt vorbei! Sprengt die Winterfesseln von euch und schmetterlingt aufrecht von dannen! „Reggaeton Tropical“ (T90, Flughafen), „Pan-Pot Second State“ (Rakete, Vogelweiher), „Südpunkt Disco“ (Pillenreuther Str), „Indie Freitag“ (Stereo, Klaragasse), „Fat Friday“ (M1, Kaiserstr) und am Samstag „Bierchen & Bühnchen Afershow“ (MUZ, Fürther Str & Desi, Brückenstr), „Maximum Rock Night“ Hirsch, Vogelweiher), „Disko 2080s“ (Stereo), „Guido Schneider“ (Mitte, Hallplatz), „Die Macht der Nacht 2.0“ (Cult, Dooser Str), „Ü30“ (Mississippi Queen, Hafen). Grade gedacht „Ach schau, Ü30, das früher immer witzig bei den alten Menschen.“ Jetzt schlechte Laune. Versuche aber, Haltung zu bewahren. Pff.