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Mikros auf: 20 Jahre Trällerpfeifen

Dass ein Männerchor zwanzigjähriges Jubiläum feiert, mag bei den meisten Menschen höfliches Interesse hervorrufen, nicht aber größere Begeisterung. Dass es sich dabei um einen schwulen Chor handelt, dürfte daran nicht viel ändern – zum Glück, muss man sagen, zeigt das doch, wie normal und nicht weiter erwähnenswert Homosexualität mittlerweile in großen Teilen der Gesellschaft gehandelt wird. Dass das freilich nicht immer so war, wird deutlich, wenn man sich den Werdegang der „Trällerpfeifen“ mal ein bisschen genauer anschaut – und spätestens dann versteht, dass so ein Jubiläum eben doch etwas ganz Spezialbesonderes sein kann.

Das beginnt schon mit dem Namen, der so fröhlich klingt, hinter dem sich aber eine so gar nicht fröhliche Geschichte verbirgt. „In den 1990er Jahren“, erzählt Robert Schütz, „kam es europaweit in Parkanlagen vermehrt zu Übergriffen auf Schwule.“ Die begannen, Trillerpfeifen zum Schutz zu Tragen – was bald zum Erkennungszeichen der Gemeinschaft avancierte. Ein Symbol wie es auch der Rosa Winkel war und bis heute ist, mit dem zur Zeit des Nationalsozialismus diejenigen Häftlinge in Konzentrationslagern gekennzeichnet wurden, die aufgrund ihrer Homosexualität dorthin verschleppt worden waren – und mit dem die „Trällerpfeifen“ bei ihren Auftritten daran gemahnen, dass „wir uns dessen bewusst sind, hier in Westeuropa in einer Art Elfenbeinturm zu leben, während es überall sonst auf der Welt noch so große Gefahr bedeuten kann, schwul zu sein.“ Robert Schütz weiß viel zu erzählen übers schwule Leben, über den Wandel in der Gesellschaft und seine eigene Biographie freilich, die geprägt war von Halbwahrheiten und Verstecken. Umso wichtiger ist dem 56-Jährigen, heute sagen zu können: „Die Trällerpeifen sind in erster Linie eine Gruppe Männer, die Spaß am Singen haben. Aber auch daran, sich darzustellen, rauszukommen aus dem Verstecken und mit einem gewissen Stolz zu zeigen, wie schwules Leben aussieht.“ Ganz normal nämlich. Seit 2001 ist Robert Schütz im Chor dabei, zweitältestes Mitglied nach Jürgen Mokosch, ältester eine Truppe von derzeit 16 Mann, deren jüngster Sänger 29 und erst seit wenigen Wochen dabei ist. Schon Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, erzählt Schütz, habe ihn der „Menü-Chor“ fasziniert: Ein „echtes Novum“, sagt er, das die Massen angezogen habe. „Damals“, sagt Robert Schütz, „war ich nur Zuschauer, hätte so gern mitgemacht, aber mich nie getraut, so in die Öffentlichkeit zu gehen.“ Denn das hätte bedeutet, sich endgültig zu outen. Undenkbar. Heute, rund 30 Jahre später, ist Robert Schütz glücklich, stolz, dem Chor anzugehören, frei leben zu können – und zu singen. 1997 entstanden die „Trällerpfeifen“ nach einem Aufruf in der „Nürnberger Schwulenpost“, einer der ersten Zeitschriften für Schwule und Lesben. Was als „Plärrboys“ begann, fand schnell Anklang nicht nur in der Heimatstadt, sondern weit über deren Grenzen hinaus. Stuttgart, Berlin, Trier – das, was zu Beginn nur Schwule, später deren Dunstkreis, irgendwann als Kuriosum interessierte, habe sich, so Robert Schütz, „in meiner Wahrnehmung in den letzten 20 Jahren völlig gewandelt.“ Um so größer ist der Stolz darüber, längst Mitglied des „Fränkischen Sängerbundes“ zu sein, herzlich aufgenommen als einer von fast 2000 Chören der Region nicht nur gleichwertig, sondern dort „offene Türen eingerannt“ zu haben. Eine Selbstverständlichkeit heutzutage? Mitnichten. Einem schwulen Chor aus Karlsruhe, erzählt Robert Schütz, sei die Aufnahme in den ansässigen Verbund verweigert worden, das passe einfach nicht. Der Chor habe sich dann eingeklagt. Nicht nur dieses Beispiel zeigt, dass es noch einiges zu tun gibt – und erklärt, warum Robert Schütz sagt, dass es so gut tue, respektiert und unterstützt zu werden. Und das mittlerweile selbst über die Grenzen Deutschlands hinaus. Beim Chorfestival „Various Voices“ waren die „Trällerpfeifen“ 2005 in Paris, 2014 in Dublin, sind 2018 zu Gast in München, und das sind nur wenige Beispiele. Geträllert wird beim Nürnberger Menschenrechtspreis oder, wie zuletzt, im Rahmen der Hospizwoche. Entwicklung? „Positivst.“ Gesungen wird alles, was der Truppe Freude macht, „wenig demokratisch“, spitzbubt Robert Schütz mit Verweis aufs Konfliktpotenzial, würde über neues Material abgestimmt, das von Chorleiter Hans-Georg Leinberger komponiert oder arrangiert wird. Dann gibt’s Rock und Pop, Schlager und Musical, Lady Gaga und Queen, „alles, was uns einfällt – frustig und lustig“, erzählt Robert Schütz, und dass man „Spaß an der Verkleidung“ habe, mal als Nonne, mal in Dirndl und Lederhose die Bühne betrete, meist aber akkurat in Anzug und Fliege. Und dass man nicht gerne statisch sein, sondern sich gern bewege und deswegen neuerdings mit Choreographen zusammenarbeite. „Da stolpert dann zwar so manch einer erstmal über seine Füße, aber alles ist besser als die immergleiche Chorbanane.“ Der Spaß steht im Vordergrund, die Gemeinschaft. Deswegen treffen sich die „Trällerpeifen“, die seit 2013 als gemeinnütziger Verein fungieren, nicht nur einmal wöchentlich zur Probe im Krakauer Turm, sondern gehen Kegeln, machen Ausflüge, haben untereinander Freundschaften geschlossen. Deswegen, sagt Robert Schütz, darf jeder, und zwar wirklich jeder, sich dem Verein anschließen: Als passives Mitglied (Monatsbeitrag 2,50 Euro) sind Alt und Jung, Mann und Frau, Homo und Hetero, jederzeit herzlich willkommen. So wie, das versteht dich von selbst, auch bei den Konzerten der „Trällerpfeifen“. Ein Ereignis, für das man sich noch ein wenig gedulden muss – zumindest, so man keine Karte hat für das Jubiläumskonzert am 12. November. Das nämlich ist zwar bereits eine Wiederholung des ausverkauften Jubiläumskonzertes vom Frühjahr, die Karten hierfür im Vorverkauf längst Restlos weg. Wer mag, darf’s gerne an der Abendkasse versuchen – oder sich gedulden bis zum April, wenn die „Trällerpfeifen“ gemeinsam mit den Karlsruher „WEIBrations“ an zwei Abenden das K4 zum Klingen bringen.


„20 Jahre Die Trällerpeifen e. V. – Schwuler Männerchor Nürnberg“, 12. November, 19 Uhr, Nürnberg Südpunkt, Pillenreuther Straße 147; traellerpfeifen.de