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Inklusion und Musical: Der eingebildete Kranke

Die Lungen sind aufgewärmt, die Gesichtsmuskeln gelockert. Über acht Lippen ploppen die Konsonanten, und in klavier’ner Begleitung geht’s geschmeidig die Tonleitern im harmonischen „Mi-mi-mi-mi“ rauf und runter. Der „Musical und Schauspiel Franken e. V.“ macht sich bereit für eine weitere Probe. Aber was hier wirkt wie das Treiben echter Profis ist in Wahrheit eine Übungseinheit echter Laien, die sich im vergangenen Jahr zusammengefunden haben, um der großen Leidenschaft des Musicals zu frönen. Und dabei ganz versehentlich zu einer kleinen Besonderheit zu werden: Unter den zwölf Mitglieder finden sich gleich vier, die irgendwie anders und dabei ganz normal sind. „Wir haben eine Altersspanne von 15 bis 36 Jahren“, sagt Eva Beyerlein, Gründerin und erster Vorstand des kleinen Vereins. „Und wir integrieren zwei Menschen mit Behinderung.“ Eine davon, Darstellerin Isabel, flitzt grad geschmeidig im Rollstuhl auf die Bühne des ACT Centers, wo die Gruppe ihre finalen Proben aufgenommen hat. Seit April haben alle nicht nur jeden Samstag zwischen vier und acht Stunden an der Einübung ihres Stücks gearbeitet, sondern sich auch Tipps und Ratschläge von Profis geholt, zwei Workhops absolviert. „Ich habe immer schon im Chor gesungen und Schauspiel gemacht“, erzählt Eva Beyerlein, die als Kauffrau für Büromanagement gerade im dritten Lehrjahr angekommen ist. Ein Ausflug zum „Tanz der Vampire“ nach Stuttgart war gewissermaßen das Erweckungserlebnis: Musical soll’s sein, und zwar nicht irgendwas, sondern „selbst was auf die Beine stellen.“ Die 21-Jährige ruft per Facebook, Flyer, Freundeskreisakquise nach Gleichgesinnten – und findet gleich zwei Hände voll. Vier von zwölf, stellt sie fest, sind besonders: Isabell sitzt im Rollstuhl, Manu hat einen nicht hör-, dafür aber sichtbaren Migrationshintergrund, Basti ist Transgender. Und Jonas nicht nur Eva Beyerleins Schwester, sondern auch Autist. Der nicht nur „nie was mit Musical zu tun“ hatte, sondern auch noch etwas mit einer Gruppe. „Jetzt frag ich mich oft, warum ich nicht schön früher sowas gemacht hatte“, erzählt der 18-Jährige, der mit großer Begeisterung als „Mädchen für alles“ beim Proben dabei und auch mal kurz auf der Bühne zu sehen ist. Er müsse, sagt der angehende Fachlagerist, schon schauen, dass er sich einfüge, aber „eigentlich sind wir wie eine große Familie“. Die hat sich Moliers Klassiker „Der eingebildete Kranke“ vorgeknöpft – allerdings „reloaded“ in einer modernen Bearbeitung von Florian Stanek und Sebastian Brandmeier, mit der die Autoren 2016 den Medien- und Publikumspreis beim internationalen MUT-Wettbewerb gewonnen haben, der jährlich vom Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz veranstaltet wird. „Lustig ist das Stück“, sagen Eva und Jonas Beyerlein, „aber mit einem ernsten Hintergrund.“ Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient wird musikalisch auf die Bühne gebracht, die Unsitte, wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt zu rennen, sich allerlei aufschwatzen zu lassen, ein bisschen Liebe wird’s geben und Ränke freilich auch. Nach dem „Testlauf“ sozusagen, wenn das Stück am 29.9. erst in Nürnberg, am 27.10. in Höchstadt reüssiert, wollen sie weitermachen, eigene Stücke schreiben – und vor allem „zeigen, dass das Leben eben so ist wie es ist und man sich nichts einreden lassen soll.“ Wer da noch teilhaben will, ist herzlich willkommen. „Es gibt kaum Vereine, in denen Menschen wie wir eine Chance hätten – da ist das doch eine gute Sache bei uns“, findet Jonas.

„Der eingebildete Kranke RELOADED“, 29. September, 18 Uhr im ACT Center, Dieselstraße 77 (Eingang 2, 1. Stock), Eintritt 12/15€, 0911 13327664, musfranken.de