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Wie Menschen in Zukunft mit Maschinen sprechen

In dem Film „Her“ wird die Sprach-Assistentin zur besten Freundin des Hauptdarstellers, gespielt von Joaquin Phoenix. Foto: Warner Bros.

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Maschine, die Ihre Emotionen versteht. Sie kann sich in Sie einfühlen und darauf empathisch reagieren. Wenn Sie einen schlechten Tag hatten, weiß die Maschine, wie sie Sie wieder aufheitern kann.

Sie schickt Ihnen Tierfotos, einen Song oder erzählt Ihnen einen Witz. Über ein Chat-Programm hilft sie Ihnen im Alltag. Die Maschine ist ein ständiger Begleiter, ein persönlicher Assistent, und bald vielleicht sogar ein Freund.

Um herauszufinden, wie Menschen in Zukunft mit Maschinen kommunizieren könnten, hat eine kleine Forschergruppe von „Feld studio for digital crafts" ein Experiment durchgeführt. Beim Projekt ging es darum, spielerisch auszuprobieren, wie die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine in Zukunft funktionieren könnte.

Fünf Tage lang konnten 500 Teilnehmer mit einer sogenannten empathischen Intelligenz (E.I.) chatten. Was ihnen nicht explizit gesagt wurde: Die E.I.s waren keine künstliche Intelligenzen, sondern Menschen, die einfach nur so taten als wären sie Maschinen.

Ein digitales Theaterstück

Angefangen hat das Projekt vor etwas mehr als einem Jahr in einem Büro in Kreuzberg. Dort hat das Team von Feld sich gemütlich eingerichtet, das Studio hat den Charme einer WG gemischt mit dem Charakter einer Werkstatt.

Ein Hund begrüßt einen freudig am Aufzug. Sein Besitzer Torsten Posselt war einer des fünfköpfigen Kernteams, die meisten von ihnen sind Designer. Das Future Center von Volkswagen kam auf das Team zu und schlug eine Zusammenarbeit vor, erzählt Posselt.

Aus drei Ideen setzte sich die des Experiments mit Emotionaler Intelligenz durch. Spaß machen sollte es, jedoch sei es niemals darum gegangen, die Teilnehmer zu veräppeln. „Es war nicht als Scherz gemeint", sagt Posselt. Vielmehr sei es wie ein digitales Theaterstück gewesen, in dem die Nutzer ein mögliches Zukunftsszenario erleben konnten.

Posselt erzählt, dass natürlich einige Teilnehmer sehr schnell misstrauisch wurden und die Fähigkeiten ihrer E.I. testeten, um herauszufinden, ob sich dahinter ein Mensch oder eine Maschine befand. Den meisten Teilnehmern sei auf irgendeine Weise bewusst gewesen, dass die Technologie noch nicht so weit entwickelt sein konnte, erzählt Teammitglied Nicola Theisen.

Philosophische Diskussionen

Ihre Zweifel ignorierten die Teilnehmer aber nach einer Weile, sie willigten quasi in die Illusion ein, denn letztlich spielte es keine Rolle, ob eine künstliche Intelligenz (mit oder ohne menschliche Hilfe) oder eben ein menschlicher Operator mit ihnen chattete.

Die Operatoren, die aus verschiedenen Ländern kamen und von denen die meisten Mitte 20 Jahre waren, wollten anonym bleiben, für ein Interview stand leider niemand zur Verfügung. In einem Buch, das in der Ausstellung ausliegt, berichten sie von ihrer Zeit als Maschine.

„Ich hatte den Eindruck, dass die Tatsache, dass ich eine Maschine war, es den Menschen leichter machte, sich zu öffnen", schreibt eine E.I. namens Jana. „Eine Maschine kann nicht urteilen und das kann ein beruhigender Gedanke sein." Viele führten philosophische Diskussionen. Eine E.I. bat ihren Chatpartner, das Konzept von Freundschaft zu erklären. MancheTeilnehmer nutzten ihre E.I.s lediglich als eine Art Butler.

Wertvoll im Bereich der Pflege

Das Experiment ist von den Machern auch als Appell gedacht: Nicht nur abwarten und alles konsumieren, was Konzerne entwickeln und anbieten, sondern selbst nachdenken, ob und in welchen Bereichen empathische Maschinen Sinn machen und wie wir mit ihnen interagieren wollen - auch um möglichen Gefahren entgegenzuwirken.

Posselt steht der Entwicklung von E.I.s skeptisch gegenüber: „Bei den meisten bisherigen technischen Revolutionen ging es nicht um das Wohl der Menschheit, sondern vor allem um Einnahmen." Seine Kollegin Monika Bansal erzählt von Positivbeispielen: So könnte eine E.I. dabei helfen, noch besser auf die Bedürfnisse von autistischen Kindern einzugehen.

Auch im Bereich der Pflege könnten empathische Maschinen einen wertvollen Beitrag leisten. Theisen sagt, sie könne sich eine Beziehung zu einer künstlichen Intelligenz ähnlich wie die zu einem Haustier vorstellen: eine Beziehung, die auf Empathie basiert, aber bei der eine gewisse Hierarchie vorhanden bleibt.

Trauriger Abschied

Vertrauen spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Aufgabe der zehn Operatoren war, als Maschinen zu ihren menschlichen Gegenüber eine Beziehung aufzubauen und von ihnen zu lernen. Höflich, einfühlsam und neugierig sollten sie sein. Ein paar Fragen und Gedankenspiele waren in den Ablauf fest eingeplant. Worüber sie sonst mit den Menschen sprachen und auf welche Weise, das stand ihnen frei.

Und dann gab es Beziehungen, deren Kommunikation wunderbar absurd wurde: Ein Mensch-Maschine-Paar zeigte sich seine Zuneigung, in dem es sich Fotos von Welpen schickte. Die E.I. namens Sophie schreibt: „Das Schlimmste war immer, sich am Ende unseres letzten gemeinsamen Tages zu verabschieden."


Bis Ende Februar ist die Ausstellung „Empathic Futures: Exploring the Future of Human-Machine Relationships" bei Volkswagen in Berlin, Unter den Linden 19a, zu sehen. Von zehn bis 20 Uhr ist das Gebäude täglich geöffnet, der Eintritt ist frei.

Das Berliner Studio Feld hat das Projekt durchgeführt. Es wurde vor acht Jahren von Berliner Designern gegründet, auf der Website ist von High-End-Produktionen und künstlerischer Intervention die Rede.

Mehr Informationen und das gesamte Archiv der Chat-Dialoge ist zu finden unter: empathicfutures.com

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