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Ausstellung: Long Story Shots

Im Frühling letzten Jahres sorgte Nadine Hackemer für ein großes Oho, war die damals taufrisch ins Fotografie-Studium eingestiegene Nürnbergerin doch quasi von der Immatrikulation weg für eine der weltweit bedeutendsten Auszeichnungen des Genres nominiert worden. Zum „Sony World Photography Award“ hat es dann zwar nicht ganz gereicht, für eine große Erfahrung jedoch allemal. Seitdem ist viel passiert – wie die Ausstellung „Long Story Shots“ unschwer beweist.  „Ich möchte Geschichten erzählen, die mich berührt haben und vielleicht auch andere Leute berühren können – und im besten Fall deren Horizont erweitern.“ Nadine Hackemer ist viel herumgekommen in den letzten Monaten. Stationen ihrer geographischen wie persönlichen Reise zeigt die 32-Jährige derzeit in Deutschlands erstem Kulturwohnzimmer, der Weinerei. Private Aufnahmen wie solche, die während des Studiums an der TH Nürnberg entstanden sind, schmiegen sich harmonisch an erste journalistische Arbeiten und solche, für die sie extra nach Südafrika geflogen ist. „Neun Geschichten“, sagt Nadine Hackemer, „und jede steht für sich.“ Alle eint die Herangehensweise der Fotografin: Eine Beziehung zum Thema und den portraitierten Menschen aufzubauen. Da ist, „Isn’t she lovely“, die Geschichte einer Transgender, mit der Nadine Hackemer die Eltern der Portraitierten besuchte, mit ihnen am Kaffeetisch und schließlich in Miras Kinderzimmer saß und fotografierte, denn „das ist der Ort, in dem sich ihre Sexualität entwickelt hat.“ Da ist „Alón“, ein autistischer Junge, der, verstoßen von den Eltern, bei der Großmutter aufwächst, im Wald lebt – und den zu suchen Nadine Hackemer extra nach Südafrika reist, sich mit der Großmutter in der Klicksprache Xhosa zu verständigen müht, eine Beziehung zu den Bewohnern aufbaut. Und zufällig auf J. P. van der Walt stößt, einen „Daniel Düsentrieb“, sagt sie, ein ehemaliger Flugzeug-Elektrotechniker, der abgeschieden von der Zivilisation lebt und dort am so eigenen wie spannenden Dasein bastelt. Nadine Hackemer erzählt die Geschichten, wie sie kommen, begleitet sie mit Interviews und Ton, wo es einen Mehrwert gibt, lässt sie für sich stehen, wo sie alleine sprechen oder hinterlegt sie mit großen Berichten wie der behutsam gezeichneten Liebesgeschichte eines jungen Downsyndrom-Paares, das sie für eine Reportage des Straßenkreuzer-Magazins begleitete und bei „deren normaler Liebe mir das Herz aufgegangen ist.“ Für das Sozialmagazin begibt sich Nadine Hackemer auch auf Spurensuche zum Thema „Zwangsprositution“, besucht Laufhäuser, berichtet von dieser „ganz anderen Welt“, von den Restriktionen, mit denen sie sich konfrontiert sah und ermöglicht Einblicke, die „man sonst nicht hat, wenn man kein Kunde ist.“ Eine eigene Welt, sagt sie, hinter der so viel mehr steckt. Viel steckt auch in den Geschichten, in denen sie sich mit Einsamkeit im Alter auseinandersetzt, mit simplen Mitteln, Fotos, die in ruhigem Aufbau, doch gleichsam verstörend sind. Verstörend vor allem für die Fotografin selbst war die Krankheit ihres Vaters. Schritt für Schritt zeichnet „Trigger me“ die Stationen des Herzinfarktes nach, zeigt Symbole und Orte, den schweren Einschnitt in die Lebenslinie – und den Vater selbst, der mit der Tochter den schweren Weg ein zweites Mal beschritt, und sich dabei von Foto- und Filmkamera begleiten ließ. „Long Story Shots“ zeigt kurze Ausschnitte langer und großer Geschichten, kombiniert Bewegung und Stillstand, komponiert Farbtupfer zu harmonischen Flächen und schafft es so, nicht nur die Sinne zu berühren. Sondern auch die Herzen. 
 Nadine Hackemer: „Long Story Shots“, Weinerei (Ostermayrpassage / Königstraße 33-37), bis 30. Oktober, ÖZ Fr-Sa 20-1 Uhr oder bei Veranstaltungen Mi&Do 20-1 Uhr, Eintritt frei; weinerei.de, nadinehackemer.com