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Sturkopf mit Kuschelfaktor: Der Biber ist zurück

Davon, dass der Biber hierzulande fast ausgerottet worden war, merkt man dieser Tage entlang der hiesigen Gewässerufer nicht mehr viel. Sei’s durch eindeutig angenagte Baumstämme, sei’s durch Drahthosen zum Schutz derselben oder Schilder, mit denen die Stadt vor biberbedingtem Baumfall warnt – das zweitgrößte lebende Nagetier macht deutlich: Ich bin wieder da.

Zur größten Freude mindestens einer Person: „Der Biber“, sagt Barbara Philipp, „ist ein Architekt, der seine eigenen Vorstellungen davon hat, wie eine Landschaft auszusehen hat. Außerdem ein Kämpfer gegen alle Widrigkeiten, ein liebenswerter Sturkopf – und hat hundert Prozent Kuschelfaktor.“ Was den Menschen nicht davon abgehalten hat, ihm nachzustellen. Bis heute. Obgleich die Gründe sich geändert haben. Im 19. Jahrhundert, erklärt die 50-jährige Geografin und Umweltpädagogin, sei der Biberbestand nahezu eliminiert gewesen. Wegen des schönen, extrem dichten Fells, das sich vorzüglich für Hüte und Mäntel eignet. Wegen des „Bibergeils“, einem Drüsensekret, mit dem Männchen wie Weibchen ihr Revier markieren und das mystifiziert wurde als Aphrodisiakum und seit der Antike in der Medizin gebräuchlich war wegen der aus der Weidenrinde stammenden Salicylsäure, die wir aus dem Aspirin kennen. Und weil, hierzulande kaum vorstellbar, der Biber gern als Speise auf den Tisch kam: Um den harten Regeln der Fastenzeit eins auszuwischen, deklarierte die katholische Kirche den Nager kurzerhand als Fisch und damit zum Verzehr geeignet. Weil aber Fasten- und Tragezeit der Biberinnen kollidieren, bleibt der Nachwuchs freilich aus. Auch heute noch, weiß Barbara Philipp, kommt hie und da der Biber auf den Tisch, obgleich aus anderen Gründen: Wenn der Biber zu viel zu werden droht, wird er „entnommen“, also abgeschossen, darf dann nicht verkauft und will nicht weggeschmissen werden. Also dann verspeist. So weit ist’s in Nürnberg, übrigens im 14. Jahrhundert Entwicklungsstätte der heute weltbekannten „Biberschwanzziegel“, wohl noch nicht, obwohl dank der Rückansiedelungspolitik von Bund Naturschutz und Staatsregierung mittlerweile wieder grob geschätzt sechs Quartiere ortsansässig sind. Ein bis acht Biber leben im Bau, der nicht wie beim kanadischen Verwandten aus monströsen Dämmen besteht, sondern ganz diskret ins Flussufer gegraben wird. Gestaut wird nur im Notfall und aus ganz praktischen Gründen: essen, des Bibers Lieblingstätigkeit. Deswegen, erklärt Barbara Philipp, fällt er auch die Bäume: die frische Rinde junger Zweige, die Knospen sollen’s sein, und weil das Tier mit rund 1,20 Metern Länge und locker 40 Kilo zu pummlig ist zum Klettern, muss es das Essen eben zu sich kommen lassen. Viel gibt’s zu erzählen vom Biber, der einem in der Dämmerung schon mal über den Weg watscheln kann als „riesige Kugel mit kräftigen Zähnen“, vor der man sich aber nicht fürchten braucht, weil „der sein eigenes Business hat“ und sich für den Menschen nicht interessiert. Der sich für den Biber hingegen sehr wohl, zumal wenn er eine Landwirtschaft betreibt und ihm der pelzige Landschaftsarchitekt seinen Acker in einen See umgestaltet. Von einer Plage zu sprechen wäre angesichts Biberschadenmeldungen 2016 im Gesamtwert von 500 Euro doch etwas übertrieben, ein respektvoller Umgang miteinander ist dennoch angebracht. Von einer sogenannten „Entnahme“ rät Barbara Philipp ab: Ein leerer Bau würde sofort wieder besetzt, während sich die Bestände von alleine regulieren würden, sobald ein Revier voll ist. Wer neugierig geworden ist, dem sei am kommenden Freitag, 28. April die „BayernTour Natur 2017: Von Bibern und Menschen“ ans Herz gelegt. Circa zweieinhalb Stunden laden das Referat für Umwelt und Gesundheit und das Umweltamt der Stadt Nürnberg mit der Umweltpädagogin Barbara Philipp zu einem Spaziergang ein, der in die Welt des Bibers führt. Wie lebt er, welche Probleme verursacht er, welche Vorteile bringt seine Anwesenheit – die Expertin versucht, Aufschluss über den Lebenswandel des Bibers zu geben.  Treffpunkt ist um 18 Uhr am Südausgang am U-Bahn-Bahnhof Wöhrder Wiese (U-Bahnlinie 2 und 3), an der Fußgängerbrücke gegenüber des Biber-Schilds. Die Führung ist kostenfrei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Als Ausrüstung empfehlen die Veranstalter festes Schuhwerk und wetterfeste Kleidung. Der Spaziergang findet bei jedem Wetter statt. Ansprechpartnerin ist Barbara Philipp, Telefon 09 11 / 43 12 22 10