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Leslie Kern: "Städte sind von Männern für Männer gemacht"

Frauen bewegen sich statistisch gesehen anders in Städten fort als Männer. Quelle: picture alliance / photothek

"This is a man's world", singt James Brown in seinem gleichnamigen Lied von 1966. Schaut man sich in Großstädten um, könnte der Titel wohl auch von modernen Stadtplanungen handeln. Dem würde zumindest Geografin Leslie Kern zustimmen.


Denn Städte würden hauptsächlich von Männern gebaut, entworfen und geplant. Die Folge: Eine überwiegend männliche Perspektive darauf, wie die Stadt funktioniert oder funktionieren sollte.


Beispiel hierfür ist laut Kern die Art und Weise, wie Verkehrsnetze gestaltet sind. Die Forschungslage zeige klar die Bevorzugung typisch männlicher Fortbewegungsweisen, nämlich lineare Fahrten vor allem mit dem Auto zu Stoßzeiten, sagt sie. "Fahrten von Frauen umfassen mit größerer Wahrscheinlichkeit mehrere Zwischenstopps, sind nicht linear, da sie sowohl Fahrten zu "Care-Arbeiten" als auch Fahrten für bezahlte Arbeit umfassen."


Daten getrennt nach Geschlechtern fehlen

"Jeder, der schon einmal versucht hat, einen Kinderwagen in einen Bus zu nehmen, weiß, dass das System nicht für ihn entwickelt wurde", weiß auch Mary Dellenbaugh-Losse. Sie ist Leiterin des Urbact-Projekts, einem europäischen Unterstützungsprogramm für nachhaltige Stadtentwicklung. Ingenieure konzentrierten sich laut einer Urbact-Studie insgesamt eher auf "Mobilität in Bezug auf Arbeitsplätze".


Das sei "eines der drängendsten Probleme für Frauen, insbesondere für diejenigen, die Erwerbstätigkeit mit unbezahlter Betreuungsarbeit" wie Haushalt, Kinder, Pflege kombinieren müssen, sagt Dellenbaugh-Losse. Frauen erledigten diese Aufgaben statistisch gesehen viel häufiger als Männer zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln und haben weniger Zugang zu einem privaten Fahrzeug.


Dellenbaugh-Losse spricht von einem Problem, das schon vor der Planung beginnt. Es fehlten Daten zu Mobilität getrennt nach Geschlechtern. Die Stadtplanung diskriminiere Frauen und Mädchen nicht aktiv und bewusst, sondern ignoriert sie als Nutzergruppe. "Wir nennen das Geschlechterblindheit."


Wie könnte eine frauenfreundliche Verkehrsplanung aussehen?

"Gender Planning" nennt sich die Strategie, die Geschlechtergerechtigkeit in der Stadtplanung umsetzen soll. Ein erster und besonderes wichtiger Schritt sei es laut den Expertinnen, Mädchen und Frauen aktiv in die Gestaltung der Planung miteinzubeziehen.


Speziell für den Bereich Verkehr würde sich Dellenbaugh-Losse darüber hinaus wünschen, dass Fußgänger und Fahrradfahrer gegenüber motorisiertem Verkehr priorisiert werden. Außerdem sollten fußgängerfreundliche Stadtviertel mit Einkaufsmöglichkeiten in Laufnähe zu Wohnvierteln gefördert werden.


Bedürfnisse von Frauen oft als "Nische" betrachtet

Öffentliche Verkehrsmittel sollten darüber hinaus auch außerhalb der Pendler zeiten häufiger fahren, sagt Dellenbaugh-Losse. Um den Transport von Fahrrädern, Kinderwagen und Einkaufstaschen im öffentlichen Nahverkehr zu erleichtern, würden zudem ebene Einstiege bspw. von erhöhten Bordsteinen aus helfen.


Die Bedürfnisse von Frauen würden oft als "Nische" angesehen, so Kern. Letzten Endes differenzierten sich Lebenswelten von Frauen und Männern aber immer stärker aus. Eine gendergerechte Planung denke die Vielfalt mit. Und so entstünden Ideen und Konzepte, "von denen nicht nur Frauen profitieren".


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