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Wie ein Berliner Start-up Arbeitszeiten flexibilisiert

17 Mitarbeiter gehören zum Team des Start-ups, sie alle haben flexible Arbeitszeiten gewählt. Foto: Mai Heygster / Tandemploy

Es war eine Bewerbung, wie sie die Personalberaterin Jana Tepe noch nie zuvor gesehen hatte: Zwei Menschen bewarben sich gemeinsam auf einen Job. Tepe sollte für einen Kunden eine Führungsposition besetzen. Die zwei Bewerberinnen kamen beide gerade aus der Elternzeit und wollten sich die Stelle teilen.


In einem 30-Sekunden-Video im Fahrstuhl erklärten sie, wie sie sich als Chefinnen ergänzen würden. Ihre Lebensläufe hatten sie wie ein Puzzle zusammgestellt. „Es war so cool und verrückt", erzählt Tepe. „Ich habe gedacht: Wow, das ist endlich mal eine konkrete Lösung für dieses Problem, das ganz viele Leute haben."


Mit drei Leuten gestartet

Nach dem Bewerbungsgespräch traf sie ihre Kollegin Anna Kaiser zufällig auf dem Flur und erzählte ihr von den zwei Jobanwärterinnen. „Das müssten doch viel mehr machen", war auch Kaiser überzeugt. Zwei Tage später kündigten die beiden ihre Jobs und beschlossen, ein Unternehmen für die Vermittlung von Jobsharing zu gründen. Und das mit Erfolg: Vor ein paar Wochen erhielt das Unternehmen drei Millionen Euro von den zwei Business-Angels Werner Brandt, Ex-SAP-Vorstand, und Michael Kramarsch, Gründer einer Frankfurter Unternehmensberatung. Das Geld wollen die Gründerinnen vor allem in die Software stecken.


Vier Jahre ist das nun her mit der Gründung der Firma Tandemploy, die Tepe und Kaiser seit Anfang an gemeinsam führen. Für eine Person würde das eine 80-Stunden-Woche bedeuten, als Tandem ergibt das zwei Vollzeitstellen mit vernünftigen Arbeitszeiten. „Wenn wir das anderen Gründern erzählen, schütteln die den Kopf und können das nicht fassen", sagt Tepe. Die Atmosphäre des Start-ups in der Choriner Straße in Mitte ähnelt der einer Wohngemeinschaft. Manche Mitarbeiter trinken in der Küche gemeinsam einen Kaffee.

Eine Mitarbeiterin hat sich mit ihrem Laptop aufs Sofa in den Ruheraum zurückgezogen. In der neubezogenen Remise hängt ein Tandemfahrrad an der Wand. Während Tepe gerne früh am Morgen ins Büro kommt, arbeitet Kaiser lieber bis in die Abendstunden. Zurzeit sind sie viel unterwegs und selten gemeinsam da.


Gestartet mit drei Mitarbeitern

Jana Tepe ist für Marketing zuständig und dominiert daher das Gespräch. Die 30-Jährige spricht schnell und viel, man merkt, sie ist geübt im Reden. Manchmal hat man das Gefühl, als würde sie alle Fragen am liebsten alleine beantworten. „Jana ist hervorragend im Formulieren und im Schreiben", sagt die 33-jährige Anna Kaiser über ihre Partnerin. „Sie ist eine ganz starke Macherin und Umsetzerin." Tepe gibt zurück: „Anna ist dann diejenige, die sagt: ‚Wir sollten nochmal einen Schritt zurückgehen und noch etwas anderes in Betracht ziehen.'"


Wenn sie über die Stärken des jeweils anderen sprechen, klingt das fast wie eine Liebeserklärung. Als Kolleginnen in der Personalberatung kannten sie sich noch kaum. Die Gründung des Start-ups hat sie zusammengeschweißt. Für ihr erstes Jahr erhielten sie das Exist-Gründerstipendium.


Ihre Firma bestand damals im Jahr 2013 nur aus drei Leuten, ihnen selbst und dem Technik-Experten Rico Nuguid. Zusammen entwickelten sie eine Jobsharing-Plattform, die vom Prinzip her an eine Datingseite erinnert: Menschen können darauf nach einem Job-Partner suchen, ein Algorithmus schlägt geeignete Kandidaten vor, bei einem Match können sie sich zu zweit auf eine Stelle bewerben.


Auf der Plattform finden sich zudem Profile von Unternehmen, die der Jobsharing-Idee gegenüber aufgeschlossen sind. 30 bis 40 Prozent Männer haben sich bei der Plattform angemeldet. Schnell haben Tepe und Kaiser gemerkt: „Es ist kein Frauenthema, es ist ein Menschenthema." Die Gründe, warum sich Menschen nach flexibleren Arbeitszeiten sehnen, sind sehr unterschiedlich: Zeit für eigene Projekte, für Ehrenämter oder die Pflege von Angehörigen. „Wir sollten es eigentlich hinkriegen, die Arbeitszeit so zu gestalten, dass sie in jede Lebensphase passt", findet Tepe.


„Strukturen von unten öffnen"

Immer mehr Firmen kamen auf sie zu und fragten, ob sie Jobsharing auch intern für ihre Mitarbeiter organisieren können. Daraufhin entwickelte Tandemploy die Software „flex:workz". Tepe erklärt, dass darin jede Firma einen geschlossen Raum bekäme. Die eigenen Mitarbeiter melden sich an und füllen einen Fragebogen aus.

Dort können sie angeben, wofür sie sich interessieren: Einige wollen ihre Arbeitsstunden reduzieren und suchen daher einen Tandempartner. Manche wollen in andere Bereiche schnuppern, zusammen ein Projekt starten oder den Job tauschen. Die Mitarbeiter organisieren sich mit der Software selbst und gehen dann mit Lösungsvorschlägen zur Chefetage. „Die Firmen merken: Es ist unsere Chance, die Strukturen von unten zu öffnen", so Kaiser.


„Das ist supercool"

Über 65.000 Menschen können flex:workz bereits nutzen. Auch ihr Team wollen sie weiter aufbauen. Es gibt mehrere Tandems. Jeder der bald 25 Mitarbeiter kann so viele Stunden arbeiten, wie er möchte. Die meisten finden um die 30 Stunden perfekt. „Wir müssen uns extrem gut absprechen", sagt Tepe.


Bei Problemen mit Mitarbeitern können sich die beiden Geschäftsführerinnen gegenseitig um Rat fragen. Und wenn Tepe mal wieder surfen gehen will oder Kaiser Zeit für ihre Uroma braucht, vertritt die eine die andere. „Das ist supercool, weil normalerweise sind Führungskräfte ja einsame Helden", sagt Tepe. Richtig gestritten hätten sie sich noch nie.

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