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Lachanfälle und viel Pathos: Ende für "Noris ohne Mauer"

Es war eine epochale Zeremonie, wie sie festlicher nicht hätte sein können: Unter gänzlicher Abwesenheit von Blaskapelle, Horsd'œuvre und Polizeichor, dafür mit gefälligen Ovationen, Vollkornmehl und Polizeistreife wurde am Donnerstagabend mit großer Geste der erste Stein der Nürnberger Stadtmauer aus seinem mittelalterlichen Gefüge gefräst und feierlich auf den Weg nach Linz gebracht.


Überraschend kam das nicht: Tags zuvor war das Ultimatum abgelaufen, das das Aktionsbündnis „Noris ohne Mauer“ zum freiwilligen Abriss der sandigen Altstadtumrankung den Stadtvätern gestellt hatte. Die blieben dem Festakt geschlossen fern, dabei hätte es einzelnen Bürgermeisterpersonen sicher gut zu Gesicht gestanden, selbiges zu zeigen und sich damit zum Bündnis wie der eigenen Humorfähig zu bekennen. Allein: „Die Mauer steht für Engstirnigkeit bis in die Mitte der Gesellschaft“, reklamiert Bündnismitglied Tobias Lindemann, der sich selbst keineswegs als Künstler denn vielmehr als Kulturaktivist verstanden wissen möchte, folglich gehöre sie entfernt, schließlich habe eine vergleichende Studie gezeigt, dass Städte, die sich frühzeitig ihrer Mauer entledigt hätten, heute sich eines so viel freieren Daseins in puncto Geisteshaltung erfreuten. In Nürnberg jedoch sei trotz der Mauer die provinzielle Haltung bis in die Eliten vorgedrungen, trägt der Aktionist mit heiligem Ernst vor, und so freue man sich im Überschwang, mit der „Reaktionären Bewegung“ aus Linz einen mehr als geeigneten Kooperationspartner gefunden zu haben, der seinerseits danach strebe, die Stadt vor der „ruralen Flut“ zu bewahren und im Zuge dessen auch gerne Donaubrücken einzureißen, denn „Was Gott durch einen Fluss getrennt hat, soll der Mensch nicht einen!“ Geeint sind die zahlreichen Teilnehmer und Besucher des Boheis gleichermaßen in jauchzendem Entzücken angesichts so viel Pathos. Wie auch von Festredner „Kai“, selbst Opfer einer langjährigen Mauer-Gefangenschaft irgendwo da oben im Osten, der „hoffnungslosen Nostalgikern“ empfiehlt, fürderhin „nach Linz zu fahren und dort Kränze abzulegen“ und weiß: Der Abriss der Norismauer bedeute „einen großen Schritt für Nürnberg, einen wohl eher kleinen für die Menschheit“. Artig bedankt man sich für die „kritische Solidarität der Altstadtfreunde“ und die lautstarke Unterstützung der AfD sowie Bürgermeister Christian Vogel, der ebenfalls nachdrücklich für den Erhalt der Mauer plädiert (und den entsprechenden Facebookpost gerüchteweise zwischenzeitlich lieber wieder gelöscht) hat. Der für diesen „Akt der Völkerverständigung“ eigens angereiste Staatsbesuch aus Linz jedenfalls zeigt sich überglücklich über das Geschenk, es muss der erste Redner abgelöst werden, übermannen ihn doch die Gefühle und beuteln ihn in einem veritablen Lachanfall, verspricht, die Mauer gut zu behandeln und behutsam die Lücken zwischen den alten Linzer Stadttürmen mit ihr zu verfüllen, und schon wird unter lautem Getöse der erste der sorgfältig durchnummerierten Steine aus dem Geflecht gefräst, Steinstaubsturm inklusive. Da der Abtransport einzig mittels einer Schubkarre geschieht, warnt man umsichtig vor möglichen Verkehrsbehinderungen. Das Aktionsbündnis, so Lindemann, Sprecher der rund 20-köpfigen Gruppe, habe mit dem heutigen Festakt, der im Verlauf von freundlichen Beamten um ein paar Dezibel reduziert wurde, seinen „Kulminationspunkt“ erreicht und warte nun friedlich ab, was sich aus der gesellschaftspolitischen Utopie, gehirngewundene Mauern zu durchbrechen, entwickle. Weitere Aktionen seien vorerst nicht geplant. Wie bedauerlich.